Porträt Ulf Penner (Archivversion) Penner, alte Felge

Seine Freunde begrüßt er mit »alte Felge«. Er selbst meldet sich am Telefon mit »Penner hier«. Ulf Penner ist Motorrad- und Tuning-Freak. Sein Humor ist trockener als die Sahara. Auf seine alten Tage hat er ein Buch über Motorentuning geschrieben.

Es ist schwülwarm an diesem Samstagmorgen im Mai. Ulf Penner sitzt in einem riesigen, verwinkelten
Backsteinimperium, einer alten Tabakfabrik. Hier hat er
seine Werkstatt, hier zupft er auf der Gitarre: »Cold, cold ground.« Tom Waits. Nicht, dass er nichts zu tun hätte. Nein, Penner hat immer was zu tun, er ist Workaholic. Dennoch: Irgendwann ist sogar Penner mal reif für eine Pause.
Kurz zuvor hat er zwanzig Kisten Bier geschleppt,
den Grill mit Kohle bestückt, Kühlschränke versetzt, eine
PA-Anlage aufgebaut und diverse Motorräder umgeparkt. Heute ist seine Werkstattparty. Um 15 Uhr geht’s los.
»Eigentlich nur wegen der Kids so früh«, sagt er. Mittlerweile hat die Hälfte seiner Gäste Nachwuchs. Penner geht da mit gutem Beispiel voran, wenngleich auch etwas unorthodox: Der 45-Jährige hat vier Kinder von drei Frauen. Verheiratet war er nie. »Irgendwie war ich doch schlauer, als ich gedacht habe.« Es schwingt kein Spott in Penners Stimme. Als die Worte über seine Lippen kommen, senkt sich sein Blick, verschieben sich die Mundwinkel und er atmet hörbar aus – ein Kapitel Vergangenheit. Die Gegenwart sieht rosiger aus.

Besser gesagt: tornadorot. Seit ein paar Monaten wartet sein Manuskript auf einen Verleger: 95 Seiten, A 4, 105 Abbildungen, Skizzen und Diagramme, 190000 Anschläge, Ringheftung. Titel: Penners Viertakt Tuning Fibel. Ein Jahr lang hat er sich die Last der Erfahrung von der Seele
getippt. Akribisch. Eisern. Jeden Abend zwei Stunden, nachdem die Kinder im Bett waren. Denn das, was Penner in nicht zählbaren Stunden und Versuchen erfahren hat, musste raus. Sein Werk wird nicht mit den Standardwerken der Tuningkunst konkurrieren. Soll und kann es auch gar nicht. Denn Ulf Penner hat, wie schon so oft in seinem Leben, einen eigenwilligen Weg beschritten.
Man müsste eine Art Nachschlagewerk in Taschenbuchform verfassen, dachte er sich. Eines in der Art, wie
er es seit zwanzig Jahren schon sucht, aber nie gefunden hat. Eines, das jeder Motorradfahrer praktisch im Tankrucksack dabeihaben kann. Um am Stammtisch oder
Treffpunkt nachzuschlagen. Aber auch eines, das die komplette Motoren-Tuningvielfalt mit simplen Worten erklärt und nebenbei jede Menge Tipps enthält, um Hobbyschrauber vor grandiosen Fehlern zu bewahren, sowie leicht verständliche
Anleitungen, die man mit einem Basissortiment von Werkzeug
umsetzen kann.
In 50 Kapiteln beschreibt Penner – Zitat: »Ein Motor wird um die Steuerzeiten herum aufgebaut« – praktisch alles, was derzeit technisch en vogue ist, um sogar in der IDM auf Poleposition
zu stehen. Angefangen bei der optimalen Gemischeinstellung über effektive Kanalbearbeitung, die Erhöhung der Verdichtung, optimierte Airboxen bis hin zur richtigen Übersetzung des Getriebes. Und das liest sich, neben vielen technischen Beschreibungen, auch mal so: »Ein uralter Trick zum Ermitteln der Richtung
bei der Vergaserabstimmung ist das teilweise Abkleben der Ansaugöffnung. Wenn sich die Leistung sofort deutlich verschlechtert, ist die Abstimmung zu fett. Wenn das Ansprechverhalten und die Leistung besser werden, ist sie zu mager...«
Penners Werk ist nicht nur fachlich kompetent, es
liest sich auch kurzweilig. Hier hat ein Besessener die
Dinge ausprobiert. Seine Maxime: Vergiss die zweitbeste
Lösung. Und: Beende immer ein Projekt, bevor du das nächste beginnst.

