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Reading Standard Model 17TE Tapfere und unauffällige Amerikanerin

Vor über 90 Jahren hat es ein rares Motorrad an die holländische Küste gespült, und dort ist es aus guten Gründen bis heute geblieben: das Reading Standard Model 17TE.

Niemand muss über das Herkunftsland lange rätseln, schon von Ferne geben quer eingebauter V-Twin und gestreckte Kontur wichtige Hinweise: Solche Motorräder machten die Weiten Nordamerikas erträglich, langer Nachlauf und Radstand sorgten für Stabilität, der große Motor für souveräne Leistung. Fahrzeuge wie dieses verhalfen Harley-Davidson und vor allem Indian in den 20er-Jahren zu früher Blüte. Aber Reading Standard? Nie gehört.

So ging es auch Aad van der Oord, dem Besitzer dieses wohl restaurierten und prächtig laufenden Veteranen, als er dessen Fragmente vor rund 45 Jahren – ganz in der Nähe seines nordholländischen Wohnortes – aus einem Keller zog. In schrecklichem Zustand, mit festgeros­tetem Motor. Aber Aad war jung und unerschrocken, hatte einen zupackenden Bruder, und Erfahrung besaß Aad auch. Schon mit 16 hatte er eine gut 30-jährige Dame aus Belgien wieder erblühen lassen. Lady, so nannte Lambert van Ouwerkerk seine von 1924 bis ungefähr 1940 nahe Antwerpen entstandenen Mischungen aus engli­schen Motoren und eigenen, recht modernen Fahrwerken.

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Reading heißt ein Städtchen südwestlich von New York

Natürlich galt in den späten 60er-Jahren auch in Holland als nicht ganz normal, wer sich mit derlei Alteisen beschäftigte. Die meisten Jungs träumten von CB 450 oder Norton Commando, aber den gelernten Schreiner van der Oord reizte die handwerkliche Herausforderung sehr viel mehr als das Prestige vor der Strandbude. Unverdrossen zerlegten Aad und sein Bruder also ihren rostigen Schatz und informierten sich nebenher über die Geschichte von Marke und Modell.

Reading heißt ein Städtchen rund 100 Kilometer südwestlich von New York. Es liegt in den munteren Hügeln des östli­chen Pennsylvania, weshalb die dort etablierte Firma Reading Standard Cycle ihre ab 1903 angebotenen „motor-bicycles“ unter dem Slogan „Tested in the hills“ ­anpries. Trotzdem sei bezweifelt, dass die von Thor angelieferten und in einem verstärkten Fahrradrahmen montierten Einzylindermotoren besser über lange Steigungen schoben als die sehr ähnlich anmutenden Indian oder Harley-Davidson. Nordamerika wurde noch immer von staubigen Pisten durchzogen, nicht vergleichbar mit oftmals gepflasterten Chausseen in Europa, und deshalb verhalf diese häufig bemängelte Kraftlosigkeit dem Zweizylinder zum Durchbruch. Sehr früh und fast gleichzeitig schwenkten alle großen US-Hersteller um, der V-Twin bot sich an, weil er – mit querliegender Kurbelwelle montiert – nach wie vor in Fahrrad-ähnliche Rahmen wandern konnte. Der hintere Zylinder ersetzte den unteren Teil des Sattel-Stützrohrs, und der vordere spreizte sich in recht engem Winkel ab, um den Rahmen nicht unnötig in die ­Länge zu treiben.

