Portrait eines Motorrad-Enthusiasten (Archivversion) Der Mensch hinter Detlev Louis

Zig Läden tragen seinen Namen. Täglich verlassen viertausend Pakete seine Versandzentrale. Doch wer ist dieser Mann, der Deutschlands Biker mit Kettenspray, Batterien und Helmen versorgt? MOTORRAD hat ihn besucht.

Für einen Augenblick huscht ein spitzbübisches Lächeln über das Gesicht von Detlev Louis, Jahrgang 1919. Und im Geiste dreht er das Rad um 70 Jahre zurück, ist wieder 18. Ein Halbstarker, ein Besessener, ein Motorradverrückter. Detlev Louis hat wie viele mit dem Motorradfahren angefangen. Aus Leidenschaft. Gegen das Establishment. Weil es ihn fasziniert hat.

Der Vater räumt ihm jedenfalls keine Steine aus dem Weg: „Wenn du ein Motorrad haben möchtest, dann musst du dir auch das Geld dazu verdienen.“ Hat ihn das abgehalten? Nein. Ganz im Gegenteil. Eigentlich wollte er ja schon viel früher loslegen. Er war 16 oder 17, da ist er ins Hamburger Rathaus gestürmt. Der junge Louis setzte auf die Mitleidstour: „Mein Vater ist alt und geht am Stock, ich brauche den Motorrad-Führerschein. Ich muss ihm doch helfen.“ Hochkant flog der Halbwüchsige aus der Amtsstube. Denn dem Beamten war der Vater als erfolgreicher und angesehener Rechtsanwalt in der Freien und Hansestadt Hamburg wohlbekannt. Und der ging alles andere als am Stock. Fuhr mit seinem NAG Monza selbst sogar Autorennen, was in der feinen Gesellschaft damals zum guten Ton ge-hörte. Motorsportlich betrachtet waren die Dreißiger des vergangenen Jahrhunderts eine sehr vitale Zeit, in der ein Schorsch Meier auf BMW die TT auf der Isle of Man dominierte, der charismatische Bernd Rosemeyer für die Auto Union zu verwegenen Rekordfahrten aufbrach und Mercedes-Benz den Mythos der Silberpfeile schuf.

Es war eine wohlbehütete, elegante Welt, in der Detlev Louis aufwuchs. In der Mutter Louise darauf achtete, dass der Sohn seine Klavierstunden nahm. In der Vater Bruno aber auch beide Augen zudrückte, wenn der technisch begeisterte Junior mit dem Automobil der Familie bereits mit sechs über das Louis‘sche Anwesen kurvte. Mit zwölf erlebte Detlev Louis sein erstes Autorennen auf der Avus in Berlin und war beeindruckt von einem blauen Bugatti, der dort seine Runden zog: „Als ich dann noch erfuhr, dass die Fahrer Geld dafür bekamen, stand mein Traumberuf fest: Rennfahrer. Aber nur bei Bugatti.“

Bis ihn dann der Motorradbazillus erwischte. Und den konnten weder väterlicher Widerstand noch amtliche Hindernisse eindämmen. Mit einer 200er-DKW, die man damals steuer- und führerscheinfrei fahren durfte, wurden Brötchen aus-gefahren, später lieferte Louis Kaffee auf St. Pauli aus. Und dann „war das erste große Geld da“, um sich ein „echtes“ Motorrad zu finanzieren.

Auf Raten konnte er schließlich eine ladenneue BMW R 51 kaufen. 135 Reichsmark kostete die Maschine, die mit einem heutigen 1000er-Superbike vergleichbar ist.

Doch Louis wollte nicht nur Motorrad fahren, er wollte Rennen fahren. Deshalb ging es mit dem Boxer gleich nach Schotten. Mehr als Platz zwölf war allerdings nicht zu machen. Damit Prämie und neue Reifen, die dem Sieger zustanden, in Reichweite rückten, musste was Besseres her. Also wurde die BMW gegen einen Vollblut-Racer eingetauscht. Eine 350er-Norton Manx versprach mehr Erfolg. Und siehe da. Schon in der zweiten Saison stand der Newcomer auf der gleichen Strecke auf Platz zwei.

