14 Bilder

Rennsteckenguru Hermann Tilke im Portrait Bauingenieur und Herr der Ringe

Niemand hat mehr Rennstrecken gebaut als Hermann Tilke. Dabei hat der Aachener bescheiden angefangen und den weltweiten Erfolg seiner Leidenschaft für Rennen zu verdanken.

Hermann Tilke - Der Herr der Ringe

Wenn ein Scheich in Arabien auf die Idee kommt, dass er eine Rennstrecke braucht, klingelt mit Sicherheit bald bei Hermann Tilke in Aachen das Telefon. Es kann auch ein Multimillionär aus den USA oder ein Konsortium aus Asien an der Strippe sein. Sie alle kennen seinen Namen. Der Ingenieur ist der weltweit führende Mann in Sachen Renn- und Teststreckenbau.

Von einem hübsch renovierten, aber äußerlich eher unscheinbaren Altbau aus, steuert er zusammen mit seinem Partner, dem Architekten Peter Wahl, eine Firma mit 350 Mitarbeitern in einem halben Dutzend Ländern. Sie bauen zwar auch sehr erfolgreich Einkaufscenter, Hotels, Wohnanlagen und Krankenhäuser, aber durch ihre Rennstrecken samt Tribünen, Boxengebäuden und Team Buildings ist ihr Name berühmt geworden. Mittlerweile hat der 58-jährige Tilke 65 Strecken entworfen, gebaut oder umgebaut, darunter so klingende Namen wie Sepang, Schanghai, Abu Dhabi, Barcelona, Istanbul, Sachsenring und Paul Ricard, um nur einige zu nennen.

Anzeige

Zufahrtsweg zum Nürburgring war der Anfang

Ein begehrter Mann wie Tilke, der rund 200 Tage im Jahr unterwegs ist, hat einen sehr dicht gedrängten Terminkalender, trotzdem nimmt er sich gerne Zeit für das Interview. Er wirkt sportlich, bleibt stets freundlich und absolut konzentriert, während er über seinen Job plaudert. Man merkt ihm an, dass ihm sein Beruf immer noch Freude bereitet. Der gebürtige Olpener fing bereits mit 18 Jahren an, Autorennen zu fahren, und gab diese Leidenschaft erst vor drei Jahren auf. Bis dahin war er mit allem Rennen gefahren, was vier Räder, einen Motor und ein Dach hatte, besonders im Langstreckencup war er sehr erfolgreich. Mit Rennstrecken kannte er sich also schon früh bestens aus, trotzdem hätte er sich als Student nicht träumen lassen, jemals welche zu bauen. Nach Abschluss seines Diplomstudiums an der TH Aachen gründete er 1983 seine eigene Firma, um mehr Zeit für die Rennfahrerei zu haben. Es sollte jedoch anders kommen ...

Angefangen hat er ganz klein, mit dem Bau eines Zufahrtswegs zum Nürburgring für ganze 600 Mark. Dann kamen einige Änderungen an schon bestehenden Strecken. Heute denkt Tilke in größeren räumlichen Dimensionen. Seine erste komplett selbst entwickelte Rundstrecke war der Sachsenring. Gewaltige Anlagen wie etwa Yas Marina in Abu Dhabi verschlingen dreistellige Millionenbeträge. Erst letztes Jahr ist der Circuit of the Americas, eine Rennstrecke in Austin/Texas, mit einem Formel-1-Rennen eingeweiht worden. Tilke erklärt sie enthusiastisch anhand eines Lageplans an der Wand: „Eine hügelige Strecke, bei der wir den Verlauf dreidimensional an das Gelände angepasst haben. Ab 2013 wird dort auch MotoGP gefahren.“ Die Begeisterung über das Projekt schwingt in seinen Ausführungen mit.

Anzeige

Am liebsten reine Auto- oder reine Motorradstrecken

Jedes Detail wird von ihm akribisch durchdacht, bevor der erste Spatenstich erfolgt: „Zunächst gibt es natürlich intensive Gespräche mit dem Investor. Was will er mit der Strecke anfangen? Manchmal ist ihm das im Vorfeld gar nicht völlig klar, und wir müssen erst einmal die Ziele festklopfen.“ Leider passiert es auch oft, dass der Betreiber zunächst nur Autorennen veranstalten möchte und sich dann nach Abschluss der Planungsphase doch noch entscheidet, auch Motorradrennen austragen zu wollen. Was für Tilke und seine Mitarbeiter viele Überstunden bedeutet.

