Ratgeber Saisonstart (Archivversion)

Sucht nach Sonne

Noch steckt einem der Winter in den Knochen, doch du spürst, wie die Wärme kommt. Die Maschine blitzt in der Sonne, du gönnst ihr prüfende Blicke, legst die Ausrüstung zurecht. Machst dich fit für die erste Fahrt: Die schönste Zeit des Jahres beginnt auf der Hausstrecke.

Da ist sie wieder, hat ihr fahles, blasses Wintergesicht abgelegt. Hat an Leuchtkraft und Farbe gewonnen, wandert jeden Tag ein Stückchen höher. Raubt dem Teerstreifen die milchige Trübsal, lässt ihn wieder verheißungsvoll flimmern: die Sonne.

Aus der Helligkeit des Tages geht es hinein in den dunklen Schlund der Garage. Über Monate war sie dort ins Eck gedrängt, stand gnadenlos im Abseits. Doch aus ihrem Reflektor schimmert ein Stück Hoffnung, blitzt noch ein wenig vom goldenen Herbst des vergangenen Jahres hervor. Und du erinnerst dich wieder: Der letzte Turn mit dem Motorrad – er war fantastisch.

Dann hatten plötzlich die anderen Dinge des Lebens Priorität: Das Auto wollte mit Frostschutz und Winterreifen versorgt werden, die Kinder fieberten ihren Weihnachsgeschenken entgegen, Silvester lag man sich mit den Lieben in den Armen: »Ein gutes neues Jahr!« Wochen ist das her, nun schiebst du dein Motorrad raus ins gleißende Frühlingslicht. Und erst jetzt bist du dir wirklich sicher: Ja, das wird ein gutes neues Jahr.

Die erste Fahrt in dieser Saison steht bevor. Und für die braucht kein Atlas gewälzt, kein Quartier gebucht werden. Direkt vor dem Garagentor geht es los. Die Wege? Sie sind altbekannt, gleichwohl scheinen sie nach der Winterpause ferne Kontinente zu durchschneiden, wollen in wilder Entdeckerlaune aufs Neue unter die Räder genommen werden. In Gedanken geht es durch Galaxien von Zeit und Raum, dabei ist man nie länger als eine Stunde von daheim entfernt. Luxus pur. Bieten kann ihn nur die Hausstrecke.

Schon sind Anzug und Handschuhe übergestreift, mit einem vertrauten Rattern Reißverschlüsse zugezogen. Sonnenlicht bricht sich auf der reinen Oberfläche des Visiers. Es kann losgehen.

Deine Augen tasten über das Bike. Alles ist an seinem Platz, alles durchgecheckt, alles perfekt. Beim Aufsitzen macht sich allerdings Unbeholfenheit breit, die Hand fasst den Lenker, greift nach dem Bremshebel, lässt ihn probehalber zurückschnalzen. Hat sich das immer so angefühlt? Klackernd rastet der Schlüssel ein, mit einem metallischen Klonk schlägt der Seitenständer an. Kupplung ziehen, Startknopf drücken. Noch hört sich das Vorspiel wie ein abgehacktes Stakkato an, aber schon bald wird der Auftakt einem kraftvoll eingespielten Akkord gleichen.

Zuverlässig wie stets surrt der Vierzylinder los. Auf der Einfahrt knirscht Rollsplitt unter den Reifen, mahnt zur Besonnenheit, der Winter ist noch nicht ganz vertrieben, hat überall seine Spuren hinterlassen. An schattigen Straßenrändern glitzert bis spät in den Tag tückischer Reif. Auch du selbst spürst ihn noch; die lange Pause steckt tief in den Knochen, mit Nachdruck müssen Kupplungshand und Schaltfuß auf ihre Plätze verwiesen werden. Doch mit jedem Meter, den du rollst, werden die Bewegungen geschmeidiger, weicht die starre Sitzhaltung zunehmend einem flüssigen Tanz. Immer weiter wandert der Blick in Kurven hinein, immer später greift die Rechte zum Hebel und zieht immer früher das Gas auf: Mensch und Maschine ver-schmelzen zur Einheit, schmettern im harmonischen Choralgesang durch das Kurvengeläuf.

