Projekt Starthilfe (Archivversion) Was ins Rollen bringen

Wer den Start vergeigt, hat schlechte Chancen. Im Rennsport ist das so, im Leben nicht anders. Ohne oder mit miesem Hauptschulabschluss gelten Jugendliche als Verlierer. Dass man das Feld von hinten aufrollen kann, zeigt ein außergewöhnliches Motorradprojekt.

Die ersten fünf gingen in die Hose. Hatten Ecken und Kanten, sahen rechts nicht aus wie links. Aber das ge-
hört dazu. Doch Max hat sich nicht ent-
mutigen lassen und sich an den nächsten Versuch gemacht, Schablonen gezeichnet, ein Holzgerüst gebaut, Modelliermasse aufgebracht, gefeilt, geschliffen. Bis sie schließlich perfekt passte, die Form für den Rennhöcker der BMW R 1200 S.
»Klassischer Formenbau ist verdammt anspruchsvoll«, sagt Peter Steger, Geschäftsführer von R + R Fahrzeugtechnik im bayrischen Maisach und technischer Leiter eines ungewöhnlichen Rennteams. In dem arbeiten und lernen neben Max
16 weitere Jugendliche aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck. Allen ist es ähnlich
ergangen wie Max. Der sagt: »Ich habe
mich mitreißen lassen von allem möglichen Scheiß. War zu faul, hatte keine Lust aufzustehen, keinen Bock auf Schule.« Ein paar Monate vor dem Abschluss hat er die Hauptschule geschmissen und hing einfach nur rum, mit Kumpels auf der Straße. »Da war ich raus, da konnte mir keiner was sagen.« Wer hätte das auch sein sollen? Seinen Vater hat er nicht kennengelernt, der verschwand, als Max zwei war. Seine Mutter arbeitete sich den Buckel krumm, ging zwischendrin – ohne Max – mal in die USA.
»Ich habe auch meine Vergangenheit, und ich hatte Glück. Ein bisschen was von dem will ich zurückgeben«, erzählt Steger. Der selbst kurz davorstand, alles hinzuschmeißen, als sein Vater starb, die Karriere als Kunstradfahrer und Artist genauso wie seine Berufsausbildung als Kfz-Mechaniker.
Das wirkt nach. »Hätte mein Meister mir nicht die Leviten gelesen, wer weiß, was mit mir geworden wäre.« Bei den Jugendlichen, für die sich Peter Steger engagiert, reicht es nicht, ihnen ins Gewissen zu reden. Die Jungen müssen was tun, gemeinsam was erarbeiten, ein Ziel haben und die reelle Chance, dieses Ziel auch zu erreichen. Genau das soll ihnen das von der Bundesagentur für Arbeit unterstützte Projekt der Starthilfe ermöglichen. Indem sie nicht nur ein Motorrad aufbauen, sondern die komplette Infrastruktur eines Rennteams.
Während Max und Tom die neue
Bugverkleidung der BMW anpassen, sitzen Sabrina, Mirlinda und Verena im Büro vorm Computer. Es fehlt noch ein Vorzelt fürs Fahrerlager. Eine der leichteren Aufgaben. Nachdem sie bereits Sponsoren gesucht und gefunden, eine Homepage aufgebaut und bis zum Catering die Aufgaben verteilt und im Griff haben.
Mit Jugendlichen, die gemeinhin als benachteiligt bezeichnet werden, im
Motorradsport was zu machen, diese Idee begeistert Peter Steger schon lange. Von 2003 bis 2005 schraubte er als Chef-
mechaniker im Boxerteam in der Langstrecken-Weltmeisterschaft. Vor zwei Jahren hatte er beim Lauf in Oschersleben ein paar Leute aus dem Starthilfe-Kurs dabei. »Die wollten gerne mit, also habe ich sie halt mitgenommen und ihnen klar vermittelt, was sie erwartet und was ich von ihnen erwarte.« Dass sie das Lager und die eigene Box in- und auswendig kennen und in jeder Situation sofort wissen, was zu tun ist. »Irgendwann hatten wir einen Kupplungsdefekt und mussten die Maschine zerlegen.« Bernd Papilion, einer der Fahrer, war von der Ruhe und Gelassenheit, der Disziplin und dem Engagement der Jugendlichen damals so beeindruckt, dass er heuer für das Rennprojekt an den Start geht. »Ich bin mir sicher«, meint der Testfahrer von BMW, »dass ich ein perfekt vorbereitetes Motorrad bekomme.«
»Ich kann es einfach nicht mehr hören, wenn jemand sagt, er könne keine Hauptschüler ausbilden, weil die blöd sind«, regt Steger sich auf. Und freut sich dabei auf den Moment, in dem er allen zeigen kann: »Schaut mal her, was die Blöden so alles auf die Reihe kriegen.« Davon, dass die Jungs und Mädels so einiges draufhaben, war auch Rainer Bäumel überzeugt. Jedenfalls musste Steger nicht lange reden, bis der Baureihenchef für die BMW R 1200 S eine Maschine aus der Erprobung rausrückte. »Die Idee, soziales Engagement und Motorsport zu verbinden, hat mich sofort fasziniert.« Ohne Bäumel, sagt Steger, wäre vermutlich nichts gelaufen. »Der hat nur gemeint, Burschen, bleibt’s cool, wir machen das.«
