Porträt Wolfgang Müller (Archivversion) Meistermaler

Wolfgang Müller gewann zwei deutsche Meistertitel in der Schnapsglasklasse und wurde 1978 Vierter in der Weltmeisterschaft. Jetzt zeichnet er alte Meister des Rennsports.

Wer 200 Meter von der Solitude entfernt wohnt, erliegt der Faszination. Als Kind hat Wolfgang Müller
den Werksteams beim Schrauben über die Schultern geschaut und beobachtet, wie sich eine öffentliche Straße durch Strohballen, Absperrungen und Tribünen in eine Rennstrecke verwandelt, an der Hunderttausende die Hälse recken, wenn das Donnergrollen der Motoren ertönt. »Jeder Bub in Büsnau wollte Rennfahrer werden«, erzählt Wolfgang Müller. Doch als sein Idol Jim Clark 1963 das Glemseck nahe Stuttgart im nie gebroche-
nen Rekord von 179,4 km/h umrundete, wusste Wolfgang Müller schon, dass es ihm zum Autorennfahrer nicht reichte. Der damals 14-Jährige hatte sich in England erkundigt, wie viel ein Lotus 21 kostet. Umgerechnet 42000 Mark. Zu viel.
Stattdessen kachelte Wolfgang Müller mit einem alten Moped auf einer Wiese seinen Kumpels um die Ohren und legte sich mit 16 Jahren eine DKW TS 159 zu, »früher das einzig richtige Moped samt Rohrrahmen mit Unterzug und senkrecht stehendem Zylinder«. An den Wochenenden bestaunte er »Ausweisrennen« in Hockenheim, bei denen sich Motorradfahrer ohne internationale Lizenz tummelten. »Die sind wie die Sau gerast. Spektakulär viele Stürze. Ein ganz wilder Haufen«,
erinnert sich der Stuttgarter, der unter
der Woche brav Fotoretuscheur lernte. »Bilder, die gedruckt werden sollten, mussten noch mal nachträglich überarbeitet werden. Das war eine Fummelarbeit mit dem Pinsel auf dem Foto. Vielleicht kam aber so der Hang zur filigranen Technik. Das sind alles feine, kleine Sächle, genau wie 50er-Kölble«, lacht der Schwabe, der alles kann. Außer Hochdeutsch.
Sobald er den Motorradführerschein hatte, kaufte er sich eine gebrauchte Renn-50er für 250 Mark. »Eine Gurke.
Die war noch viel schlechter, als sie aussah.« Bei seinem ersten Flugplatzrennen in Mainz-Finthen 1968 qualifizierte sich Wolfgang Müller nicht, was ihn allerdings wenig störte. »Ich bin Steinbock. Ich versuche manchmal mit eisernem Willen durchzusetzen, was ich mir in den Kopf gesetzt habe. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber ich arbeite zielstrebig darauf hin. Und ich wollte Rennen fahren.«
Im Winter 1968/1969 schweißte Freund und Mechaniker Ernst Mammen einen Rahmen. »Es gab keine fertigen Production Racer. Wir waren ziemlich blauäugig und haben alles Pi mal Daumen gemacht. Doch es hat geklappt.« Den
luftgekühlten Motor verkaufte Kreidler
als Rennsatz, Teile wie Gabel, Räder, Bremsen kamen aus dem Zubehörhandel. Tank und Sitzbank laminierten er und
seine Büsnauer Freunde aus Polyester und Glasfaser. Mit Erfolg. Beim ersten Rennen mit dem Eigenbau in der Saison 1969 wurde Wolfgang Müller Zehnter.
»Das Moped war gelungen, aber zu leicht. Plötzlich kam eine Regelung, dass die 50er 60 Kilo wiegen müssen, vorher existierte keine Beschränkung. Unsere hatte nur 55 Kilo. Also haben wir Bleibrocken in Büchsen gegossen und die Klumpen mit Löchern versehen. Dann haben wir am Fahrgestell Aufhängungen gebastelt und die Bleiklumpen dort verschraubt.« In der Erinnerung lächelt Wolfgang Müller, und seine Augen strahlen. Am Beginn
seiner Karriere war Improvisationstalent gefragt. »Wir sind mit dem Auto zu den Rennen gefahren, haben den Beifahrersitz ausgebaut und das Rennerle auf der rechten Seite reingestellt. Im Kofferraum lag das Zweimannzelt.«
Ganz allmählich arbeitete sich Wolfgang Müller nach vorn und bekam 1974, als bereits wassergekühlte Drehschiebermotoren von Kreidler den Ton in der Schnapsglasklasse angaben, eine internationale Lizenz, doch erst 1977 die
Möglichkeit, durch seinen Punktestand
an allen GP-Rennen teilzunehmen. »Der Start bei WM-Läufen war schwierig. Ohne Punkte kein Start. Ohne Start keine
Punkte. Außer beim deutschen WM-Lauf durch eine gute Platzierung, die in der nächsten Saison angerechnet wurde.«
Dabei war eine Renn-50er zu bewegen eine ganz eigene Kunst. »Wir
sind immer angefußelt. Das Motorrad war nicht arg schwer. Man musste nicht anschieben wie ein Ochse, sondern sitzen bleiben und mit den Füßen mitlaufen,
bis es angesprungen ist. Bei schleifender Kupplung und 10000/min ging’s los.«