Um den Helm tost der Sturm, die Sonne zaubert traumhafte Lichtspiele in den Ausschnitt. Gelegentlich zuckt die Linke nach oben, ein Gruß für den Gleichgesinnten, der sich in Sekunden heranzoomt und ebenso schnell wieder aus dem Rückspiegel verschwunden ist. Noch ist nur eine kleine Schar unterwegs. Allesamt stille Genießer, die keine Verabredung brauchen, kein Ziel haben, die irgendwo halten ­und schließlich wieder zu Hause ankommen.

An der Tankstelle schießt das Lebenselexier in den stählernen Tank, die Dämpfe lassen die Luft über dem Stutzen flimmern. Tief in Gedanken bist du bereits mitten im Sommer angekommen. Das tut gut, genauso wie der dampfende Kaffee, der den Körper mit willkommener Wärme durchdringt. Die Sonne scheint kräftig, aber in der Erde ist noch reichlich Kälte gespeichert.

Der Break hat was gebracht. Schon geht das Aufsteigen flotter, ist der Kinnriemen im Nu geschlossen und der Starter schneller gedrückt. Schon fühlt sich alles viel vertrauter an. Mensch und Maschine arbeiten Hand in Hand, fliegen über winzige Straßen, radieren durch enge Kehren. Raus aus der Kälte schattiger Täler, der Blick sucht die Sonne, die wie festgemeißelt am Horizont steht und die Straße in ein grell strahlendes Leuchtband verwandelt. Auf dem Turn durch den Frühling lässt sich vieles ver­gessen und manches neu angehen: In Schräglage werden Arbeitsfrust oder Familienzwist wieder geradegerückt. Blockierte Gedanken sind frei, längst vergessene Pläne lassen sich neu schmieden. Plötzlich spürst du, wie du tief durchatmen kannst. Das Motorrad bringt dich nicht nur auf der Straße vorwärts.

Mittlerweile hast du dich auf der Hausstrecke eingeschwungen, musst an Abzweigen nicht weiter nachdenken, ob es dich heute links- oder rechtsherum treibt. Aus dem Off schmettert dir Supertramp entgegen: »Take the long way home!«

Dennoch, der Rausch hat ein Ende. Schneller als gedacht sackt die Sonne dem Horizont entgegen, immer länger strecken sich Schatten über das Land. Auch der Körper klopft mahnend zur Ruhe, fordert seinen Tribut. Nur noch mit Mühe und Kraft lässt sich die Kupplung ziehen, der Nacken ist verspannt. Die Kompassnadel pendelt sich Richtung Garage ein, noch drei, noch zwei, noch eine Kurve, dann bist du daheim. In Gedanken kannst du bereits das Knistern vernehmen, wenn neben dir blankes Metall auskühlt, schmeckst das verdiente Bier an deinen Lippen.

Doch plötzlich siehst du, wie sich die Sonne durch die Häuserschluchten kämpft, ein gigantisches Rot den Himmel verzaubert. Ohne groß nachzudenken, zippst du die Gangstufen durch, drehst den Four mit Furore noch mal auf. Weiter geht‘s. Ins nächste Eck hinein, vorwärts und weg. Schließlich ist nur ein Mal im Jahr Saisonstart.
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Fitness-Check: Motorrad (Archivversion) - Durchgelüftet und aufgefüllt

Vor der ersten Ausfahrt muss die Technik stimmen. Hier die Tipps für den Frühjahrs-Check am Motorrad.
Im Idealfall hat man wichtige Arbeiten bereits nach der letzten Herbstrunde erledigt. Trotzdem ist es sinnvoll, noch einmal alle wichtigen Punkte am Motorrad zu kontrollieren: Stimmt die Kettenspannung, ist der Antrieb gut geschmiert? Dann die Armaturen überprüfen: Stimmt die Einstellung der Hebel, sollten diese zusammen mit den Zügen geschmiert werden? Funktionieren Hupe und Killschalter? Hat die Batterie ausreichend Flüssigkeit, sind die Anschlüsse fest angezogen und die Kon­takte leicht gefettet? Nun ist die Beleuchtung dran: Obligatorisch ist die Kontrolle von Stand, Abblend- und Fernlicht sowie der Blinker. Funktioniert das Rück­licht, reagiert die Bremsleuchte auf Bremshebel und Bremspedal? Tipp: Wer bei laufendem Motor prüft, schont die Batterie. Bei den Bremsen müssen der Flüssigkeitsstand geprüft und die Leitungen nach Undichtigkeiten abgesucht werden. Ist die Bremsbelagstärke noch ausreichend? Funktionieren die Bremskolben leichtgängig? Außerdem empfehlenswert: die Kontrolle der Bremsscheibe. Ist sie riefig, eingelaufen oder an der Verschleiß-grenze (Mindestdicke auf der Scheibe angegeben) angelangt, muss sie ausgetauscht werden. Beim Fahrwerk sollten die Grundeinstellung (Vorspannung, Zug- und Druckstufe) überprüft und das Lagerspiel (Lenkkopf-, Rad- und Schwingenlager) kontrolliert werden. Stimmen die Flüssigkeitsstände von Kühlsystem und Motoröl? Muss der Luftfilter gereinigt oder ausgetauscht werden, ist der Ansaugstutzen porös oder undicht? Zu guter Letzt noch ein wichtiger Punkt: Stimmt der Luftdruck in den Reifen, ist noch ausreichend Profil vorhanden (mindestens 1,6 Millimeter), fallen bei der Sichtkon­trolle poröse Stellen oder Risse in den Flanken ins Auge?

Fitness-Check: Ausrüstung (Archivversion) - Waschen, bügeln, klar durchblicken

Kleben noch Fliegen aus dem letzten Jahr an Helm und Kombi? Dann wird’s Zeit für den Frühjahrsputz.
Nicht nur das Bike verlangt nach Kontrolle und Pflege. Auch die Fahrerausrüstung sollte vor dem Start in den Frühling kritisch beäugt werden. Los geht es beim Helm. Auch wenn moderne Fiberglashelme durch UV-Strahlung langsamer als Helme aus Thermoplast oder Polycarbonat altern, sollten diese irgendwann ausgetauscht werden – spätestens dann, wenn das Polster ausgeleiert ist und der Helm nicht mehr exakt anliegt. Nach einem Unfall ist ohnehin Ersatz fällig. Ansonsten empfiehlt sich eine intensive Komplettreinigung. Herausnehmbare Innenfutter können bequem im Schonwaschgang in der Waschmaschine durchgespült werden. Ansonsten gibt es im Fachhandel eine Vielzahl an desinfizierenden Helmpolsterreinigern (Kosten ab vier Euro). Außerdem sollte die Kinnriemenlänge justiert wer-den. Wichtig: der Zustand des Visiers. Verkratzte Exemplare gehören in die Mülltonne, beim Neukauf sollte unbedingt auf eine beschlagfreie Ausrüstung geachtet werden. Sinnvoller Tipp für die Jackentasche: kleine Visierreinigungstücher für unterwegs (Dr. Wack, 10er-Pack 8,95 Euro). Hat die Lederkombi ein herausnehmbares Futter? Rein damit in die Waschmaschine. Das Leder selbst lässt sich mit Schwamm und spezieller Lederseife aus dem Fachhandel (ab zehn Euro) reinigen. An der Luft trocken lassen. Glattleder werden dünn eingefettet, Nubuk- und Velourleder imprägniert. Textilkombis wandern in die Waschmaschine (Protektoren vorher entfernen, keinen Weichspüler verwenden). Nach dem Trocknen lässt sich die Imprägnierung durch Bügeln auf niedriger Stufe auffrischen oder über ein Spray neu auftragen. Je nach Material werden auch Stiefel und Handschuhe so gereinigt.

