Präsentation Aprilia RS³ (Archivversion) Drei-Tech

In Italien entwickelt und mit englischer Formel-1-Technologie ausgestattet: Aprilias Dreizylinder-Viertakter für die MotoGP-WM 2002.

Auf der letzten großen Messe des Jahres war es endlich soweit: Aprilia präsentierte Anfang Dezember bei der Motor Show in Bologna seine lang erwartete Maschine für die MotoGP-WM 2002. Pünktlich auf die Minute enthüllten Firmenchef Ivano Beggio und Renndirektor Jan Witteveen den ersten europäischen Viertaktrenner, der von Beginn an in der neuen Grand-Prix-Königsklasse starten wird. Er heißt Aprilia RS³, und verfügt dementsprechend über einen Dreizylindermotor, den das italienische Werk mit Unterstützung der bekannten Autosportschmiede Cosworth entwickelt hat. Schon seit 1994 pflegt Aprilia Beziehungen zu der englischen Firma, die unter anderem Patente für spezielle Aluguss-Verfahren besitzt. Aus drei Gründen entschied sich Jan Witteveen für das Reihendreizylinder-Konzept. Erstens sind bei dieser Zylinderzahl und 990 cm3 Hubraum die Zylinderinhalte nahezu identisch mit denen der Formel 1. Man kann also auf bereits vorhandene Leistungsteile zurückgreifen und spart Entwicklungszeit. Zweitens darf ein Dreizylinder-Motorrad mit 135 Kilogramm zehn Kilo leichter sein als die Vier- und Fünfzylinder-Konkurrenz. Und drittens strebte der holländische Techniker eine europäische Lösung an: »Der Dreizylinder hat Tradition in Europa. Ich wollte nichts bauen, was die Japaner bereits haben.«Aprilias Triple lässt seine Verwandtschaft zu einem Formel-1-Triebwerk klar erkennen. Das zeigt sich sowohl am optischen Gesamteindruck als auch in verschiedenen Details – wie dem aus Kohlefaser gefertigten Nockenwellengehäuse, den aus dem selben Werkstoff hergestellten Ansaugtrichtern, der elektronischen Steuerung der Drosselklappen und der von Cosworth beigetragenen pneumatischen Ventilsteuerung. Letztere erlaubt bei hohen Drehzahlen große Ventilhübe und somit mehr Potenzial zur Leistungssteigerung als eine herkömmliche Ventilsteuerung über Federn. Jan Witteveen glaubt, dass sein Konzept über sechs oder sieben Jahre konkurrenzfähig sein kann.Derzeit produziert der Reihen-Dreier zwischen 200 und 220 PS bei rund 15 000/min. »240 PS sind maximal möglich«, prognostiziert Witteveen, der damit rechnet, dass solche Werte eines Tages in der MotoGP-WM nötig sein werden, um zu gewinnen. Nämlich dann, wenn die Werke entsprechende Systeme zur Kontrolle des Kraftübertragung entwickelt haben und auch die Reifen in der Lage sind, solche gewaltigen Leistungen auf die Piste zu bringen. Der kompakt wirkende Motor mit Trockensumpfschmierung wiegt 55 Kilogramm, soll aber noch um fünf Kilo abgespeckt werden. Acht bis zehn Exemplare werden für den Einsatz mit einem Fahrer bei den Rennen in der nächsten Saison gebraucht.Das Triebwerk hängt in einem Aluminiumbrückenrahmen mit dicken Profilen und einer wuchtigen Hinterradschwinge. Die Druckspeicherpatrone für die pneumatische Ventilsteuerung ist quer vor dem Zentralfederbein eingebaut. Das stammt wie die Upside-down-Gabel von Öhlins. Entwickelt wurde das Chassis der RS³ vor allem auf Basis des 500er-Zweizylinder-Zweitakters, mit dem Aprilia in der WM allerdings kein durchschlagender Erfolg vergönnt war.Die Verkleidung des neuesten MotoGP-Renners mit spitz zulaufendem Bug besitzt italienische Eleganz. Jan Witteveen freute sich bei der Präsentation über die Komplimente für das gelungene Outfit seiner Kreation, versicherte aber, dass dies reiner Zufall gewesen sei. Kein Designer habe die Schale der RS³ auf schick getrimmt, sondern sie sei allein aufgrund von technischen Erfordernissen und den Erkenntnissen aus dem Windkanal geschneidert worden.Für die erste Saison in der MotoGP-WM, wo die neuen Viertakt-Prototypen mit maximal 990 cm3 Hubraum zum spannenden Konzeptvergleich mit den bewährten 500er-Zweitaktern antreten, hängt der Aprilia-Renndirektor die Messlatte erst einmal tief. Auch in Anbetracht der Tatsache, dass zwischen dem ersten Roll-out des Bikes kurz vor Weihnachten und dem WM-Start in Suzuka nur gut drei Monate liegen. »2002 ist für uns ein Entwicklungsjahr. Wir möchten natürlich erste Erfolge erzielen, doch unser Hauptziel ist es, fit für die WM 2003 zu werden«, gibt Jan Witteveen die Richtung vor. Dann möchte Aprilia in der Formel 1 des Motorradsports aber nicht kleckern, sondern klotzen. Das kleine Werk aus der Nähe von Venedig plant, ab übernächstem Jahr mit zwei bis vier Fahrern anzutreten.Doch welcher Pilot soll Aprilias MotoGP-Projekt starten? Auf diese brennende Frage blieben Ivano Beggio und Jan Witteveen in Bologna noch eine Antwort schuldig. Als heißer Aprilia-Kandidat für 2002 galt zunächst Loris Capirossi, sicher auch deshalb, weil die italienische Zigarettenmarke MS als Hauptsponsor einen prominenten Fahrer aus dem eigenen Land auf der RS³ sehen möchte. Doch der ehemalige 125er- und 250er-Weltmeister steht bis 2003 beim 500er-Team von Honda Pons unter Vertrag – und da kommt er auch nicht ohne weiteres raus. Deshalb entschied sich Aprilia in der Woche nach der Präsentation des Bikes für den hauseigenen Piloten Régis Laconi. Der Franzose hatte den zweiten Lauf beim Superbike-WM-Finale in Imola gewonnen und die Serie als Elfter beendet.

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