Reifenmarkenbindung (Archivversion)

Schlappen-Wahl

Viele Motorradhersteller lassen inzwischen dem Kunden bei Reifen die freie Auswahl. Manche schreiben noch eine Markenbindung vor. Wie sieht das genau aus?

Was steht in den Papieren?

Welche Reifen darf ich jetzt auf meine Suzuki GSX-R 600 ziehen?« fragt Bert Biker seine Kumpels. »Was steht denn in deinen Papieren?« lautet die Gegenfrage. »Da sind nur Größen aufgeführt«, sagt Bert. »Und Suzuki empfiehlt die Erstbereifung. Die Schlappen fahren geradeaus. Aber ich möchte was Handlicheres. Spaßigeres.« Tja, und nun? Wenn unter Feld 15.1. und 15.2. im neuen Zulassungsdokument Pneugröße, Geschwindigkeits- und Tragfähigkeitsindex angegeben sind und unter Feld 22 nichts steht, können alle Schlappen mit der gleichen Spezifikation – unabhängig von der Marke – gefahren werden. Bleibt die Qual der Wahl. Weiterhelfen können MOTORRAD-Testberichte, Motorradhändler mit Durchblick und Internet-Seiten oder Hotlines der Reifenher­steller. Und manche Motor­radimporteure stellen noch Unbedenklichkeitsbescheinigungen aus. Solche Freigaben sind zwar nur notwendig, wenn ein zusätzlicher Hinweis auf die Fabrikatsbindung unter Feld 22 im neuen Zulassungsdokument steht. Aber sie garantieren, dass die Pneus mit dem Bike harmonieren. Denn die Freiheit der Wahl birgt auch das Risiko, an den falschen Reifen zu geraten.

Reifenkennzeichnungen

Wer sich neue Reifen zulegen will, muss sich exakt an die im Zulassungsdokument eingetragene Dimension und Bauart halten. Die Reifengröße geht aus der auf der Seitenwand eingeprägten Zahlenkombination hervor. Beispiel: 190/50 ZR 17 (73 W). Dabei bedeutet 190/50 eine Reifenbreite von 190 Millimetern bei einer Bauhöhe von 50 Prozent der Breite. ZR steht für Geschwindigkeit und Bauart, wobei Z über 240 km/h und R eine Karkasse in Radialbauweise benennt. 17 gibt den Felgendurchmesser in Zoll an. Bei (73 W) bedeutet 73 eine Tragfähigkeit von 365 Kilogramm und W eine zugelassene Höchstgeschwindigkeit über 270 km/h. TL steht für Tubeless (Schlauchlosreifen). Sonderkennungen: Manche Reifen haben Sonderkennungen, die oft nur durch einen weiteren Buchstaben wie M kenntlich gemacht sind. Das steht für einen Reifentyp, der in der Konstruktion von der Standardversion abweicht. Unbedingt beim Kauf beachten.

Wie handeln die Motorradhersteller?

Seit Anfang 2000 lösen sich immer mehr Hersteller und Importeure von der Markenbindung, die die Stra-ßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung zwar ermöglicht, aber nicht zwingend vorschreibt. Ihr Hauptargument: Der Kunde kann ohne zeitliche Verzögerung durch das Procedere der Freigaben aus dem kompletten Angebot wählen. Probleme hätte es bislang nicht gegeben. In vielen Fällen nennen die Firmen auch die neuen EU-Zulassungsdokumente, die ab Oktober 2005 eingeführt wurden, als Anlass für die Änderung. Dort wird nur noch eine Reifenpaarung benannt. Eine zusätzliche »Reifenmarkenbindung« in den deutschen Papieren hat BMW, deren Vertreter als eine Begründung die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen nennen. Wie Kawasaki: »Der Kunde kann sich sicher darauf verlassen, dass er keine böse Überraschung mit von uns getesteten und freige­gebenen Reifen erlebt. Immerhin 30 Prozent der getesteten Reifen fallen durch.« KTM macht zur Reifen­bindung bei Straßenmotorrädern widersprüchliche Angaben, will das aber klären. Honda und Ducati dagegen haben keine Markenbindung mehr, stellen jedoch weiterhin nach aufwendigen Tests Unbedenklichkeitsbescheinigungen aus. »Als Service für den Kunden«, so Ducati. Auch Suzuki hat sich im Mai 2007 von der Bindung verabschiedet, empfiehlt die Erstbreifung, die allerdings nach einigen Jahren nicht mehr produziert wird, und weist ansonsten jegliche Haftung auf ihrer Internet-Seite von sich. Ganz so einfach ist das nicht.