Fitness-Check: Fahrer (Archivversion) - Fingerfertig und mit viel Gefühl

Motorrad und Ausrüstung glänzen. Doch wie sieht es beim Piloten aus? Sind Sie startklar für die erste Tour?
Gut, wer sich in der Saisonpause fit gehalten hat. Denn auf dem Motorrad ist Kondition gefragt, geistig wie körperlich. Ski- oder Radfahrer sind ebenso wie Inlinefahrer oder Querfeldeinläufer fein raus, sie haben Muskulatur und Bewegungsabläufe über den Winter nicht einrosten lassen. Besonderes Plus: Bei diesen Sportarten ist ein ausgeprägter Gleichgewichtssinn gefragt – eine der Grundvoraussetzungen fürs Motorradfahren. Generell sollte man behutsam in die neue Saison starten. Motorrad fahren ist eine komplexe Angelegenheit, bei der es zunächst gilt, überlebenswichtige Bedienelemente wie Bremse und Lenker sicher im Griff zu haben. Insbesondere gefragt: ein gutes Gefühl für den linken (BMW-Fahrer: rechten) Daumen, der den Blinker ausschaltet. Gerade bei den ersten Ausfahrten wird das Ausschalten nach Abbiegevorgängen oft vergessen – was im Verkehr zu Missverständnissen mit fatalen Folgen führen kann. Für die erste Fahrt sollte man sich nicht zu viel vornehmen. Wer seine Armmuskulatur nicht regelmäßig trainiert hat, wird schnell seine Kupplungshand spüren. Tipp: öfter mal rechts ranfahren, durchatmen, einen Schluck Wasser trinken und mit gestärkter Aufmerksamkeit aufsteigen. Gerade im Frühjahr können niedrige Temperaturen und kalter Fahrtwind der Kondition stark zusetzen. Deshalb sollte auch die Bekleidung stimmen. Besonders empfehlenswert ist winddichte Funktionswäsche, die vor dem Auskühlen schützt.

Interview mit Unfallforscher Dietmar Otte (Archivversion) - »Wer das Risiko vermeidet, lebt sicher“

Unfallforscher Dietmar Otte von der Medizinischen Hochschule Hannover im Gespräch mit MOTORRAD über die Risiken und Gefahren, die beim Saisonstart drohen.
Im vergangenen Jahr war der Start in die neue Motorradsaison von besonders schweren Unfällen überschattet. Was ist da schiefgelaufen?
Die Situation war typisch für einen Anstieg von Motorradunfällen: schönes Wetter, viele Maschinen auf der Straße, zum Teil wenig Fahrerfahrung und oft­mals risikoreiches Fahrverhalten. Nach den Erkenntnissen unserer Unfallforschung an der Medizinischen Hochschule Hannover ist aber nicht von einer problematischen Entwicklung bei den Motorradunfällen auszugehen. Allerdings ist auffallend, dass sowohl die Schwere der Verletzungen wie auch das Alter der Verunfallten zugenommen haben.

Was sollten Motorradfahrer aus Ihrer Sicht beherzigen, wenn sie nach dem Winter auf den Startknopf drücken?
Bestrebt sein, sich selbst zu schützen. Das heißt: defensiv und vorausschauend fahren, stets bremsbereit sein, starke Beschleunigungen in Gefahrensituationen vermeiden und niemals die zulässige Geschwindigkeit überschreiten. Zusätzlich: einen Integralhelm möglichst jungen Alters und – auch wenn Motorradfahren eine Freizeitbeschäftigung ist – nach professionellen Anforderungen genormte Schutzkleidung (CEN 13595) anstelle von Jeans und Turnschuhen.

Gibt es nach dem Saisonstart weitere Situationen, in denen das Unfallrisiko für Motorradfahrer besonders hoch ist?
In der Regel ist der Saisonbeginn für den Motorradfahrer ein besonderes Ereignis, und dabei ist er auch meist wachsam. Wenn er also das Risiko bei der Fahrweise vermeidet, lebt er sicher! Während der Saison kehrt meist Unachtsamkeit und Gewohnheit ein, die besonders risikoreich ist. Deshalb sollte sich der Motorradfahrer immer wieder des Risikos bei Fahrtbeginn bewusst werden und nicht nachlassen, sich bestmöglich zu schützen.

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