Bei den Rennveranstaltungen lernt Louis Walter Lohmann kennen, der seit 1938 in Hamburg ein Motorradgeschäft betrieb – die Keimzelle der späteren Detlev Louis GmbH. Bevor die beiden Motorradbegeisterten jedoch richtig durchstarten können, bricht der zweite Weltkrieg aus. Damit sind die Rennen gelaufen, die 350er-Norton steht abgedeckt im Keller des Eltern-hauses, bis sie die Mutter ohne Wissen des Sohnes verkauft. Louis kann noch sein Ingenieursstudium am Hamburger Tech-nikum beenden, bevor er als Soldat der Luftwaffe auf Radarstationen seinen Dienst versehen muss.

1945 kehrt Louis nach Hamburg zurück. In der nach heftigen Luftangriffen ver-wüsteten Stadt kommt ihm schließlich das kaufmännische Kalkül zugute, das der Großvater mütterlicherseits geprägt hat. Mit der Hilfe von Freunden macht er sich ans Werk. Englische Militärmaschinen werden auf sauber gefegten Kohlelastern eingesammelt und in der Werkstatt von Louis fit gemacht. Mit der Schubkarre geht es durch die Trümmerwüste der Hanse-stadt auf der Suche nach Acetylen, das man dringend zum Schweißen benötigt. Es war die Zeit des Improvisierens und Organisierens. Es war eine Zeit, in der viele Sorgen steckten und das Tagesziel einfach nur satt werden lautete.

1946 steigt Lohmann offiziell aus, und Detlev Louis übernimmt das Geschäft im Alleingang, baut es langsam, aber kon-tinuierlich aus. Ein Meister, ein Geselle, ein Tuner waren die ersten Mitarbeiter, die Louis beschäftigte, heute sind es über 1250 Angestellte, die in den Filialen oder in der Hamburger Firmenzentrale arbeiten. Ex-plosionsartig, so bilanziert Detlev Louis heute, war dieses Wachstum aber zu keinem Zeitpunkt: „Ich habe die Firma wie ein Kind aufwachsen sehen. Erst wenn man sehr viel später zurückschaut, merkt man, wie groß es wirklich geworden ist.“

Tief hat sich der Satz eines Freundes bei ihm eingeprägt: „Du musst mittelmäßig bleiben!“ Damit meinte dieser freilich nicht die Qualität, sondern zielte vielmehr auf die Ausgewogenheit des Unternehmens ab. Risikofreudigkeit spricht Louis sich selbst ab: „Ich bin schon immer ein sehr vorsichtiger Mensch gewesen.“ Zwar ist, so konstatiert der Kaufmann, „der Wille des Kunden unergründlich“. Doch Louis besaß ein ausgeprägtes Gespür für die Bedürfnisse der Kunden und hatte immer die passenden Produkte zum richtigen Zeitpunkt im Laden. Unternehmerisch hat sich Louis im Gegensatz zu manchem Konkurrenten nicht auf zu glattes Parkett begeben wollen. Kontinuität und Tradition ziehen sich bis heute durch die Führung seiner Firma: Als Mitgesellschafter stehen dem 88-Jährigen sein Sohn Stephan und Günther Albrecht zur Seite, der dem Unternehmen seit fast 40 Jahren angehört und damit auch schon fast zur Familie zählt.

Dem Rennsport ist Detlev Louis in den Aufbaujahren seines Unternehmens treu geblieben. Auf AJS absolvierte er Geländeprüfungen und auf Augenhöhe ging es mit Hollywood-Ikone Steve McQueen „Rund um Isny“. Die Leichtigkeit jedoch, mit welcher der junge Louis einst auf seiner heiß und innig geliebten Norton rund um den Hamburger Stadtpark geprescht ist, die wollte sich nach dem Krieg nicht mehr einstellen: „Man ist zwar wieder gefahren. Aber die Atmosphäre von damals, die wollte nicht zurückkehren.“

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