Wer haftet?

Eine Marktbeobachtungspflicht der Motorradhersteller besteht in jedem Fall (siehe auch Interview Seite 127). Das sieht auch das Bundesverkehrsministerium so: »Die Verant-wortung dafür, dass alle auf dem Markt befindlichen, typgenehmigten Reifen in den für den Motorradtyp vorgegeben Reifengrößen zu keinen fahrdynamischen Sicherheitspro­blemen führen, trägt der Hersteller selbst. Werden jedoch die notwendigen Fahreigenschaften nur mit bestimm-ten Fabrikaten erreicht und somit in der Typgenehmigung aufgeführt, sind diese Beschränkungen für den Ver­braucher bindend.« Also muss der Hersteller ohne Reifenbindung notfalls schwarze Listen erstellen mit Pneus, die sicherheitsgefährdend sind – wenn es die denn gibt. Bei Unbedenklich­keitsbescheinigungen und Freigaben haften die Aussteller, genauso wie der Prüfer, der ein Gutachten über eine Änderungsabnahme von Reifen ver­-fasst. Der Motorradfahrer und -halter ist jedoch für die Betriebssicherheit des Bikes immer mitverantwortlich. Zieht ein Pilot, dessen Motorrad eine Reifen-markenbindung hat, einen nicht frei­ge-gebenen Pneu auf, erlischt die Betriebserlaubnis.

Reifenhersteller

Die Reifenindustrie stellt unisono weiterhin Unbedenklichkeitsbescheinigungen aus – ob Bridgestone, Continental, Dunlop, Michelin, Metzeler oder Pirelli. Dazu werden die Pneus auf einem Hochgeschwindigkeits- und Handling-Kurs aufwendig getestet und dann gegebenenfalls freigegeben. »Trotz der ständigen Weiterentwicklung der Motorradtechnik gilt nach wie vor, dass die Kombination aus Motorradtechnik und Reifen passen muss, denn jedes Motorrad kann mit verschiedenen Reifentypen ein unterschiedliches Fahrverhalten zeigen«, so Metzeler. Die Empfehlung: nur frei-gegebene Reifen montieren. »Sportlerpiloten wollen lieber selbst entscheiden. Bei Tourensport- und Endurofahrern herrscht jedoch Verunsicherung über die Reifenwahl«, sagt Thomas Ochsenreither von Michelin.

Youngtimer

Für ältere Motorräder, die nicht mehr im aktuellen Programm der Motorradhersteller auftauchen, erstellt die Reifenindustrie Nach-folge-Freigaben. Besitzer von exotischen Youngtimern mit Fabrikatsbindung haben ein Problem, wenn die alten Schlappen nicht mehr produziert werden und keine Freigaben existieren. »Die Jungs sind gekniffen«, meint Harald Rüttgers vom TÜV Rheinland. Denn sie brauchen das Gutachten einer Prüfstelle über die technische Änderung, die beim nächsten Gang zur Zulassungsstelle eingetragen wird. »Das kostet bei klassischen Young­timern, die nicht über 200 km/h schnell sind, zwischen 30 und 100 Euro«, weiß Roger Eggers, Motorradfachmann beim TÜV Nord. Bei schnelleren Bikes sei jedoch auf jeden Fall eine Probefahrt notwendig. Je nach Zeitaufwand ist das bis zu 350 Euro teuer. In seltenen Fällen haben Motorradhersteller die Fabrikatsbindung schon aufgehoben.

Polizeikontrolle

Bei Kontrollen überprüfen die Ordnungshüter, ob die Angaben in den Papieren mit den montierten Reifen übereinstimmen. Die Schlappen müssen typgenehmigt sein und über genügend Profiltiefe von 1,6 Millimetern über die gesamte Breite verfügen. In der Praxis kommt es oft vor, dass Eintragungen aus dem alten Kfz-Brief nicht im neuen Zulassungsdokument stehen. Oder die montierten Reifengrößen nur im Certificate of Conformity, der Bescheinigung zur EG-Typgenehmigung, aufgelistet sind. Wer trotz Reifenbindung mit nicht freigegebenen Reifen erwischt wird, blutet: 50 Euro, drei Punkte.
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Tipps (Archivversion)

Achten Sie darauf, dass Eintragungen im alten Kfz-Schein unter Ziffer 33 in das neue Zulassungsdokument ins Feld 22 übertragen werden. Machen Sie zur Sicherheit eine Kopie des alten Scheins oder nehmen Sie ihn entwertet wieder mit.

Wer Reifenfreigaben oder gegebenenfalls ein Certificate of Conformity dabei hat, ist bei Kontrollen schneller fertig.
Bleiben Sie locker und freundlich.

Interview (Archivversion)

Christoph Gatzweiler, Ressortleiter Technik beim Industrie-Verband Motorrad Deutschland (IVM), zu Fabrikatsbindung, Freigaben und Haftung bei Reifen
Immer mehr Motorradhersteller verzichten bei neuen Modellen auf die Reifenfabrikatsbindung. Welche Auswirkungen hat dies für Motorradfahrer?
Rein rechtlich gesehen, kann der Motorradfahrer jeden Reifen der gleichen Dimension, Bauart und mit dem identischen Last- und Geschwindigkeitsindex wie im Zulassungsdo-kument Teil I eingetragen auf seinem Fahrzeug verwenden. Im Gegenzug entfallen aber auch die vom Fahrzeughersteller durch die Vorgabe bestimmter Reifen verbindlich zugesicherten positiven Fahreigenschaften. Es sei denn, der Hersteller wählt einen anderen Weg und spricht entsprechende Empfehlungen aus.

Wie steht es um die Produkthaftung?
Der Fahrzeughersteller ist nach den strengen Grundsätzen der Produkthaftung ver-pflichtet, den Markt für sicherheitsrelevante Zubehörteile zu beobachten. Man spricht hier von passiver und aktiver Beobachtungspflicht. Letzteres bedeutet, dass der Fahrzeugher-steller bei Kenntnis einer Gefährdung aktive Schritte einleiten muss, um diese Gefähr-dung seiner Kunden durch Zubehörteile im Rahmen des Zumutbaren zu verhindern. Beispielsweise durch Stichproben oder Tests.

Wie sehen die Konsequenzen für die Reifenindustrie aus?
Auch der Reifenhersteller trägt Verant-wortung, wenn er in seiner Produktbeschreibung oder Werbung versichert, dass der Reifen für ein Fahrzeug geeignet ist. Wird die Verwendung seiner Reifen nicht auf bestimmte Modelle ein-geschränkt, so müsste er wohl für deren un-eingeschränkten Einsatz haften. Ein kompletter Haftungsübergang vom Fahrzeug- auf den Reifenhersteller lässt sich aber hieraus nicht ableiten. Der Fahrzeughersteller trägt immer die produkthaftungsrechtliche Verantwortung für sein Fahrzeug.

Welche Haltung hat der IVM zur Entwicklung der Fabrikatsbindung?
Aus Produkthaftungssicht gibt es keine zwingende Empfehlung. Wie die Industrie im Einzelnen ihre Haftungspflichten erfüllt, bleibt jedem Hersteller selbst überlassen. Der Indutrie-Verband Motorrad wird sich jedoch weiter für gemeinsame Reifentests einsetzen. Ob diese letztlich in eine Fabrikatsbindung münden oder als Empfehlungen ausgesprochen werden, ist für den Kunden als Orientierung in beiden Fällen zielführend.

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