R1 oder R6? (Archivversion) Reine Geschmacksache

Wieviel Sportler braucht der Mensch? Yamaha stellt engagierten Schnellfahrern in Gestalt der jungen YZF-R-Familie die Glaubensfrage.

Geschmückt von dünnen oder auch dickeren Lohnschecks bricht die kosumreiche Weihnachtszeit an. Locker knistern die Scheine im Portemonnaie potentiell kaufwütiger Motorradfahrer. Yamaha nutzt die Gunst der Stunde mit verschärfter Qual der Wahl und stellt der YZF-R1 die kleine YZF-R6 zur Seite. Klare Fronten: die 1000er, Inbegriff des sehnigen Kraftsportlers, der 600er Rookie, Sinnbild eines kompromißlosen Leichtathleten.Beide Leichtgewichte basieren auf einem Konzept. Herzstück ist jeweils ein dank übereinander rotierender Getriebewellen ultrakurzer Motor, bei dem Zylinderbank und obere Gehäusehälfte einen stabilen Gußverbund bilden. Der Motor verstärkt den steifen, äußerst kompakten Brückenrahmen und erlaubt, bei gleichzeitig minimalem Radstand, die Verwendung einer langen Schwinge, was Antriebsreaktionen in der Hinterradfederung minimiert. Zudem plaziert die kompakte Konzeption den Fahrer nah am Schwerpunkt.R1 und R6 sehen sich sehr ähnlich, besitzen jedoch nur wenig gemeinsame Baugruppen. Die Sitzprobe offenbart große Unterschiede. Für eine 1000er bietet die R1 eine sehr angenehme Sitzposition, im Vergleich zur R6 müssen aber nicht nur die Beine breiter um den im Kniebereich sehr bauchigen Tank gespreizt werden, man beugt sich auch über einen größeren Abstand von der Sitzbank zum Lenker. Die R1 integriert ihren Piloten gefühlsmäßig tief und vergleichsweise statisch. Sie vermittelt einen im Vergleich zur R6 beinahe einschüchternden Eindruck von Größe.In puncto Bewegungsfreiheit schlägt die R6 ihre große Schwester um Längen. Sie gibt dem Fahrer ein so unglaubliches Gefühl von Winzigkeit, daß Vergleiche mit einer 250er naheliegen. Ihr Tank baut beinahe so kurz und schmal wie der einer Enduro, der Fahrer rückt nah an die Lenkerhälften und thront mehr auf als im Motorrad. Rangieren wie Kurvenfahren fällt mit der R6 viel leichter, wenngleich kleinere Piloten am Lenkanschlag Probleme mit der Handfreiheit bekommen.Das Handling-Kapitel bestätigt die Tendenz: Obwohl effektiv nur sechs Kilogramm leichter, agiert die R6 mit derart spielerischer Direktheit, daß einem die R1 dagegen wie ein Tourenkoloß erscheint. Wie kommt’s? Neben der vorteilhaften Sitzposition hat die R6 nicht nur eine noch schärfere Geometrie, sondern auch schmalere, spitzer konturierte Reifen (siehe Grafik). Weiterhin verringern Breite und Querschnitt der Gummis sowie die schmalere Felge hinten die rotierenden Massen und somit die Kreiselkräfte der Räder. Dies läßt die R6 leichter in Kurven fallen, ebenso wie die geringeren rotierenden Massen von Kurbeltrieb, Getriebe und Kette, die ja ebenfalls Trägheitsmomente und somit Kreiselkräfte aufbauen. Übrigens verspielt die höher drehende R6 bei ganz hohen Drehzahlen den Kurbeltrieb-Vorteil wieder etwas.Kleiner, leichter, kompakter, handlicher - besser? So sehr das oben Gesagte für die R6 spricht, so wenig dürfen die Stärken der R1 übersehen werden. Absolut gesehen zählt auch sie zu den handlichen Motorrädern. Vor diesem Hintergrund kann die frappierende Handlichkeit der R6 dann auch als fahrerisch anspruchsvolle Nervosität gewertet werden. Und die souveräne Kraft der R1 kann, solange nicht ausgereizt, durchaus beruhigend aufs Fahrergemüt wirken. Sie wissen schon, der winzigste Dreh, und die Lokomotive marschiert. Die R6 dagegen hat zwar im 600er Reigen ordentlich Schmalz, degeneriert aber im Vergleich zur spitzen Kreissäge.Moral? Der Glaube kennt keine Wahrheiten. Vielleicht empfiehlt sich die R1 eher für Machos, die R6 hingegen für Sport-Puristen. Beide sind extrem schnell in allen Belangen, es bleibt die Qual der Wahl.

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