Am liebsten ist es ihm, wenn ein Auftraggeber eine reine Auto- oder reine Motorradstrecke bauen will. Denn die Unterschiede im Streckenlayout sind erheblich: „Motorräder fahren zum Beispiel beim Rausbeschleunigen aus Kurven viel größere Radien, und im Gegensatz zu Autos mögen sie keine Spitzkehren“, erklärt Tilke. Selbst für Formel-1- und Tourenwagen müssten eigentlich verschiedene Streckenprofile angelegt werden. Natürlich sind die meisten Rennstrecken für mehrere Motorsportarten ausgelegt, was aber eben stets Kompromisse erfordert. Kritik von den Fans aus den jeweiligen Lagern ist ihm nicht fremd, aber er muss sich an die Vorgaben der Auftraggeber halten. Er hat die Mercedes-Arena des Nürburgrings, spöttisch als „Haug-Haken“ betitelt, entworfen. Viele Motorradfahrer hassen den Eingang, die 180-Grad-Kurve am Ende der Zielgeraden, wo es besonders nach dem Start immer wieder zu Unfällen kommt.

Potenzial für Rennstrecken besonders in Asien

Bevor Tilke den ersten Strich zu Papier bringt, gilt es, das vorgesehene Stück Land zu begutachten. Die Größe und Form, die Topografie, die Bodenbeschaffenheit, die Infrastruktur, woher die Zuschauerströme kommen - sogar die Hauptwindrichtung spielt eine Rolle. Dann skizziert er mit seinem Team den Streckenverlauf, beginnend mit der Start-Ziel-Geraden. Es muss auf unglaublich viele Details geachtet werden: von der Form der Curbs bis zur Farbe der Auslaufzonen. Oft baut Tilke auch die gesamte Infrastruktur, was den Vorteil hat, dass die Planung in einer Hand liegt. Grandiose Bauten wie in Abu Dhabi und Schanghai zeugen davon.

In der Zukunft sieht Tilke noch viel Potenzial für Rennstrecken, besonders in Asien. In Europa gibt es 150 in Betrieb befindliche Rennstrecken, in den USA mehr als 300. Wenn man das auf die Bevölkerungszahlen in Asien hochrechnet - dort lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung -, dürften auf dem größten Kontinent noch viele Projekte entstehen. Die futuristisch anmutende Strecke in Sepang (Malaysia) hat Tilke 1999 gebaut, 2004 folgte Shanghai, Korea 2010, ein Jahr später Buddh in Indien.

2014 Rennstrecke im russischen Sotschi

Letzten Sommer wurde der Moscow Raceway eingeweiht, und 2014 wird die Strecke im russischen Sotschi am Schwarzen Meer fertiggestellt sein, wo unter anderem die Superbike-WM gastieren wird. Über Arbeitsmangel kann sich Tilke wahrlich nicht beklagen.

Besonders zufrieden ist er mit dem Bilster Berg Drive Resort in Ostwestfalen. Er hat sie zusammen mit dem Rallye-Weltmeister Walter Röhrl entwickelt und viel Herzblut in die exklusive Strecke gesteckt. Auch für Motorräder dürfte die kurvige und hügelige Strecke sehr interessant sein.

Eigentlich sollte sie schon im Juli 2012 den Betrieb aufnehmen, doch Anwohner hatten die bereits erteilte Genehmigung zunächst gerichtlich stoppen lassen. Jetzt werden wohl frühestens im Sommer 2013 die ersten Glücklichen den frischen Asphalt unter die Reifen nehmen dürfen.

Tilke hat noch viele Visionen, einen Traum aber wird er wohl nicht verwirklichen können: einen Kurs wie seine Lieblingsstrecke zu bauen, die Nürburgring-Nordschleife. Für Tilke die schönste Strecke überhaupt, auf der er schon viele Rennen gefahren ist - aber die „wäre heute nicht mehr bezahlbar.“

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel