Ratgeber Fahren (Archivversion) Tuning für den Kopf

Teil 4: Hubraum, Leistung, Gewicht, Zug- und Druck-stufe, Bewegungsabläufe, Blickführung alles irgendwie wichtig. Das Allerwichtigste aber spielt sich im Kopf ab.

Wenn jemand früher von Tuning sprach, dann war es ganz selbstverständlich, dass er Motoren-Tuning meinte. Bis schlaue Leute dahinterkamen, dass mit Fahrwerks-Tuning, gerade beim wettbewerbsmäßigen Motorradfahren, oft noch viel mehr erreicht werden kann. Dann gab es wiederum andere, die sagten, dass es mindestens ebenso wichtig sei, dass der Fahrer sich körperlich fit macht. „Bevor du dir für ein Heidengeld sämtliche Schrauben und Achsen hohl bohren lässt, um vielleicht ein paar hundert Gramm zu sparen“, so war da zu hören, „nimmst du besser erst mal ein paar Kilo ab. Das bringt viel mehr und kostet weniger.“

Und schließlich eilten die Psychologen herbei und teilten mit, dass man auch mental einiges tun könne. Mentales Training spielte von da an eine immer größere Rolle, und zwar in nahezu allen Wettkampfsportarten. Aber auch bei uns, wo es zum Saisonbeginn weniger um ein Training als erst einmal um die Vorbereitung geht, spielt das Mentale eine gewichtige Rolle. Es gilt also auch zum Saisonbeginn: zunächst einmal die technische Vorbereitung, die selbstverständlich sein sollte, dennoch manchmal nicht so ernst genommen wird; dann die körperliche Vorbereitung, die ebenfalls nicht schaden kann – und nun die mentale Vorbereitung, eine Art „Sicherheits-Tuning“ für den Kopf.

Bei dieser mentalen Vorbereitung kann es um zweierlei gehen: einmal um die Aktualisierung bestimmter Handlungsabläufe, die während der Winterpause etwas in den Hintergrund geraten sind oder die möglicherweise sogar neu eingeübt werden müssen, und zweitens um das „Scharfwerden“ auf hochgefährliche Situationen, die harmlos aussehen, aber sofort als potenzielle Gefahrenquelle erkannt werden müssen. Mit ihnen wollen wir uns hier vor allem befassen.

In beiden Fällen soll etwas mental „in Bereitschaft gesetzt“ werden; zum einen ein bestimmter Handlungsablauf (der vielleicht sogar ein ausgesprochener Not-Handlungsablauf ist, so dass man ihn real gar nicht üben kann, der im Notfall jedoch zur Verfügung stehen sollte), zum anderen eben jene nur scheinbar harmlosen Verkehrssituationen, deren Gefahrenpotenzial sofort durchschaut werden muss.

Dieses „in Bereitschaft setzen“ hat eine lange Geschichte. Am einfachen Urmodell sieht man die Strukturen am deutlichsten: Bei einer extrem kurzzeitigen Darbietung beispielsweise einer Buchstaben-Zahlen-Kombination wie etwa 83ZK69 wird diese von einer Versuchsperson viel rascher und zuverlässiger erkannt, wenn man ihr vorher gesagt hat, dass es sich um „zwei Ziffern, zwei Buchstaben und zwei Ziffern“ handelt. Die Versuchsperson weiß also, „was kommt“, doch nicht, was das konkret sein wird; trotzdem kann sie sich darauf schon einrichten und viel besser reagieren. Diesen Ablauf machen wir uns für viel komplexere Situationen, wie sie sich im Verkehrsgeschehen ja ständig ergeben, zunutze. Wir setzen bestimmte Bilder, bestimmte Verkehrssituationen in Bereitschaft. Wir wissen dann zwar noch nicht im Einzelnen, wie diese aussehen werden, kennen jedoch ihre grundsätzliche Struktur.

Ein Musterbeispiel für ein solches nur scheinbar harmloses Bild ist unsere eigene Silhouette als langer Schatten voraus. Hübsch anzuschauen. Die Sicht könnte besser nicht sein, denn man hat die Sonne im Rücken. Aber je länger der Schatten ist, desto weniger kann uns ein Entgegenkommender erkennen, und wenn uns gar die Sonne aus dem eigenen Rückspiegel blendet, sind wir für die Entgegenkommenden endgültig unsichtbar geworden. Der lange Schatten voraus muss als ein Alarmauslöser ersten Ranges in Bereitschaft gesetzt sein, damit man gewissermaßen zusammenzuckt und augenblicklich die richtige „Antwort“ darauf hat. Sie lautet: höchste Wachsamkeit; grundsätzlich davon ausgehen, dass man nicht gesehen wird; im Extremfall (Rückspiegelblendung) sogar Fahrpause einlegen – oft genügen schon ein paar Minuten.

Anhand dieses Musterbeispiels sollte man nun versuchen, möglichst viele harmlos scheinende Verkehrssituationen ausfindig zu machen, die ein Gefahrenpotenzial in sich tragen. Diese Situationen spielt man dann in möglichst entspannter Situation gedanklich so anschaulich wie möglich immer wieder durch – jeweils bis fast zum Crash und mit jeweils etwas veränderten Ausgangsbedingungen – und erreicht so, dass sie zu Alarmsignalen und damit zu Auslösern für die richtigen „Antworten“, nämlich für eine gezielte (und mental vorbereitete) Gefahrenabwehr werden. Das war bei dem Beispiel mit dem langen Schatten voraus der „Generalverdacht“ gegenüber allen Entgegenkommenden beziehungsweise die Fahrtunterbrechung.

Da bekommt man rasch ein halbes Dutzend verschiedenster Situationen zusammen! Man untersuche nur einmal alle möglichen hohen Fahrzeuge, über die man als Motorradfahrer nicht hinwegblicken kann! Da kommt einem als erstes fast zwangsläufig der Linienbus in den Sinn, der in einer Haltebucht anhält und hinter dem im nächsten Augenblick Fahrgäste hervoreilen können, die auf die andere Straßenseite möchten. Oder der Kleinlaster, der sich zum Linksabbiegen ordnungsgemäß links eingereiht hat und dort auf eine Unterbrechung im Gegenverkehr wartet, während wir rechts an ihm vorbeifahren – nun, was kann da im nächsten Augenblick geschehen?

Geradezu klassisch ist der Entgegenkommende, der langsamer wird und dabei, statt links zu blinken, nur nach links blickt... Oder der Vorausfahrende, den wir gerade überholen wollten, der sich aber offenbar anschickt, nach links abzubiegen – nun, was gibt es da alles an verdachtauslösenden Merkmalen? (Jetzt nicht nur nicken, sondern sie gleich einmal auflisten, das lohnt sich!)

Es ist nun einfach die Verkehrsfantasie gefordert, und mental kann man diese am ehesten spielen lassen. Sobald man dann eine kritische Situation gefunden hat, wird diese sogleich mit allen möglichen Gefahrenkonsequenzen gedanklich durchgespielt, damit sie den oben geschilderten Status eines „Alarmauslösers“ bekommt. So können wir genügend wachsam gegenüber diesen heimtückischen Situationen werden. Und das ist das beste Tuning für den Kopf.


Nächste Folge: „Immer schön locker bleiben!“


Wer sich mit mentalem Training näher beschäftigen will, lese Hans Eberspächer: „Mentales Training“. Ein Handbuch für Trainer und Sportler. München 2004; speziell fürs Motorradfahren gibt es dazu vom Verfasser dieses Artikels ein Kapitel in seinem Buch „Die obere Hälfte des Motorrads“ (siehe unten).

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