Report: RC-Bike-Weltmeisterschaft Fernlenk-Motorräder

Rennsport mit Suchtfaktor. Handtasche auf und losgedüst. MotoGP im Hinterhof für gefühlvolle Piloten und begabte Techniker. Ein Blick hinter die Kulissen der RC-Bike-Weltmeisterschaft auf der Leipziger Modellrennbahn.

Foto: Jahn

RC-Bike-Weltmeisterschaft

Charly ist schwer am Grübeln. Den linken Ellenbogen auf eine Arbeitsplatte gestemmt, den Kopf in der Hand aufgestützt, so sinniert Charly im überdachten Fahrerlager des Modellrennbahnclubs Leipzig in die Ferne. Die Sonne sticht mächtig an diesem ersten August-Wochenende, und ferngesteuerte Motorräder schwirren auf der kniffligen 360 Meter langen Modellrennbahn durch den Samstags-Zeitplan und die Qualifikationsläufe.

Charly, der mit vollem Namen Karl-Heinz Krieg heißt, hadert mit seinem Modellmotorrad-Setup und der Zeitenjagd in der Superstock-Klasse. Es fehlt ihm momentan einfach der Grip am Hinterrad. Mit der Weltmeisterschaft im eigenen Land sieht Charly aus Bopfingen eine echte Chance und zelebriert die ehrliche Freude am großen Auftritt. Gut, der fällt beim 1:5-Maßstab der Modellmotorräder etwas kleiner aus, aber die Szene zeigt sich so bunt, vielfältig und kreativ, da hätte selbst der schrille Valentino Rossi zu rudern.

Charly, der mit seinen 55 Jahren offen bekennt: "Ich stehe auf blonde Puppen im Lederdress, ohne meine Barbie geht nichts." Nun, mit dieser offensiven Aussage zu seiner langmähnigen und flott gekleideten Pilotin im Superstock-Feld steht er allerdings ziemlich isoliert da. Von den 140 gemeldeten WM-Teilnehmern, die sich aus insgesamt 13 beteiligten Nationen rekrutieren, vertraut die Mehrzahl der Motorradmodell-Fernlenker auf solide befestigte, quietschbunte Plastiktypen.

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Foto: Jahn

Und nebenbei bemerkt: Kopflos oder ganz ohne Puppe, lässt schon das Reglement nicht zu, denn es soll ja so realistisch wie möglich aussehen. Aber eines bemerkt selbst der ahnungsloseste Laie beim Blick ins Fahrerlager: Hier werkeln Hightech-Freaks und nicht die Reste-Rudis mit dem Spielzeugschrott der letzten Weihnachtsbescherung.

Während Charly mit Reifenmischungen und Fahrwerksgeometrie experimentiert, schlendern die zwei bekanntesten Protagonisten der noch recht überschaubaren deutschen Szene vorbei: Thomas Fleiner und Hugo Binder. Konkurrenten einerseits, aber fair und freundschaftlich verbunden, um die Modellrennerei gemeinsam nach vorn zu bringen. Während der 44-jährige Fleiner im wahren Leben für den asiatischen Hersteller Thunder Tiger verkauft, aktiv fährt und nebenbei noch die Weltmeisterschaft organisiert, konstruiert der 38-jährige Binder für die italienische Marke AR-Racing renntaugliche Prototypen, die im harten Wettbewerbseinsatz zur Serie reifen sollen. Klingt ganz schön mächtig für eine Bonsai-Rennserie. Gestandene Motorradfahrer auf der Straße wissen meist nicht einmal, dass so etwas überhaupt existiert. Das Zuschaueraufkommen in Leipzig hätte jedenfalls deutlich Potenzial nach oben.

Auf der Strecke fräsen derweil die sogenannten Nitros mit Sägesound, Qualm und überwiegend Zweitaktduft. Vor Jahren noch die Top-Klasse im Ring, sind jetzt die sogenannten Superbikes mit Elektroantrieb und den schnellsten Rundenzeiten das Maß der Dinge. Die Verbrenner sind faszinierend, aber deutlich wartungsintensiver und komplexer als die E-Bikes. Bei den Superbikes gibt es als einzige Vorgabe einen Achsenabstand von minimal 280 und maximal 320 Millimetern, ein bisschen Maßhaltigkeit bei Rädern und Fahrzeughöhe, 7,4 Volt Maximalspannung, Zahnrad- oder Kettenantrieb, Hohlkammerreifen, die bereits erwähnten optischen Vorgaben und mehr nicht.

Auf Deutsch: Alles andere ist erlaubt. Ein klarer Fall für den technikgetriebenen Maschinenbauingenieur Binder. Unter der Woche am Fraunhofer Institut in Darmstadt mit Computergrafiken wie "augmented reality" beschäftigt, schlägt sein Herz in der Freizeit für das vollendete Motorradmodell. "Ich habe mich intensiv mit der Motorradtechnik im MotoGP-Sport beschäftigt", erklärt er. "Und so finden sich auch bei uns durchdacht eingesetzte Entwicklungen wie Massenkonzentration, Fahrwerks- und Schwingengeometrie, Bremsbalance, Lenkungsdämpfer, Datarecording und, und, und."

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Foto: Jahn

Fahrverhalten

Die Technikmöglichkeiten der kleinen Flitzer gleichen den großen Vorbildern im Rennsport. Damit es unterhalb der Superbikes und der Verbrennerklasse, die auch nur ein reglementierendes Hubraumlimit von 3,5-cm³-Zweitakt und 10-cm³-Viertakt kennt, eine basisfreundlichere Klasse gibt, existiert die Stocksportklasse. Da sind sinnvolle Haupteinschränkungen ein Minimalgewicht von 1900 Gramm, käufliche Elektromotoren und vor allem keine Bremsen. Keine Bremsen? Dazu erklären Fahrer wie Marc Lutz, früher selbst aktiver Supermoto-Fahrer bei den 1:1-Motorrädern:

"Auf jeden Fall ohne Bremsen das Fahren trainieren! Nur so lernt der Anfänger die saubere elegante Fahrtechnik. Modellmotorrad pilotieren ist geil - quer rein, quer raus und vor allem: stürzen ohne Schmerzen." Aber keine Angst, auch ohne Bremsen kommen diese Bodenraketen zum Stehen. Gas umgekehrt am Abzugsgriff der Fernsteuerung, und der Renner verlangsamt sich. Neben dem Gashebel besitzen diese Fernsteuerungen noch ein kleines Lenkrad, das zwischen Daumen und Zeigefinger geführt und feinfühligst bewegt den Lenkimpuls gibt. Rechts lenken, rechts fahren. Ein umgekehrter Servo erledigt beim Modell aber genau das Gegenteil.

Sobald der Minibrenner einlenkt, führt der Eigenspeed um die Kurve und dann mit Schmackes wieder raus aus dem Eck. Dazu Hugo Binder: "Die rein optische Wahrnehmung beim RC-Bike fahren macht es viel schwieriger als die haptische beim echten Racing. Deswegen auch die einstellbaren Aufsetzbügel oder Schleifstifte, um dann mit 66 Grad Schräglagenwinkel um die Kurve zu wetzen."

Damit die Modelle losdüsen können, bekommen sie von einem Helfer einen kurzen Schubs, und ab da sorgen die Kreiselkräfte für Stabilität. Wirft ein übermotivierter Treiber seinen Liebling in die Wiese, muss er auf einen schnellen Kollegen hoffen, der ihn wieder auf die Bahn setzt, damit es weitergehen kann.

Nach jedem Lauf auf dem Kommandostand folgt direkt eine Runde Dienst als Streckenposten. Und so brummt, sirrt und scheppert es munter unterhaltsam über den Tag. Freundlich und konzentriert laufen die Wettkämpfe ab. Auch für Charly nehmen die Qualifikationsläufe und der darauffolgende Renntag ein versöhnliches Ende. Mit Rang zwölf verpasst er nur knapp das Rennen der Besten. Da hat seine Barbie also doch noch ordentlich Druck gemacht.

Foto: Jahn

RC-Technik im Detail

Klein und fein ist die Devise

Wer das erste Mal in die Technik der Minimotorräder eintaucht, ist verblüfft: Da gibt es Gabeln und Dämpfer mit höchster Funktion und Präzision, Achsschenkellenkungen aus Kohlefaser, funktionstüchtige Mikro-Hightech-Bremsen und ultraleichte Mini-Servos. Das Reglement lässt den Konstrukteuren und Modellbauern viel Spielraum, und das macht es interessant.

Teilweise starten die Fahrer und Teams mit komplett eigenen Konstruktionen. Aber selbst für die Gabeln gibt es professionelle Spezialisten und Tuner. Den meisten Großserienherstellern ist der Markt momentan zu klein. Wer also den Erfolg und den Spaß sucht, braucht findige Köpfe und Handwerker. Oder macht gleich alles selbst.

Bei der Motorisierung geht der Trend eindeutig Richtung Elektroantrieb. Der Reiz von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren ist da, steht aber konträr zum Aufwand. Vor allem die Abstimmungsarbeit macht es diffizil. Reinigung und erhöhter Aufwand schrecken ab. "Plug and play" heißt auch hier der Trend.

Schwierig für die kleine Szene sind die wenig einsteigergerechten Trainingsmöglichkeiten. Wer ohne Anleitung und Fahrtipps auf einem Parkplatz herumgurkt, verliert schnell die Lust. Die RC-Bikes mit ihren vielfältigen Einstellmöglichkeiten verlangen schon eine kundige Hand.

Also: Club suchen, Kumpels suchen und sich auf einer Internetplattform wie rc-motorradforum.de mit Hugo Binder und Thomas Fleiner austauschen - und dann loslegen.

Videos: RC-Bike-Weltmeisterschaft 2009



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