Ratgeber Fahren (Archivversion) Die beste Übung von allen

Teil 2 – Weiterüben! Um die über den Winter eingerosteten Fahrfertigkeiten für den Saisonstart wieder in Schwung zu bringen, widmen wir uns dieses Mal dem Thema Kurven und Schalten.

Wer inzwischen Gelegenheit hatte, die Bremsübungen aus MOTORRAD 7/2008 einmal auszuprobieren, der hat sicherlich gespürt, dass da durchaus noch einiges vorhanden war: Die Automatismen funktionierten noch, die Verhaltensprogramme waren ­alle noch da, und man hatte zu Recht das Gefühl, »ich hab‘s noch drauf«. Nur: Zu jedem Programm gehört eben auch die Programmpflege, und wenn ein Programm längere Zeit nicht benutzt worden ist, ist das so, als habe sich eine abstumpfende Staubschicht darübergelegt. Das Programm ist zwar noch da, aber nicht mehr so unmittelbar und spontan zugänglich. Je besser trainiert ein Fahrer ist, desto geringer sind diese Pausenverluste, ganz ohne Fertigkeitseinbuße war indes noch nie eine Trainingsunterbrechung zu schaffen. Das »Aufpolieren« jedoch geht ganz rasch, man muss damit nur an den richtigen Stellen mit den richtigen Übungen beginnen.

Neben den genannten Bremsübungen ist das Fahren von Schlangenlinien – natürlich nicht x-beliebige – ein gutes Mittel, ­um schnell wieder »reinzukommen«. Das heißt: Die Einheit von Fahrer und Maschine, ­die natürlich immer noch einigermaßen besteht, die aber auf ganz verschiedenen Niveaus möglich ist, soll wieder aufgebaut werden, die »eingestaubten« Programme sollen wieder ganz unmittelbar zur Stelle sein. Das lässt sich besonders schön mit »Schwingen« und »Wedeln« erreichen.

Zunächst: Wir suchen uns eine verkehrsarme, am besten nicht öffentliche Straße ohne viel Zuschauer und mit einem ordentlichen Belag. An Wochenenden bieten sich dazu Werksparkplätze oder Parkplätze von Einkaufszentren an. Man fährt mit etwa 50 bis 60 km/h in zunächst noch weichen und verhältnismäßig weiten Schlangen­linien, achtet jedoch schon jetzt darauf, dass die Kurven unmittelbar aneinander anschließen, also nicht das geringste Geradeausstückchen dazwischen liegt. Das Umlegen von der einen auf die andere Seite muss folglich ganz rasch geschehen, darauf kommt es an! Da es sich anfangs um weiche und weite Kurven handeln soll, kann das Ausschwingen von der gedachten Mitte der Schlangen­linie verhältnismäßig groß sein, sagen wir: zwei bis zweieinhalb Meter, das heißt, die Schlangenlinie beansprucht eine Straßenbreite von etwa vier bis fünf Metern. Wenn alles ordentlich klappt, kann man versuchen, die gedachte Mittellinie allmählich etwas weniger spitz anzufahren, was zu einem stärker aus­geprägten Hin- und Herschwingen führt.

Sodann sollte versucht werden, immer rascher zu schwingen. Das Band wird dadurch zunehmend schmaler, weil die einzelnen Kurven enger und damit kürzer werden. Es soll also aus dem weiten Schwingen immer mehr ein kurzes Wedeln werden. Das kann man mit einiger Übung auf acht bis zehn Doppelschwünge (und mehr) in zehn Sekunden bringen, was aber keineswegs das unbedingt zu erreichende Lernziel zu sein braucht.

Ich kenne keine andere Übung, mit der man nach einer längeren Trainingspause so rasch wieder auf sein altes Niveau kommen könnte. Zwar bleiben dabei zahlreiche wichtige Fertigkeiten völlig ungeübt, doch das Zusammenwachsen von Fahrer und Maschine zu einer Einheit wird enorm gefördert, und das kommt dann auch den nicht speziell geübten Tätigkeiten zugute.

Übrigens: Wer beim weiten Schwingen volle Schräglagen fährt und es vor allem versteht, blitzschnell von der einen Seite auf die andere umzulegen, für den ist der folgende Sicherheitshinweis gedacht (obwohl ja anzunehmen ist, dass er als erfahrener Biker wahrscheinlich die Abstimmung seiner Stoßdämpfer im Griff hat). Bei einer viel zu stramm eingestellten Zugstufe kann es dann nämlich passieren, dass das Vorderrad, das beim Schräglagenwechsel für einen Augenblick ziemlich entlastet wird, bei der beginnenden Gegenkurve noch nicht ­wieder ausreichend belastet ist, sodass die Haftung nicht ausreicht, um die erforderlichen Seitenführungskräfte aufzubringen.

Zu guter Letzt noch eine kleinere Übung: Auch an das Getriebe und seine Abstufung müssen wir uns wieder anpassen! Dazu im dritten Gang mit etwa 60 km/h fahren und ruckfrei und weich Stufe für Stufe bis zum höchsten Gang hochschalten, ohne dabei schneller zu werden; dann mit jeweils richtig dosiertem Zwischengas ebenso weich zurückschalten, runter bis zum Ersten, und gleich wieder rauf bis zum höchsten Gang, und das mehrmals hintereinander, alles mit möglichst gleichbleibender Geschwindigkeit. Das beim Zurückschalten weit verbreitete vorsichtige Wiedereinkuppeln jedenfalls ist Krampf und kostet viel zu viel Aufmerksamkeit und kann gefährlich werden, weil dadurch in bestimmten Situationen (zum Beispiel im Kurveneingang) die Haftgrenze des Hinterrads leicht überschritten werden kann. Die Übung eignet sich übrigens auch, wenn man sich auf ein Motorrad setzt, mit dem man noch nie gefahren ist, und mit ihm etwas intensiver ins Gespräch kommen will.

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