Projekte von BMW und Moto Guzzi, Triumph-Erlkönige (Archivversion) Winterblüten

Der Motorrad-Jahrgang 2007 keimt und blüht bereits. Noch unter den Schnee- und Eisschichten des Winters 2005/2006 verborgen. Einige Hinweise und Fotos fanden trotzdem den Weg zu MOTORRAD.

Da fehlt doch noch etwas – ein Naked Bike mit dem 1200er-Boxer-Motor oder wie BMW es nennen würde, ein Roads-
ter-Modell, die R 1200 R. Was vor zwei Jahren ziemlich glorios
mit der Präsentation der R 1200 GS begonnen hat, die Moderni-
sierung der Boxer-Baureihe mit leistungsstärkeren, laufruhigeren und drehfreudigeren Motoren, wäre mit diesem Modell wohl abgeschlossen. Es sei denn, die Münchner lassen sich noch ein paar exklusive Nischenmotorräder von der Art der HP2 einfallen.
Motorrad-Designer und MOTORRAD-Zeichner Stefan Kraft stellt es sich, nachdem er die Gestalt der neuen Boxer von der 1200 GS über die RT, ST, S und HP2 eingehend studiert und auch Seitenblicke auf die K 1200 R und die F 800 geworfen
hatte, als Weiterentwicklung des R 1150 R-Designs vor. Kantiger sollte es sein, als die fließenden Linien der alten R vorgeben, und ein schmal geschnittenes, markantes Gesicht tragen. Dies ist ein Thema, dem sich Designer derzeit aus allen Richtungen nähern. Streetfighter, Enduros, Supermoto-Motorräder, ja sogar Rallyemaschinen und Supersportler liefern Anregungen, die zu sehr expressiven Frontansichten verschmolzen werden. Die ist zwar bei einer Boxer-BMW schon allein durch die Silhouette des Motors gegeben, dennoch liegt es nahe, im Bereich um den Scheinwerfer andere optische Akzente zu setzen als die verchromten Lampen- und Instrumententöpfe der R 1150 R.
Äußerst zaghafte Andeutungen eines BMW-Sprechers, der am liebsten noch die bloße Existenz des Projekts geleugnet hätte, lassen vermuten, dass Stefan Kraft die Zeichnung in diesem Punkt aggressiver gestaltet hat, als die spätere R 1200 R aus-
sehen wird. Denn der Sprecher umschrieb einen eher konservativen Kundenkreis, den die R 1200 R gewinnen solle, Menschen, die dem Ideal des klassischen unverkleideten Motorrads noch sehr verbunden seien, ohne deshalb einer Retro-Look-Mode nachzulaufen. Deshalb ist der kurze Auspuff der Roadster-Zeichnung, so schön er auch wäre, ebenfalls fraglich; vermutlich wird die spätere Originalmaschine einen Endschalldämpfer in ähnlichen Dimensionen wie die GS tragen. Zumal GS- und R-Modell traditionellerweise die gleiche Motorvariante, in diesem Fall die 98- und 100-PS-Ausführung, besitzen. Doch die optische Leichtigkeit, die bei der Gestaltung der Roadster Ziel gewesen sei,
um die neu gewonnene Fahrdynamik zu signalisieren, die besitzt
der Entwurf in hohem Maß.
Ebenfalls noch einen Entwurf, wenngleich schon einen fahrenden, zeigen die Erlkönigfotos, die jüngst bei Triumph-Testfahrten in Spanien entstanden. Eine kleine Speed Triple brauste da dem Fotografen vor die Linse, bestückt mit dem berauschenden 675er-Dreizylinder des Supersportlers Daytona, der in diesen Tagen erstmals von Motorrad-Journalisten gefahren werden kann. Abgesehen vom milchigen Kühlmittel-Ausgleichsbehälter links am Triebwerk, der sicher noch nach innen verlegt wird,
zeigen der Dreizylinder und seine Nebenaggregate ein ansprechendes Äußeres. Vermutlich wurde der Drilling von vorneherein auch für den Einsatz in unverkleideten Motorrädern konzipiert.
