Report: Miniatur-Werkstatt (Archivversion) Mein Firma

Gerhard Schilder hat sich seinen Traum von einer kleinen, aber feinen Motorradwerkstatt erfüllt. Hier stehen Ducati 916, MV Agusta F4 und Norton Manx dicht beieinander. Und eine verrottete Triumph Tiger 100 wartet auf ihre Restaurierung.

Es fehlt wirklich an nichts. Über die Jahre hat er sich alles zugelegt: eine Drehbank mit sämtlichen Werkzeugen, Teilscheiben, Backenfuttern. Dazu eine schöne alte Deckel-Präzisionsfräse mit Teilapparat und was man sonst noch so braucht, um Fußrastenanlagen, Gabelbrücken oder Kleinteile wie Achsen, Hülsen oder Distanzbuchsen selbst herstellen zu können. Auch an gutem Werkzeug hat Gerhard Schilder aus Sommerloch bei Bad Kreuznach nicht gespart. Alles liegt akkurat sortiert und stets griffbereit im Wagen.

Eine bildschöne Ducati 916 steht auf der Hebebühne. Rasch hat er die rechte Seitenverkleidung abgenommen: Oben vier ergonomisch geformte Schnellverschlüsse geöffnet, am Verkleidungskiel zwei, schon kann er die Plastikschale vorsichtig ab-
heben und beiseite stellen. Später wird er den Tank und die untere Hälfte der Airbox demontieren, die blaue Gelbatterie mitsamt ihrem Kasten und dem Lichtmaschinenregler ausbauen und das kleine, ans obere Rahmenrohr gesteckte Sicherungskästchen aus seinen Gummipuffern ziehen. Dann liegen die Abdeckungen der Zahnriemen frei – nach 20000 Kilometern steht deren planmäßiger Wechsel an. Aber jetzt ist erst einmal Mittagspause.
Und alles nur ein Traum. Gerhard Schilder hat ihn sich zurechtgelegt. Im Maßstab 1:9. Mit den Motorradmodellen hatte der Hobbymodellbauer noch leichtes Spiel. Sie stammen von Protar oder Revell. Aber die Liebe steckt im Detail. So hat er etwa die Telegabel der 916 aus Alu und Messing
gefertigt, die Felgen aus Leichtmetall gedreht oder den Lenkungsdämpfer beweglich gestaltet. Die Bremsscheiben sind in Metall ausgeführt, gelocht und schwimmend gelagert. Beim Gehäuse des Drehzahlmessers der Gilera-Rennmaschine oder bei der Ummantelung der Königswelle an der Norton Manx beließ es der Bastler ebenfalls nicht bei schnödem Plastik.
Richtig knifflig wurde es jedoch erst
bei der Werkstatteinrichtung. »Da gibt es einfach nichts zu kaufen. Weder Winkelschleifer noch Schraubstock, weder Ständerbohrmaschine noch Kabeltrommel. Und schon gar nicht im Maßstab 1:9«, erklärt Gerhard Schilder, der im richtigen Leben eine Kawasaki ZX-10 fährt.
Und das Gespür hat, für seine Mini-
aturen das richtige Material zu finden. Schilder scheint einen siebten Sinn dafür zu besitzen, welche Gegenstände sich für den Modellbau eignen. So hält eine Süßstoffdose jetzt als Druckbehälter für den Kompressor her oder der Knauf einer Gardinenschleuder als Ölkännchen. Gerhard Schilder kann einfach alles gebrauchen.
Um alles detailgetreu nachzubauen, stöbert Schilder auch schon mal in alten MOTORRAD-Heften. »Wenn ich etwa wissen will, wie so ein Zylinderkopf einer
Triumph T 100 von innen ausschaut. Denn im Modell-Motor ist da nur Leere.« Auf die Standard-Frage, wie viele Stunden er denn nun schon in seine »Firma« investiert habe, kommt eine einleuchtende Antwort. »Das habe ich nie gezählt.« Selbständige haben eben niemals wirklich Feierabend.

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