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Erster Flathead aus amerikanischer Fertigung

Auch Reading Standard präsentierte bereits 1908, nur ein Jahr nach Indian, aber eines vor Harley-Davidson, eine solche Konstruktion. Ganz besonders stolz war man auf die parallel stehenden Ventile, verglichen mit dem nur kurzfristig verwendeten, aber bei anderen Herstellern noch lange üblichen zerklüfteten Einlass-über-Auslass-Arrangement tatsächlich ein gewisser Fortschritt, wie sich bereits im Reading Standard-Einzylinder von 1906 gezeigt hatte. Eben dieser ist übrigens der erste Flathead aus amerikanischer Fertigung. Sein Geburtsjahr hatte die Firma sogar mit sportlichem Ruhm überschüttet, als die Renner aus Pennsylvania bei der Pike’s-Peak-Premiere am schnellsten zum Gipfel jagten und die drei ersten Plätze belegten. All diese RS-Konstruktionen gehen, soweit heute bekannt, auf Charles F. Gustafson zurück, der 1907 zum viel größeren Konkurrenten Indian abwanderte und dort noch lange maßgeblichen Einfluss ausübte. Unter anderem verantwortete Gustafson die berühmte Powerplus von 1916.

Trotz seines Abgangs entwickelte Reading Standard sowohl den Zwei- als auch den Einzylinder munter weiter und konnte den ganz Großen bis Anfang der 20er-Jahre Paroli bieten. Bereits ab 1909 führte eine selbst erdachte Schwinghebelgabel das Vorderrad, 1912 wanderte eine stramme Trommelbremse ins Hinterrad, 1915 gab‘s ein Zweiganggetriebe, 1916 noch einen Gang mehr plus Kickstarter, und 1917 wurde dann das Fahrwerk erheblich verstärkt. Außerdem leuchtete nun auf Wunsch ein elektrischer Scheinwerfer – wieder spielte Reading Standard den US-Pionier. Bis 1917 wuchs der Hubraum von 770 cm³ auf knapp 1,2 Liter, seither dürfte die Leistung bei 15 PS gelegen haben. 1920 sorgten größere Ventile für rund 17 PS, aber vorübergehend auch für bis dato völlig unbekannte Hitzeprobleme. Trotzdem: Bis zum Verkauf der Firma an die Cleveland Motorcycle Company im Jahr 1923 galt der RS-Twin als einer der solidesten und stärksten am Markt.

Foto: Siemer
... Die Reading Standard hat er 1970 fertiggestellt. Sie ist nun eine von fünf oder sechs in Europa und wird regelmäßig bei Rallyes bewegt.
... Die Reading Standard hat er 1970 fertiggestellt. Sie ist nun eine von fünf oder sechs in Europa und wird regelmäßig bei Rallyes bewegt.

In den USA brachte Henry Ford das Motorrad schon vor 1920 mächtig unter Druck. In Europa sah die Sache zwar günstiger aus, aber schwere Maschinen wie die Reading Standard zählten hier zu den Luxusobjekten. Kein Wunder also, dass trotz einiger Bemühungen keine riesigen Mengen von Pennsylvania nach Übersee gingen. In Norwegens Bergen fuhren welche herum, der italienische Importeur soll einige losgeschlagen haben, beim französischen Militär müssen – warum auch immer – ein paar Exemplare gelandet sein.

An Hollands Küste mindestens zwei. Die von Aad van der Oord. Und eine andere 20 Kilometer entfernt. Was Aad bei der Restaurierung sehr gelegen kam. Unter anderem konnte er hier die Maße für das fehlende Werkzeug- und Batteriefach abnehmen. Sein ansonsten vollständiges Fundstück war vermutlich 1940, nach dem Überfall der Wehrmacht, im Keller verschwunden. Viele Holländer haben so versucht, ihre Motorräder vor der Beschlagnahmung zu bewahren. Manche überdauerten unbeschadet, nicht so die schlecht konservierte Reading Standard. Deren Getriebegehäuse enthielt nur noch unbrauchbare Zahnräder, und auch hinter den Motordeckeln warteten einige angenagte Teile. Die unteren Pleuellager und deren Lagerzapfen etwa oder die beiden Nockenwellen.

Elektrik kam zügig in Schuss

Recht zügig kam die Elektrik wieder in Schuss, Fahrwerk, Kotflügel und Anbauteile mussten „nur“ entrostet und dann lackiert werden. Aber in welcher Farbe? Heute wird dreimal im Internet geklickt, schon weiß man Bescheid. Oder hat zumindest die Adresse eines Bescheidwissers. Aad van der Oord brauchte Ende der 60er-Jahre etwas länger, bis er einen US-amerikanischen Markenspezialisten ausfindig machen konnte. Und der gab zu Protokoll, die Twins seien 1917 braun, blau oder hellgrün gewesen. Aad entschied sich für die auffälligste Farbe, und so steht die Reading Standard nun schon seit 1970 in seiner Garage. Oder trägt ihn bei Veteranenrallyes durch Holland, Deutschland und England.

Foto: Siemer
Reading Standards konnten auf dem US-Markt gut mithalten, in mancher Hinsicht waren sie wegweisend.
Reading Standards konnten auf dem US-Markt gut mithalten, in mancher Hinsicht waren sie wegweisend.

Der heute 66-jährige Sammler schätzt die tapfere und unauffällige Art seiner Amerikanerin. Zündung auf spät gestellt, den Choke am Schebler-Vergaser reingeschoben, Ventilausheber betä­tigt, zwei Tritte auf den langen Kickstarter, schon brummt der langhubige V-Twin los. Den Funken liefert ein von Zahnrädern angetriebener Bosch-Zündmagnet – damals eine von drei Optionen. Völlig getrennt vom Zündstrom-Kreislauf werden Licht und Hupe versorgt, hier produziert ein mittels Riemen direkt von der Kurbelwelle in Schwung gebrachter Splitdorf-Generator die in einer 6-Volt-Batterie gespeicherte Energie. Der linke Fuß betätigt die Kupplung, die linke Hand den Wählhebel des Dreiganggetriebes, mit der rechten gibt Aad Gas.

Erstaunlich ruhig tuckert die Reading Standard los, dreht behutsam hoch, geschmeidig wechselt Aad den Gang. Beinahe aristokratisch wirkt die entspannte Sitzhaltung, bestens geeignet für lange Strecken. In engen Kurven oder beim Wenden kommen die Lenkerenden dem Körper recht nahe, aber irgendwie sind die Norweger auf ihren Gebirgstouren ja auch mit diesem Geweih zurechtgekommen. Sie werden auf ihren Schotterpisten den bemerkenswerten Komfort gelobt ­haben, den die sensible Springergabel und der gefederte Ledersattel von Mesinger/New York vermitteln. Und die stabilisierenden Kreiselkräfte der 28 Zoll messenden Räder, die gemeinsam mit langem Nachlauf und 1473 Millimeter Radstand für souveränen Geradeauslauf sorgen.

Per Fuß den Bypass öffnen

Bei freier Fahrt kann der Fahrer per Fuß einen Bypass öffnen, der das Abgas vor dem Schalldämpfer einfach ins Freie entlässt. Zu empfehlen, wenn Topspeed erreicht oder eine lange Steigung mit viel Schwung genommen werden soll. Dann allerdings hätte der Motor gern einen zusätzlichen Spritzer Öl: Neben der recht sparsam eingestellten mechanischen Pumpe rechts unten am Motorgehäuse besitzt die Reading Standard noch eine Handpumpe oben am Einfüllstutzen des Benzin-/Öltanks. Aad van der Oord findet dieses Ausstattungsfeature schön, verwendet es jedoch selten. Erstens hat er Zeit, zweitens wohnt er in Holland.

Technische Daten

Motor: Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-V-Motor, je zwei stehende, parallel angeordnete Ventile, Einlass über Kipphebel und Stoßstange, Auslass über Stoßstange betätigt, Bohrung 85,7 mm, Hub 101,6 mm, 1173 cm³, zirka 15 PS, ein Schebler-Vergaser, Trockenkupplung mit Fuß- und Handbetätigung, handgeschaltetes Dreiganggetriebe, Primär- und Sekundärantrieb über Kette.

Fahrwerk: Brückenrahmen aus Stahlrohr, Springergabel vorn, Trommelbremse hinten, über Fuß- oder Handhebel betätigt, Tankinhalt 11,4 Liter Benzin, 3,8 Liter Öl, Reifen vorn und hinten 28 x 3 Zoll.

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