Es gibt Hinweise, die besagen, dass das Heck noch ge-
ändert und ähnlich dem der 1050er-Speed Triple kupiert wird. Was schade wäre. Denn es würde die Marktchancen der 675er sicherlich nicht fördern, wenn sie als verkleinerte Kopie der 1050er daherkäme. Ganz abgesehen davon, dass die Speed
Triple 675 als zwar exklusive, aber eben doch direkte Kon-
kurrenz zu Motorrädern wie der Honda Hornet 600, Kawasaki
Z 750 oder Yamaha FZ6 antreten muss. In dieser Klasse spielen Alltagskriterien wie die ordentliche Unterbringung eines Sozius oder eines Gepäckstücks auf dem Rücksitz durchaus eine wichtige Rolle. Das ist auf der großen Triple mangels Abstützungsmöglichkeiten und Platz nur eingeschränkt möglich. Und drittens sind Stummelschwänze an Motorrädern ja nicht unbedingt jedermanns Augenstern.
Offenbar weiß das auch Triumph, denn wie die zwei Erlkönigfotos von der neuen Tiger beweisen, ist das Gestaltungselement des »abgebrochenen« Heckbürzels bei ihr nur in abgemilderter Form vorgesehen. Einen kurzen Überhang hinter dem Ende
der Sitzbank gesteht man der als großvolumiger Supermoto-
Maschine konzipierten Tiger zu. Leichte Änderungen gegenüber
der in MOTORRAD 2/2006 veröffentlichten Zeichnung, die von einem anderen, allerdings wesentlich schlechteren Erlkönigfoto abgenommen wurde, zeigt die Frontpartie. Die jetzt gänzlich
von Klebefolie befreiten Scheinwerfer ziehen sich weiter an den
Seiten der Halbschalenverkleidung nach hinten, die Verkleidung selbst präsentiert sich weniger kantig als auf der Zeichnung.
Mit dem erstmals freigegebenen Blick auf die Schwinge wird auch das Bemühen der Fahrwerksentwickler um mehr Stabilität ersichtlich. Die Schwinge besitzt versteifende Oberzüge; auf den ersten Blick sieht sie aus wie diejenige der Daytona 675, wobei die Achsaufnahme weiter hinten und unten sitzt. Bestätigt haben sich die Raddimensionen der neuen Tiger, vorne und hinten kommen breite 17-Zoll-Räder zum Einsatz, die mit sportlichen Straßenreifen bezogen sind.
So wie sich Triumph im Gefolge von Ducati Multistrada, KTM Supermoto oder Superduke vom Enduro-Konzept ab- und eher dem Supermoto-Design zuwendet, versucht dies die Traditionsfirma Moto Guzzi ebenfalls. Mit ein paar anderen Akzenten als die drei genannten, zum Beispiel Speichen- statt Gussrädern, aber durchaus in der gleichen Richtung.
Stelvio soll das Motorrad heißen, in Anlehnung an den italienischen Namen eines der spektakulärsten Alpenpässe, des
Stilfser Jochs. Auf die Frage, wie es denn mit diesem Projekt stehe, hieß es bei Guzzi nur schroff: »Kein Kommentar.« Was normalerweise so viel bedeutet wie »Mist, wir sind erwischt«. Und auch im Falle von Moto Guzzi zutrifft. Denn längst hat nicht nur der Autor der hier gezeigten Computerretusche, Jean-Marie Guerin, sichere Informationen über die Existenz eines Prototyps, der gerade fertig entwickelt wird. Ob dieses Motorrad, das auf
dem Fahrwerk und dem Antrieb der Griso basiert, jedoch von der Piaggio-Konzernleitung tatsächlich die Freigabe für eine
Serienfertigung erhält, ist noch nicht entschieden. Wert wäre es die Studie allemal mit ihrer niedrigen, lang gezogenen, massigen Gestalt in Verbindung mit sehr schlichter Ausstattung.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote