Porträt Wolf of Magic (Archivversion) Stadt-Indianer

Der Grund war der Hund, vielmehr, dass er weg war. Um
ihn zu suchen, legte er sich
ein Motorrad zu. Eines, das in die Welt passt, in der er sich selbst gefunden hat.

Der Wolf stand auf der Kippe, streifte ziellos im Leben umher. Und beinahe aus dem Leben heraus. »Ich war
so weit drunten«, sagt er, »drunter ging schon nicht mehr.« Alkohol, Drogen, Schulden. »Was mein Leben gerettet hat, war, dass ich Angst hatte vor der Nadel.«
Das ist nicht die ganze Wahrheit, denn gerettet hat er sein Leben letztlich selbst. Als ihm klar wurde, dass er sich nicht länger um die Verantwortung herumdrücken konnte. Um die Verantwortung für sich selbst und für seine Tochter. 20 Jahre ist das jetzt her, als ihn sein
Sozialarbeiter vor die Alternative stellte: Nur wenn du eine Therapie machst, kannst du deine Tochter weiter sehen. Die Tochter studiert heute Psychologie, ist 28 und fast fertig mit ihrem Studium. »Sie war und ist immer noch mein Halt.«
Der Wolf hätte eine Menge Gründe, sich über ein verkorkstes Leben zu beschweren. Aber er tut’s nicht. Alles auf eine schlimme Kindheit zu schieben, lässt er nicht gelten. So merkt er fast nüchtern an, dass er als Kind »mehr Schläge als zu fressen bekommen hat«, erzählt lapidar von einer Jugend im Heim, zwei abgebrochenen Lehren und der Zeit am Frankfurter Bahnhof, als er Drogen nicht nur konsumierte. Vier und sechs Monate Knast. Kurz danach hat es ihn nach Stuttgart verschlagen. Stuttgart deshalb, weil er an der Autobahn stand und sich sagte: »Das erste Auto, was anhält, da fahre ich hin.«
Dort hat er seine Frau kennen gelernt. Damit allerdings sei alles erst schlimmer geworden, irgendwie. Denn im bürgerlichen Leben fand er sich schlechter zurecht als in dem Leben, das er vorher führte – die Sache mit der Verantwortung. Hätte er damals schon so gedacht wie heute, meint er, dann wäre er wohl noch verheiratet. Weil sich seitdem verdammt viel getan hat. Und da gehört das Motorrad einfach dazu, »mein Maschinchen«.
Die fährt er zwar erst seit etwa vier Jahren, im Kopf jedoch fährt er schon länger, viel länger. Seit Easy Rider. Für viele längst abgedroschen, wirkt in seiner Vorstellung dieser Traum weiterhin, der Traum von der Freiheit auf dem Motorrad. Wenn er sich bislang auch nur eine 125er leisten kann. In die hat er indes so viel reingesteckt, dass es für eine Große gereicht hätte. Von der träumt der Wolf. Von einer Harley. Auf der würde er den Mississippi entlangfahren und, wenn er schon mal dort ist, die Route 66.
Das sind Klischees, schon klar, doch ihm nimmt man das ab, wenn er erzählt, was ihm das bedeutet. »Ich mag den Trubel in der Stadt, aber ich kann die Augen schließen, und dann träume ich. Vom Mississippi, vom Adler, vom Wolf. Diesen Traum, den habe ich auch auf dem Motorrad.« In ganz eigener Art verbindet Wolf mythische und idealistische Vorstellungen zum Bild einer Welt, das er der Realität entgegenhält. In dieser Welt behandeln die Indianer ihre
Kinder und Alten mit Respekt, die entsorgen sie nicht im Heim. In dieser Welt jagt der Wolf nur, wenn er Hunger hat, »der fängt keinen Krieg an wie die Menschen«. In dieser Welt haben die Leute keine Vorurteile, sind freundlich, aufgeschlossen
wie die Kinder.
So ist die Welt, die er sich träumt. Die Welt indes, in der er sitzt, wenn er, um sein Geld zu verdienen, Musik macht auf seiner Gitarre und singt, diese Welt ist anders. »Es kamen Passanten mit einem kleinen Kind, und da habe ich bei dem Blumenladen, wo ich immer meine Gitarre deponiere, eine Rose rausgezogen und dem Kind gegeben. Die Eltern haben dem Kind die Rose aus der Hand gerissen, mich böse angeglotzt und die Rose zurückgesteckt.«
Andere, von denen der Wolf erzählt, die stellen ihm ihre Einkäufe hin, ob er mal kurz darauf achten könne, fragen
sie ihn. Auf Kinder habe er auch schon
aufgepasst. Denen müsse er immer
Geschichten erzählen, Geschichten, die
er sich selbst ausdenkt, Geschichten aus seiner Welt eben, solche, die den Kindern gefallen, ist er sich ziemlich sicher. Wenn Alkis die Leute belästigen, sagt er denen, »hey, jetzt lass aber mal die Oma in Ruhe«, und damit fühle die Oma sich gleich ein bisschen sicherer in der Unterführung, wo der Wolf seit 20 Jahren Musik macht, »so im Stil von Hannes Wader und Klaus Hoffmann, auch eigene Sachen, auf jeden Fall deutsch«. Früher, sei er selbst des Öfteren angemacht worden, dass er ein Rocker sei und ein Trinker und Penner und drogenabhängig dazu, doch das sei jetzt vorbei.
Mit dem großen Kaufhaus, an das sich die Unterführung anschließt, hat der Wolf nie Ärger gehabt, im Gegenteil. »Die haben mir extra einen Haken angebracht, wo ich meine Hunde anbinden konnte.« Den Haken gibt es, die Hunde nicht mehr. »Einen haben sie mir vergiftet, wo ich wohne, in Stuttgart-Wolfbusch (!), den anderen geklaut.« Um sich auf die Suche nach seinem Hund zu machen, hat er sich vor vier Jahren seine 125er zugelegt. Erst eine Marauder von Suzuki, »die ist mir auf der Autobahn um die Ohren geflogen, und mein Händler hat gesagt, besser, du nimmst einen Zweizylinder«.
Seinen Hund hat der Wolf nicht wieder gefunden. Doch mit dem Motorrad eine ganze Menge erlebt. Wie zum Beispiel den Unfall an der Kreuzung, wo zwei Autos ineinander gekracht sind, als beide Fahrer nur Augen für den Wolf hatten, die Fransen im Wind. Oder: Wenn ein Polizist ihn anhält wegen Auspuff zu laut, und der Wolf kann ihm in den Papieren zeigen, dass alles seine Ordnung hat. Oder: Wenn er zu einem Harley-Treffen fährt, und das lokale Blatt macht die Story über das Event mit einem großen Foto von seiner Maschine auf. Oder: Wenn er im Konvoi fährt mit großen Maschinen. »Den einen stehe ich mit meinem Maschinchen im Weg rum, und das lassen die mich auch spüren«, sagt er. Aber solche, das seien sowieso nicht die Echten. Die Echten, die akzeptieren, »dass ich nicht schneller kann, die akzeptieren mich«. Die Echten, das sind für den Wolf alle, die den Mythos Harley wirklich leben.
Und das sind Außenseiter. »Ich bin auch einer, und das kann jeder sehen.« Und das soll auch ruhig jeder sehen.
An seinen Haaren, seinen Klamotten, seinen Tattoos. Von denen hat er sich die ersten selbst verpasst. Die sind längst überstochen mit Einhörnern, Adlern, Wölfen, Indianern, Schlangen. Eben all den Wesen, die in Wolfs Welt so leben.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote