Raserprozess in Karlsruhe (Archivversion)

Das Urteil

Gefängnisstrafe ohne Bewährung für den Verursacher eines tödlichen Verkehrsunfalls durch Nötigung – das Karlsruher Verfahren gegen einen Mercedes-Testfahrer schürte bundesweit wochenlang die Emotionen. Auch in der Zweiradfraktion.

Es ist mucksmäuschen still im Saal 7 des Karlsruher Amtsgerichts, als Richterin Brigitte Hecking ihr Urteil verkündet. Die gesamte deutsche Medienwelt starrt auf diese Frau und den Mann im
beigefarbenen Jackett auf der Anklagebank. »Schuldig der groben Verkehrsgefährdung und der fahrlässigen Tötung
in zwei Fällen!« Ein Jahr und sechs Monate Haft. Ohne Bewährung. Die Richterin spricht schnell und hart, als wolle sie jeden Zweifel gleich ersticken. Ein paar Handys tickern, erste Journalisten stürmen hinaus. Selten bewegte ein Verkehrsdelikt die deutsche Öffentlichkeit mehr. Seit dem
14. Juli vergangenen Jahres, als ein schwerer Mercedes der S-Klasse eine
21-jährige Autofahrerin auf der A 5 durch dichtes Auffahren so bedrängte, dass
diese mit ihren Kia-Kleinwagen beim
Ausweichen ins Schleudern geriet und
gegen einen Baum prallte. Sie und ihre zweijährige Tochter starben noch an der Unfallstelle, während der Mercedes seine Fahrt fortsetzte.
Eine sofort eingeleitete Großfahndung brachte die 42-köpfige Ermittlungskommission bald auf die Spur eines Testfahrers aus dem nahen Daimler-Chrysler-Werk, der mit einem rund 500 PS starken Mercedes CL 600 an jenem Morgen dort unterwegs war. Mit 230 bis 250 km/h, so ermittelten die Gutachter anhand von Zeugenaussagen, sei er bis auf wenige Meter auf
die etwa 130 bis 150 km/h schnelle Kia-Fahrerin, die einen Transporter überholte, aufgelaufen. Vermutlich durch ihr Erschrecken habe sie den tödlichen Fahrfehler
begangen. Der Testfahrer Rolf F. streitet jede Beteiligung an dem Unfall ab.
»Das Klischee war perfekt – hier der Weltkonzern und das 500-PS-Auto, da die Mutter mit Kind im Kleinwagen.« Oberstaatsanwalt Matthias Marx bringt die Emotionen des Dramas auf den Punkt,
das in den Medien und der Öffentlichkeit die Wogen hochgehen ließ. Jeder kannte diese Situation, jeder konnte sich damit identifizieren. Als Opfer oder Täter. Auch jeder Motorradfahrer.
Nämlich als Opfer. Furore hatte in den 80er Jahren ein ausrastender Porsche-
Piloten gemacht, der vor Zorn einen provozierenden Kawasaki-Fahrer bei Tempo 160 von der Autobahn kickte. Fahrer und Beifahrerin überlebten nur dank guter Schutzkleidung. In die Schlagzeilen brachte es auch ein Autofahrer, der sich von einem Motorradler derart provoziert fühlte, dass er zu einem Samuraischwert griff, das
er anscheinend stets in seiner Limousine
deponiert hatte, und zuschlug. Gut, dass der Motorradler ebenfalls Schutzkleidung trug, die vier Zentimeter tiefe Wunde an der Schulter war zwar schmerzhaft, aber nicht lebensgefährlich.
Anders als im Fall der jungen Frau
provozieren Motorradfahrer Aggressionen nicht, weil sie zu langsam sind, sondern zu schnell. Zu schnell für die Menschen, die
in ihren hochmotorisierten Automobilen
die Bestätigung finden wollen, die sie sonst, in ihrem Leben jenseits der Autobahn, wohl nur selten bekommen. Und
es gibt noch einen Unterschied zum
tragischen Fall der Mutter und ihres
kleinen Kindes: Der Motorradfahrer, der zum Opfer wird, erregt nur selten das
Mitleid der Öffentlichkeit, zumindest nicht
der von den Medien organisierten. In deren Mittelpunkt steht er in der Regel nur,
wenn er sich so verhält, dass er dem
Klischee, das man sich von ihm macht, auch entspricht.
Als Täter eben. Dann stehen sie auf
der Matte, die Journalisten. Wie damals, als Ex-Rennfahrer Toni Mang für einen
Privatsender jene spektakuläre Raserfahrt inszenierte, die ihn unter laufenden Kameras als wilden Autobahn-Cowboy auf dem Grünstreifen zeigte. Peinlichkeiten, die die Zweirad-Branche ebenso mit eingezogenem Genick aussaß, wie jetzt der Daimler-Chrysler-Konzern die Entgleisung seines Mitarbeiters Rolf F., dem die Gutachter nachwiesen, dass er schon ein erstes Ausweichmanöver von Jasmin A. ausnutzte, um mit zwei Rädern auf dem Randstreifen staubend an ihr vorbeizuschießen.
»Wir haben in Deutschland freie Tempowahl, und daran ist im Prinzip nichts auszusetzen«, nordet die Richterin ihr Urteil politisch unmissverständlich ein. Allerdings fordere dies die besondere Verantwortung des Einzelnen. Und da fehle es beim Angeklagten offenbar. »Sie hatten angenommen, es werde gut gehen, wie die ungezählten andere Male vorher auch. Die Fahrerin würde ausweichen wie alle anderen. Und haben dadurch wissentlich eine hochgefährliche Situationen heraufbeschworen«, Brigitte Hecking wird schneidend, »die zwei Menschen das Leben gekostet hat!« Zentraler Grund für die harte Gefängnisstrafe.
Die Anklagevertretung sprach von Realitätsverlust. Hat ein Mensch, der stets
in hochmotorisierten und mit allen Sicherheitsschikanen ausgerüsteten Autos sitzt, eventuell kein Gefühl mehr dafür, dass
es irgendwann mal zu knapp wird? Oder für Verkehrsteilnehmer, die bei 150 schon das Äußerste aufbieten und, derartig
unter Stress gesetzt, unter Umständen nicht routiniert reagieren? Hier müsse die Lebenserfahrung einsetzen!
Genau wie auf einem schnellen Motorrad, mit dem ja immer alles irgendwie klappt, die verwegenste Hetzjagd, das knappste Überholmanöver. Denkt man.
Bis es zu spät ist, wirklich zu denken.
Wie für jene zwei Supersportler-Fahrer, die sich vergangegenen Sommer auf der B 14 in Baden-Württemberg ein Privatrennen lieferten und einen entgegenkommenden Biker von der Bahn fegten. Keiner der drei Beteiligten überlebte den verheerenden Zusammenstoß.
Was das mit dem Karlsruher Urteil
zu tun hat? Eine ganze Menge. Weil das
eigene Ego, das Bestätigung sucht, Bestätigung durch eine Maschine, mindestens genauso ausgereift sein müsste, wie
die Maschine, die es ihm ermöglicht, sich von der Masse, in der man unterzugehen droht, abzusetzen, ihr einfach davon zu fahren. Vor allem aber vor sich selbst,
den eigenen Ängsten, den eigenen Unzulänglichkeiten. Dann wird Fahren zur Flucht, und Flucht verbreitet Panik. Für
die junge Mutter war das wohl die letzte Empfindung auf dieser Welt.
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Raserprozess in Karlsruhe: Reportage über das Verfahren und über Risiken bei hohem Tempo (Archivversion)

Guido Stüsser, 32, MOTORRAD-
Testredakteur des 1000er-
Supersportler-Tests in Heft 6.
Guido, die aktuellen 1000er mit bis zu 175 PS sind vermutlich das schnellste, was man serienmäßig hier zu Lande fahren kann. Und einem 500-PS-Auto locker überlegen. Was hast du für ein Gefühl dabei?
Ein zwiespältiges. Solche Motorräder fordern
einen absolut gefestigten und verantwortungsbewussten Fahrer. Sonst bewegt man sich mitunter jenseits aller
Limits, und es wird echt gefährlich. Für alle.
Was hat sich verändert?
Die Sicherheit. Die älteren großen Sportmotorräder signalisierten dir durch Wackeln und Unruhen stets die Grenzen. Ihre und deine. Aber die Neuen sind so perfekt, so stabil und leicht
zugleich, dass du fast unmerklich ein wahnsinniges Tempo draufkriegen kannst. Auf der Landstraße wie auf der Autobahn, wo diese Maschinen an die 300 gehen. Wir mussten uns auch beim Testfahren ständig zur Ordnung rufen.
Ist der Realitätsverlust, den das Gericht bei
dem Mercedes-Fahrer vermutete, mit solchen Motorrädern ebenfalls denkbar?
Ja, absolut. Dir kommt alles nur noch easy und unkompliziert vor, jede Situation beherrschbar, jedes Überholmanöver, jede Kurve, alles
geht immer noch später oder schneller. Und dann steht der Lkw vor dir, der noch genauso langsam ist wie früher. Spätestens da merkst du, dass irgendwas nicht mehr stimmt.

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