Was sie tun: die R 1200 S um einige
Kilogramm abspecken, indem sie Kohlefaserteile anfertigen; das Fahrwerk verändern, indem sie den Schwerpunkt verlagern und neue Federelemente anpassen; aus dem Motor mindestens zehn Prozent mehr Leistung herausholen, indem sie die Ansaugwege modifizieren und die Elektrik.
Wobei die technischen Modifikationen des Motorrads selbst nicht unbedingt im Mittelpunkt stehen. Klar soll am Ende
die Maschine ordentlich laufen. Klar auch, dass Papilion auf dem Teil nicht nur hinterherfahren mag. Und ebenso klar, dass alle Beteiligten den Erfolg an der Rennstrecke erleben wollen. Dass sie sehen, was ihre Anstrengungen gebracht haben. Dafür allerdings müssen sie nicht mal bis zum ersten Rennen warten. Denn das eigentliche Ziel des Projekts ist ja nicht, einen Rennfahrer aufs Podium zu bringen, sondern mit dem Aufbau des Motorrads und des Teams auch die Jugendlichen aufzubauen.
Das scheint zu funktionieren. Selbst wenn mit ganz Elementarem begonnen werden muss. »Beim ersten Treffen klopfen wir ab, ob nicht noch jemand was offen hat«, berichtet Rainer Fuchs vom Kreisjugendring Fürstenfeldbruck. Was er damit meint: Knast, gemeinnützige Arbeit oder sonstige Verpflichtungen. Ebenso elementar: dass man sich an Regeln zu halten hat, also regelmäßig und pünktlich erscheint, Verantwortung übernimmt und lernt, sich in der Gruppe zurechtzufinden. Schlicht und einfach, sozial zu sein.
Max zum Beispiel entdeckt nicht nur sein Talent als Formenbauer. Er geht wieder zur Schule und wird seinen Abschluss wohl packen. Mirlinda, die zwei Mal schon von der Schule geflogen war und diverse Ausbildungen abgebrochen hatte, holt ein Papier aus ihrer Tasche, das Zeugnis des Praktikums, das sie gerade bei einem Fach-
arzt absolviert hat. Ausnahmslos beste Noten. »Wenn ich die Schule schaffe, bekomme ich da vermutlich eine Lehrstelle.« Tom, der mit den Eltern nach der »Wende« in den Westen kam und endlos umgezogen ist, flog irgendwann von der Schule. Er hat schon alle möglichen Jobs angenommen, vom Wurstpacker bis zum Getränkekistenschieber. Einzelhandel fände er gut, und
so freundlich, besonnen und aufmerksam, wie er rüberkommt, dürfte er ein klasse Verkäufer werden.
Sabrina hatte mit schlechtem Hauptschulzeugnis eine Lehre als Friseurin begonnen, es aber schnell satt, gemobbt zu werden. »Ich war für alle nur das Dummchen. Der Chef hat mich Kunden gegenüber als Praktikantin ausgegeben.« Der haarige Job sei schon okay gewesen, nach ihrem Praktikum könne sie sich aber sehr gut vorstellen, sich als Kinderpflegerin zu versuchen. Verena wollte Floristin werden, und zwei Jahre hat sie das auch durchgehalten, bis die Eltern sich trennten und der Bruder durchdrehte. Landschaftsbau wollte sie dann machen, bis sie bei der Starthilfe gemerkt hat, dass sie noch ganz andere Fähigkeiten besitzt. »Die ist einfach prima«, lobt Steger, »Verena kann ausgezeichnet organisieren, ist ein Kommunikationstalent, versteht sich aufs Schreiben von Texten. Ich bin mir sicher, dass aus ihr eine tolle Bürokauffrau werden kann.«
Stegers Optimismus ist nicht aus der Luft gegriffen. Im vergangenen Jahr restaurierte er in seinem Kurs einen VW-Bus, Jahrgang 1964, alle Teilnehmer gingen in eine
eigens für sie geschaffene Klasse. Und mit akzeptablem Zeugnis von der Schule, fanden Job oder Lehrstelle.
Bei allem Erfolg – mehr kosten als übliche Förderungen dürfen die Fahrzeugprojekte
der Starthilfe nicht. »Würden wir
da mehr reinbuttern«, weiß Rainer Fuchs vom Kreisjugendring, »könnten wir sicher sein, dass uns das sofort unter die Nase gerieben wird.« Natürlich buttern sie in das Rennteam mehr rein, als die Agentur für Arbeit rausrückt. Doch das kommt alles von Sponsoren, und einige Gelder werden von den Jugendlichen selbst aufgetan.
Steger, der genau weiß, dass seine Jungs und Mädels hier ihre letzte Chance haben, bringt es entwaffnend direkt auf den Punkt, dass sie diese Chance verdammt noch mal verdienen: »Ich habe als Unternehmer eine gesellschaftliche Verpflichtung, und die nehme ich nicht wahr, indem ich mich beschwere und maule. Sondern indem ich etwas tue, indem ich mich kümmer’.« Weitere Infos: www.kjr.de und www.rr-kfz.de.

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