Ulf Penner wird 1960 in Bremen geboren. Sein Vater stammt aus Danzig, seine Mutter aus Stettin. Beide sind Kriegsflüchtlinge, die es in die Weserstadt verschlagen hat. Das erste »Highlight seines Lebens« ist das Mofa
seines Opas, eine Starflight aus dem Hause Karstadt. »Die lief satte 35«, erinnert sich Penner. Immer wenn sein Opa mit dem Ding zu Besuch kam, entführte der damals Elf-jährige die Starflight und jagte damit um den Block. Seine Eltern haben es nie bemerkt. Vier endlose Jahre vergehen, dann hält Ulf seine eigene Maschine in den Händen:
ein Hercules P3-Mofa. Natürlich mit Tuning-Krümmer und
dickem Vergaser. Ein erstes Indiz, wohin die berufliche Reise gehen sollte? »Nein«, widerspricht Penner, »jeder aus der Clique hat getunt. Wessen Mofa damals nicht mindestens 40 lief, der war unten durch.«
Mit 18 macht Ulf den Motorradführerschein. Vier Stunden Pflicht, 350 Mark. Der Abiturient ersteht eine sehr stark gediente Yamaha XS 360. Für mehr reicht das Geld nicht. Er geht zum Bund, gönnt sich im Anschluss daran eine sechsmonatige Auszeit, durchkreuzt Amerika mit
einem Freund in einem Amischlitten von Ost nach West. Wochenlang suchen sie in den Rocky Mountains nach Gold. »Der Macker, mit dem ich unterwegs war, sucht heute noch. Derweil
ist er in Lappland am Graben. Dort bekommst du im Winter als Goldsucher sogar Arbeitslosengeld.« Fernweh? »Neee, das wär’ nix für mich. Wegen der Kinder«, sagt Ulf.
Zurück in Deutschland irrt er ein wenig ziellos durch den Garten des Lebens. Ulf beginnt ein Psychologiestudium, fährt Motocross-Rennen und arbeitet »aus finanziellen Erwägungen heraus« bei Daimler Bremen im Karosseriebau. Das Thema Tuning lässt ihn nicht los. Er verschlingt Fachbücher, experimentiert ständig, ist für sich und seine Freunde immer auf der Hatz nach mehr Leistung. Es kommt, wie es kommen muss: Ulf Penner erhält einen Job beim bekannten Tuner Honda-Wellbrock, ebenfalls in Bremen ansässig. Es ist die Zeit, als Wellbrock mit Leuten wie Michael
Galinski aktiv und erfolgreich in der Superbike-Szene mitmischt.

Der firmeneigene Prüfstand wird Ulfs zweites Zuhause. Zur
Erheiterung aller schleppt er irgendwann eine 34 PS starke
Yamaha XS 400 in die Halle und legt Hand an. Es entsteht »eine Waffe« mit giftigen Bremsen, unterwürfigem Fahrwerk und potentem Motor. Das selbst konstruierte Ram-Air-System aus alten Kühlschläuchen zwingt die Kritiker zwar mit Lachkrämpfen zu
Boden, doch das Ergebnis der Tuning-Maßnahmen nötigt ihnen Respekt ab: 52 PS, rund 200 km/h.
Karrierebeginn? Nein, Penner verlässt den Pfad, auf dem er wandelt. »Der Job des Zweiradmechanikers ist leider immer mehr austauschen statt reparieren«, seufzt er. »Nie kommt jemand mit zehn Mille vorbei und sagt: Mach mal was!« Aus Geldnot flüchtet er in einen anderen Job: Versicherungskaufmann. Ein Beruf halt. Sonst nichts. Seine Berufung hingegen bohrt in ihm, nagt ständig, will, dass er ihr nachkommt:
Tuning. 1998 verkauft Penner einem jungen Mann eine Krankenversicherung. Ein Mann, der sich mit einer Motorradwerkstatt selbständig gemacht hat. Thomas, 35, und Ulf verstehen sich von der ersten Minute an. Mechanisch wie menschlich. Ein paar Monate später zieht Ulf bei
Thomas ein. Beide teilen sich von nun an die Werkstatt, 200 Quadratmeter. Penner ist seinem Traum ein Stück
näher gekommen. Die Werkstatt wird Ausgleich zum vergleichsweise tristen Büroalltag: »Schrauben ist für mich wie Meditation.«

In seiner Tuningfibel behauptet er, dass die meisten
Tuner der Szene kauzig sind. Das könnte man mit böser Zunge von ihm ebenfalls behaupten. Seine Bekannten
beschreiben ihn liebevoll mit dem Ausdruck »Original«. Fakt ist: Penner ist nicht käuflich. Wenn ihm jemand gefällt, nimmt er sich dessen Problem an. Und tunt es weg. Fakt ist auch: Er hat für alle ein offenes Ohr, für jeden Hilfe-
suchenden einen Ratschlag. Vater Theresa, sozusagen. Der Mann, der am liebsten in seinem Blaumann wohnt, zwanzig Jahre Kaffeesucht überlebt hat, aus einer Laune heraus einem Rasenmäher schon mal einen Kawa Z 400-Motor verpasst und bei jedem ertunten PS einen Glücksrausch erlebt, steht an diesem Abend im Mai mit Gitarre und Mundharmonika vor seinen Gästen. Er lässt es rocken. Auf Öl getränkten Brettern. Zwischen abertausend Ersatzteilen. In einer von Schweiß, Ideen und Freiheitsduft geschwängerten Atmosphäre. Hier ist sein Buch entstanden. Es gibt kaum einen besseren Ort dafür.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote