Report Fighterama 2006 (Archivversion) Tarnfleck und Tangas

Im Zeichen des Schlagrings: Nach all dem Glanz und Glamour der Intermot hisst die Fighterama Flagge und zeigt der Szene den grinsenden Totenschädel: klar zum Entern. Hier kommt die Spaßguerilla.

Ein böser Schlagring ziert das Messelogo. Der Untertitel dagegen suggeriert harmloses Freizeitvergnügen: »Motorrad Sport und Tuning Messe«. Mit Wider-
sprüchen haben die Besucher der Fighterama – viele selbst in Tarnfleck – offenbar kein Problem. Wobei der olivgraue Farbmix
eines ganz sicher nicht bewirken soll – nämlich das, wofür er einst geschaffen wurde: dass sein Träger übersehen wird. Wer zur Fighterama kommt, will sehen und gesehen werden. Wer sein Bike und, wie diverse Clubs, auch sich selbst zur Schau stellt, natürlich noch viel mehr.
Zum sechsten Mal hat die Fighterama in Rheinberg am Niederrhein Anfang
November für drei Tage ihre Pforten ge-
öffnet. Die nur teilweise sanierten Hallen
einer ehemaligen Textilfabrik bieten mit ihrem bröckelnden, betongrauen Industriecharme eine passende Kulisse. Jedes
Jahr zum selben Zeitpunkt geht dort ein Gruselkabinett auf zwei Rädern über die Bühne: grinsende Alienköpfe, gezackte Samuraischwerter, blutige Hirnmasse, rostige Patronengürtel – kein Accessoire ist
zu geschmacklos, kein Spruch politisch zu unkorrekt, um nicht aus einem harmlosen
Serienmotorrad mit teilweise viel Auf-
wand und technischer Finesse einen fiesen Straßenkämpfer zu machen.
»Graf Spee« heißt die eine GSX-R,
»El Alamein« die andere. Tarnnetze,
MG-Nester, sogar alte Wehrmachtshelme
dienen den Messe-Ständen als Deko. Das Motto dazu, auf Aufklebern, T-Shirts, Lederjacken oder Tanga-Slips: »Klagt nicht, kämpft« – gern genommen in altdeutscher Frakturschrift. Und stets garniert mit Schlagringen in allen Variationen, auf der Fighterama so allgegenwärtig wie Stofftiere auf dem Elefantentreffen.
Und genauso harmlos. Wer’s nicht besser weiß, kann schnell der unsinnigen Idee verfallen, bei einer Reifenverbrennung von Neonazis gelandet zu sein. Doch in Wirklichkeit haben Gruppen wie die »Fighter
Alliance Brandenburg« oder die »Streetfighters Kassel« mit rechtsradikalem Gedankengut so viel zu tun wie die steilen Hecks und fetten Schlappen ihrer Bikes mit Tourentauglichkeit und besserem Handling. »Wir sind 15 Mann, die einfach ihren Spaß haben wollen«, sagt »Babba«, dessen schwarze Lederweste das Patch der »Rheinfront Fighters« ziert. »Einen Chef, Presi oder Vorsitzenden gibt’s bei uns nicht, gefahren wird bei uns alles. Die meisten haben Japaner, einer eine Harley, das ist nicht so wichtig.«
Hauptsache, die Bikes können richtig schön burnen. In diesem Fall für einen
guten Zweck. Denn die Reifenvernichtung
am Messestand der »Rheinfront Fighters« steht im Zeichen einer Charity-Aktion:
Pro Burnout fürs Besucherfoto, feuerpolizeilich korrekt stilisiert durch gesundheitlich unbedenkliches Trockeneis, kommen 2,50 Euro in die Spendenkasse. Und das Geld wandert nicht etwa in den nächsten Getränkemarkt, sondern zur Bärenherz-Stiftung. Über 3000 Euro hat die Rheinfront schon für den Hospizverein
für schwerstkranke Kinder gesammelt und gespendet (www.streetfighter-rheinfront.de oder www.baerenherz.de).
Eine ganz kommerzielle Verkaufsmesse ist die von der Szene-Postille Fighters organisierte Schau allerdings ebenso: Ob Lenkerarmaturen von LSL, Lampenmasken von Hesa, Nachrüstauspuffanlagen von SO-Products oder Karbonabdeckungen von Hinz Powerparts, wer will, kann hier Fischzüge machen. Aber auch einfach nur zum Kucken und Bestaunen ist ein Haufen technischer Leckerbissen in den Hallen versammelt: Edle Werksumbauten von Ducati, breitestbereifte Custom-Harleys und selbst der eben erst auf der Kölner Messe Intermot vorgestellte, brandneue Milwaukee-Prototyp XR 1200 – Teile der Motorrad-Industrie haben Fighterama für sich entdeckt. Nur BMW und die großen japanischen Hersteller halten den Ball noch sehr flach. Vielleicht verschreckt vom Ruf der Samstagabend-Party? Nahtlos zum Messeschluss steigt diese ab 18 Uhr in
einer separaten Halle: Live-Band, Pokale, Misswahl, Stripshow – nichts, was es
nicht auch auf Nicht-Fightertreffen gäbe. Nur alles noch etwas
geschmackloser. Doch genau so muss es sein. Denn hier tanzt die Spaßguerilla der Bikerszene. Und die will es so und nicht anders.

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