Dafür reichte der erste von sechs Gängen auch noch für Spitzkehren. Schlagartig richtig Saft hatten die Zweitakter zwischen 14500 und 16500/min. »Wenn einer das nicht gewohnt ist, das Ding hinaufzuzwiebeln bis 17000/min, dann tut das weh. Das schreit da unten wie verrückt. Jesesmäßig schrill. Ein Mordsspektakel.« Und es gibt noch eine winzige Schwie-
rigkeit beim 50er-Fahren. »Wer zappelt, kommt ins Wackeln. Man kann nicht groß drauf rumhampeln, sonst biegt’s ab.«
Der ruhige Wolfgang Müller blieb
geradlinig in der Spur und wandelte
sich zum Profi. Wobei es im Fahrerlager einst wesentlich lockerer zuging als heute. »Einige Fahrer wie mein Kumpel Hagen Klein waren Kasper, die viele Späße
anzettelten. Barry Sheene hat Mitte der 70er Jahre eine Latrine in Finnland ange-
zündet.« Wolfgang Müller dagegen hielt sich zurück. »Ich war immer ernsthaft bei der Sache.« Das Ergebnis: 1977 wurde er Deutscher Meister und 1978 Vierter in der Weltmeisterschaft. »Im Jahr darauf hatte ich die Startnummer vier. Das hat schon gut ausgesehen.« Sponsoren unterstützten ihn williger, und Startgelder flossen reichlicher. Statt Pkw nutzte er einen VW-Bus, den er schließlich gegen Transporter und Wohnmobil tauschte.
»Ende der 70er Jahre sind wir von der Fahrgestellbauerei abgekommen, haben ein Chassis gekauft und uns aufs
Motortuning konzentriert.« Der spätere MOTORRAD-Redakteur Werner Koch feilte im Winter 1980 an Auslasskanälen und zerbrach sich den Kopf über Resonanzlängen der Auspuffanlage. Die Abstimmung war ihr Geheimnis. »Wir waren alle Freunde im Fahrerlager. Aber in
den Zylinder durfte keiner gucken.«
Etliche Testfahrten vor Beginn der Sai-
son in Südfrankreich entschieden, welche Auspuffanlage bei Rennen eingesetzt wird. »15 PS hatte jeder. Es ging um die letzten ein, zwei PS.«
Neben der Motorleistung zählte die körperliche Leistungsfähigkeit. »Die Rennfahrer haben alle geraucht und gesof-
fen. Da war jeder schlapp.« Weshalb der Mann, der noch heute in seine Rennkombi passt, wie seine Gattin Rita stolz betont, Ende der 70er mit Waldlauf startete. »Zu jener Zeit ist kaum einer auf die Idee
gekommen. Doch ich habe gemerkt, dass ich konstanter fahre, wenn ich fit bin.«
Das alles zahlte sich aus. Wolfgang Müller ergatterte 1980 noch einmal den deutschen Meistertitel. »Ich dachte, ich trete auf dem Höhepunkt meiner Karriere ab.« Aus den Gewinnen, Preisgeldern und Prämien kaufte sich der damals 31-Jäh-
rige eine Firma. Seither arbeitet er an Computerretuschen von Autos und technischen Grafiken für große und kleine Stuttgarter Verlage. Außerdem fertigt er Zeichnungen und Gemälde. »Meist dreht es sich um Meilensteine der Motorsportgeschichte. Ich nenne meine Arbeit lieber Illustrationen als Kunstdrucke, weil es um technische Dinge geht. Natürlich muss bei den Rennszenen Bewegung dahinter stecken. Das Gefühl bei einem Rennen kenne ich, und ich habe hoffentlich auch die Gabe, das ins Bild zu bringen. Die Faszination liegt in der Geschwindigkeit, Geschicklichkeit, Kraft, im Kurvengrenzbereich.« Dabei recherchiert Wolfgang Müller häufig aufwendig. »Wichtig ist eine exakte Darstellung. Meine Kunden sind oft Leute, die sich mit diesem speziellen Typ Fahrzeug sehr genau auskennen. Wenn ein Auto die falschen Felgen drauf hat, bekomme ich zu hören, das war
aber anders.« Realismus allein genügt ihm
jedoch nicht. »Beim gemalten Bild kann ich darstellen, wie ein Rad einfedert, das Hinterteil eines Rennwagens vibriert oder wie es bei einer Rallye staubt.«
Bislang zeichnete Wolfgang Müller mehr Autos als Motorräder. »Der Markt ist größer.« Aber dem Motorrad blieb er treu. Eine Honda CB 900 F2 Bol d’Or und eine Suzuki Bandit 1200 S – »vor 20 Jahren hätte man damit GP gewinnen können« – nennt er sein Eigen. Während er früher auf der Straße mit seiner Gattin als Sozia den Jungen zeigte, wo Bartel den Most holt, hält er sich heute zurück. »Der Verkehr ist dichter geworden, die Verkehrsteilnehmer unaufmerksamer. Und Blinken Luxus. Doch Chopper würde ich nie
fahren. Harley auch nicht.« Was ihn am meisten aufregt: Blitzanlagen. Da verliert Wolfgang Müller völlig die Contenance. »Also die würde ich am liebsten...» Dann schimpft er: »Abzocke ohne Ende.« Eines ist sicher: »Ich werde immer Motorrad
fahren. Das ist eine Leidenschaft.«

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