Portrait Jens Holzhauer (Archivversion) Der Besserossi

„Konsequent und unermüdlich hat Holzhauer schon die alte Blade zu einem der leichtesten IDM-Superbikes abgefeilt“

Wo die Elbe zum mächtigen Strom wird, ihre Wasser im Frühjahr aus dem Bett treten und zwischen weit gefassten Deichen die Wiesen und Bruchwälder überfluten, da liegt Wittenberge. Bis auf eher idiotische Pläne zur Ausbaggerung des Flusses drohen dem Naturidyll rund um das fast 800 Jahre alte Handels- und Industriestädtchen keine weiteren Gefahren: Für die paar Leute, die an der Schnittstelle zwischen Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt leben, lohnt weder ein Flugplatz noch eine Autobahn. Größere Industrie-Ansiedlungen sind ebenso unwahrscheinlich.

„Aber nur von den Störchen kann hier keiner leben“, stöhnt Jens Holzhauer, gebürtiger Wittenberger. Vor der Wende hätten eine traditionsreiche Nähmaschinenfabrik und die Zellstoffindustrie Arbeit für Tausende geboten, nun seien Tausende abgehauen. „Mittlerweile werden hier Filme gedreht. Weil alles so schön altmodisch und verlassen ist.“ Das ist die eine Seite, 19 Jahre nach 1989.

Die andere markieren Leute wie Jens Holzhauer. Als sein Deutschland gewendet wurde, lernte der heute 35-Jährige gerade Lkw-Mechaniker. Den Lehrstoff lieferte anfangs der staatseigene Industrieverband Fahrzeugbau, meist in Gestalt skurril-charmanter Ifa L60, dann Iveco mit 40-Tonnern. Beide müssen längst ohne Holzhauers Beistand auskommen, denn der durchstreifte, mit dem druckfrischen Gesellenbrief in der Hand, die blühenden Landschaften der Marktwirtschaft. Selbständigkeit. Kfz-Handel. Freie Autowerkstatt. Seit 1994 Honda-Händler. Zwei Jahre später Kfz-Meister. Sieben-Leute-Betrieb. Aufschwung Ost, geht doch.
Nur nicht von allein. Die persönliche Vorliebe für schnelles Gerät – gleich nach dem Führerschein musste eine GSX-R her, eine ZX-7R überstand mehrere Jahreskarten Nürburgring – mündet nicht automatisch in florierende Geschäfte. Man muss wissen, was man tut, Prioritäten schaffen. Also erklärte Jens Holzhauer das sportliche Motorradeln einstweilen zur Privatsache und widmete sich der ganzen Artenvielfalt seines Geschäfts. Enduros, Cruiser, Tourer, Roller. „Africa Twin, da haben alle von geschwärmt, und als ich die gesehen hab‘, dachte ich nur: verdammt hoch und ganz schön schwer.“ Musste aber was dran sein, und der Systematiker Holzhauer ruhte nicht eher, bis er wirklich verstanden hatte, zu wem die Twin passt. Fernreisen und so, Abenteurer. Kundenzufriedenheit zählt im Abseits noch mehr als in Ballungsräumen.

Hinter der Terrasse seines Elternhauses verwandelte sich die freie Kfz-Werkstatt in einen Honda-Store, der wuchs und gedieh, bis Mutter Holzhauer mangels Anbaufläche ihre Gurken und Tomaten im Supermarkt kaufen ging. „Trotzdem: Das war immer noch Hinterhof, und das geht nicht mehr.“ Im Brandenburg des 21. Jahrhunderts gelten ähnliche Regeln wie überall. Gläsern soll er sein, weithin sichtbar und repräsentativ, der Motorradladen. Drinnen zählen kaufmännische Fähigkeiten oft mehr als Schraubertalent, weshalb Holzhauer wieder mal froh über seine Gattin war. „Britta ist gelernte Bankerin und Gott sei Dank voll eingestiegen. Shop, Verkauf, Buchhaltung – alles ihr Ding.“ Erst aufgrund dieses ehelichen Glücksfalls konnte Holzhauer seinen Traum im Sauseschritt verwirklichen: Er tunt Motorräder. Und genießt unter Sportsfreunden höchsten Respekt, seit HRP, die Holzhauer Racing Promotion, vor drei Jahren in die nationale Superbike-Spitze fuhr. Mit der vergleichsweise minderbegabten Fireblade, aber dafür jeder Menge Fahrwerkswissen und akribischer Radikaldiät. Die Briefwaage zählt zu den wichtigsten Werkzeugen; dank nimmermüder Konsequenz hat Holzhauer es geschafft, seine Blade zu einem der leichtesten Motorräder im Starterfeld abzufeilen.

Tüftelarbeit, die liegt ihm seit Kindesbeinen. Frühe Groschen hat er sich verdient, indem er Simsons S 51 – „Ein Muss für jeden anständigen DDR-Jungen“ – aus Glasfaser ein schickes Vorderrad-Schutzblech maßschneiderte. Den straßensportlichen Aufstieg behinderte das DDR-Mate-rial, ein selbst gestrickter Crosser bot keine Perspektive, doch die Wende löste dieses Dilemma. „Meine Kumpels fuhren auch allesamt Sportler, auf einmal gabs hier an die 20 Stück. FZR, GSX-R und so.“ Noch wurden Nähmaschinen produziert in Wittenberge, noch wurde verdient, und am Wochenende gings zum Nürburgring. Mindestens auf die Autobahn. „Einen halben Tag hab ich an so einem Kreuz mal Hang-off-Stil geübt, Mann.“

Der Honda-Händler Holzhauer konnte natürlich keine Kawa fahren. Aber die RC 45 – Serienmodell des Superbike-Weltmeister-Motorrads – wurde von den Kumpels versägt. „98 PS. Und so ging das los, bis ich ein vollkommen übertunter Hobby-Rennfahrer war.“ Auf dem Weg dorthin fuhr er regelmäßig bei Gerhard Thiede vorbei, der damalige Berliner Honda-Händler galt als seriöse Adresse für Leistungsforscher und konnte zentnerweise Basiswissen vermitteln.

Thiedes Ost-Praktikant musste nie lernen. Er wollte. Und will es immer noch. Manchmal zahlt er dafür viel Lehrgeld. Die VTR 1000 SP1 hatte es ihm angetan. „Sträflich verkannt – die hatte im Vergleich mit der Ducati ein riesiges Potenzial.“ Welches zu wecken er sich 2001 fürs Langstreckenrennen in Oschersleben anschickte. Thiede machte mit, erst ein Unfall verhinderte die mittlere Sensation, und dennoch: Man wurde aufmerksam auf den Wittenberger Tuner-Lehrling, unmittelbar nach dem Rennen wollten SP1-Fahrer Teile und PS kaufen.

Irgendwie muss damals eine Vision gekeimt sein: Tuning als Werbung und Einnahmequelle. Mit der Fireblade SC 57 präsentierte der Hauslieferant Ende 2003 endlich ein brauchbares Superbike, im Jahr darauf stieg HRP in die IDM ein. „Zum Lernen, logisch. Und nach den beiden Nullern am Ring wäre ich fast schon wieder ausgestiegen.“ Was Gerhard Thiede zu verhindern wusste. „Junge, hat der gesagt, die anderen kochen auch nur mit Wasser. Weiter arbeiten, dann kommen die Siege.“

Zuerst mal kam Martin Bauer. Der Österreicher suchte für 2005 ein Motorrad , als er wie beiläufig nach dem letzten 2004er-Rennen in Holzhauers Box schneite. Seine Referenzen waren so durchwachsen wie sein Potenzial offensichtlich, deshalb vereinbarte man ein unverbindliches Roll-out in der Woche drauf. „Ein Hammer: Nach fünf Runden Oschersleben kommt der rein, will vorne dies und hinten das verändert haben, nach 20 Runden fährt er eine glatte Sekunde schneller als Michael Witzeneder, der Fahrer unserer Premieren-Saison.“ Ein Partner bei der Analyse, ein Kämpfer im Sattel – Jens Holzhauer erklärt Martin Bauer zum Glücksfall fürs ganze Team. Am Sachsenring gelang der erste Doppelsieg. „Mit 154 PS am Hinterrad.“ Verzweifelt wenig, wenn eine GSX-R schon serienmäßig so viel leistet. Das Erdbeerbeet war fällig, ein Leistungsprüfstand musste her.

Stunden, Tage, Wochen verbrachte Jens Holzhauer auf dem Prüfstand, legte für 2006 – „Und wir fahren hier Stocksport-Reglement, Leute. Nix Superbike-WM“ – einfach mal zehn PS drauf. Setzte aber anfangs auf die falschen Reifen. Gesamtrang drei. Nicht schlecht nach drei Jahren Superbike-IDM, doch kein Grund zum Ausruhen: Lastenheft abarbeiten, Gramme suchen, Leistung finden, tüfteln. Martin Bauer dankte es 2007 mit einem überlegen herausgefahrenen Titel. Nicht nur die Importeurs-unterstützten Suzuki hatten das Nachsehen oder die von traditionsreichen Tunern vorbereiteten Yamaha, Ducati und MV, nein, auch Hondas Nummer-eins-Team, Alpha Technik, musste klein beigeben.

Dabei klingt Holzhauers Philosophie ebenso einfach wie populär: ans Gewichtslimit von 162 Kilogramm gehen, fahrbare Leistung anbieten und nie aufhören, am Fahrwerk zu arbeiten. Den Unterschied macht seine Konsequenz. Beispiel: die Ansaugtrichter, ein optischer wie technischer Genuss aus Alu. Die sparen – „Gewichtstuning ist immer noch das billigste Tuning“ – 37,8 Gramm. An der Eintrittsöffnung tragen sie eine Pünktchen-Struktur wie ein Golfball. „Bekannt strömungsgünstig“, grinst Holzhauer, „bringt glatt ein PS. Aber saukompliziert, diese Struktur da reinzubohren.“ Anspruchsvoll ist er, der HRP-Chef. Wenn niemand anders hauchfeine Karbon-Verkleidungen bauen kann, dann lässt er sie eben vom Formel-eins-Lieferanten kommen.

Über seinen Tuning-Shop treibt Holzhauer einen Teil seiner Kosten wieder ein. Und ganze Rennmotorräder verkauft er auch, wie die Republik spätestens seit Michael Schumachers Auftritten weiß. Der hatte die Karbon-ummantelte 2007er-Meister-Blade gesehen und wollte sie kaufen. Unverkäuflich, kam die Antwort aus Wittenberge, doch eine aktuelle, die könne er haben. „Toller Typ“, befindet Holzhauer nach den gemeinsamen Testfahrten, „echt nett.“ Und nett müssen die Leute sein, sonst sinds keine tollen Typen. Neben Schumacher – und das ist hier viel wichtiger – beeindruckte die neue Fireblade vor allem Martin Bauer: noch leichteres Handling, deutlich mehr Power, super Zeiten. „110 Teile haben wir seit Dezember um- oder neukonstruiert.“ Warum? „Weil ich den Pokal in Wittenberge behalten will.“ Und dann? „Na, so n bisschen Superbike-WM wäre schon prima, oder?“

Vorher jedoch will Jens Holzhauer die Basis des Tuning-Geschäfts verbreitern. Midrange-Power für die Transalp, Mehrleistung für die CBF 1000, strafferes Fahrwerk für die CBR 600 – ein weites Feld. Und sein Dankeschön an alle Kunden.

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