Motorrad-Design Hässlich oder schön?

Warum gefällt uns ein Motorrad auf den ersten Blick, ein anderes auch auf den dritten noch nicht? Nicht leicht zu beantworten. Gutes Design ist schwierig zu definieren und noch schwerer zu entwerfen.

Foto: jkuenstle.de

Design begleitet uns überall im Alltag, oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen. Der englische Begriff bedeutet „Entwurf“ oder „Formgebung“. Aber Design ist noch viel mehr, es soll Emotionen schüren und Begehrlichkeit wecken - zwei Eigenschaften, die unweigerlich mit dem Motorrad verbunden sind. Es ist häufig der erste Anblick, der Muss-ich-haben-Effekt, der über einen Kauf entscheidet. Niemand würde sich ein hässliches Motorrad zulegen, auch wenn es sich noch so gut fährt.

Geschmäcker sind verschieden, dennoch gibt es in jeder Motorradkategorie Modelle, die zweifellos höchst gelungen sind. Ikonen wie die von Massimo Tamburini geschaffene Ducati 916 oder die MV Agusta F4 empfindet fast jeder als schön, während eine BMW R 1200 ST (rechts) oft als optische Entgleisung eingestuft wird. Warum ist das so?

Professor Lutz Fügener lehrt Transportation Design an der Hochschule Pforzheim. Unter diesen Oberbegriff fällt auch die Sparte Motorrad-Design. Obwohl sich Fügener meist mit Automobil-Entwürfen beschäftigt, sammelt der 46-Jährige leidenschaftlich Motorräder.

Auf die Frage, was gutes Motorrad-Design ausmacht, holt Fügener etwas aus: „Ein Motorrad generiert im Regelfall seine Ästhetik immer auch aus technischen Teilen. Für uns Designer ist das eine positive Ausgangslage, da der alte Satz von der Form, die der Funktion folgen soll, ja durchaus noch richtig ist. Die Aufgabe des Designers ist es, die technischen Details zu ästhetisieren, in eine Ordnung zu bringen und durch passende Verkleidungs- und funktionale Teile zu ergänzen.“

Beim Entstehungsprozess des Designs ist die Inspiration enorm wichtig. „Die ersten zehn Striche sind entscheidend“, meint Fügener. „Wenn die nicht als stimmig empfunden werden, kann man den Entwurf gleich vergessen.“ Für ein neues Motorradmodell entstehen Hunderte von Entwürfen zunächst als „Sketch“ auf Papier und dann im Computer. Dabei müssen die Designer eng mit den Ingenieuren zusammenarbeiten, was Konfliktpotenzial beinhaltet. Nicht alles, was sich die Designer vorstellen, kann auch technisch umgesetzt werden. Umgekehrt darf nicht der Technik zuliebe die Ästhetik zu sehr leiden. Wirklich neue Konzepte sieht Fügener im Motorrad-Design jedoch nicht: „Es gleichen sich viele Modelle immer mehr an, was letztlich zu Konformität führt“, kritisiert er. „Nehmen Sie etwa vier aktuelle Superbikes, entfernen das Firmenlogo und lackieren Sie sie identisch. Sie werden große Schwierigkeiten haben, die Modelle zu unterscheiden oder gar der richtigen Marke zuordnen zu können.“

Dem Retrodesign einer Triumph Bonneville oder Kawasaki W 800 kann er zwar einiges abgewinnen, aber es sind eben alte, aufgewärmte Konzepte - für einen Designer, der Neues erschaffen will, naturgemäß eher uninteressant. Als positiv bewertet Fügener hingegen die Idee der Supermotos. Die Kreuzung aus Motocross- und Straßenmotorrad habe zu einigen originellen Modellen geführt wie der Husqvarna 900 Nuda mit ihren kantigen Formen, der auch der Design-Professor Lob zollt.

Wie sieht das ein Designer, der in der Industrie tätig ist? Kiska-Design ist untrennbar mit KTM verbunden. Seit 20 Jahren zeigt sich Gerald Kiska für die äußere Erscheinung der österreichischen Marke verantwortlich, entwirft aber auch Produkte, die nichts mit Zweirädern zu tun haben, etwa Skier, Flaschen oder Kopfhörer. „Es kann sehr hilfreich sein, über den Tellerrand hinauszuschauen“, meint Kiska schmunzelnd. In dem glatten Bau in Salzburg sitzt der mit Design-Preisen überhäufte Oberösterreicher vor einer Tasse Kaffee und schüttelt bei der Frage, was schönes Design ausmacht, den Kopf: „Es gibt beim Design kein schön oder hässlich, sondern nur richtig oder falsch“.

Das Motorrad-Design ist für ihn der dreidimensionale Ausdruck einer Firmenphilosophie. „KTM baut sportliche und leichte Motorräder, entsprechend aggressiv und leicht muss das Design wirken. Es darf nichts Überflüssiges geben, es muss eine ehrliche Konstruktion sein“, erklärt Kiska. Elemente wie offene Streben in den Schwingen sollen diese Leichtbauweise optisch umsetzen. Es gibt keine unnützen Verkleidungsteile oder Abdeckungen, und es dürfen keine Fakes vorhanden sein, etwa Stahlrahmen, die auf Alu-Look getrimmt sind. „Schon im Stand muss ein Motorrad ausdrücken, wie es benutzt werden soll“.

Für Kiska ist die Ergonomie enorm wichtig: „Das Motorrad ist ein Arbeitsplatz. Je einfacher das Gerät zu bedienen ist, desto besser kann man sich auf das Fahren konzentrieren. Für Sportmotorräder gilt das ganz besonders.“ Mut hat Kiska in seinen Entwürfen immer bewiesen, und der Erfolg gab ihm meist recht. Oft wollte er auch gezielt polarisieren, als er etwa das betont kantige Design einführte: „Man kann bei aktuellen Modellen der Konkurrenz Stilelemente entdecken, die wir vor Jahren eingeführt haben“.

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Foto: KTM
Und schließlich die Studie KTM 690 Stunt. O-Ton KTM:
Und schließlich die Studie KTM 690 Stunt. O-Ton KTM: "Weltmeister Christian Pfeiffer muss von ihr träumen, dann haben wir sie richtig gemacht."

Heute geht Kiska jedoch wieder von den harten Linien weg und führt geschwungene Elemente ein, wie seine jüngste Kreation, die 690 Duke, beweist. Sie war ein schwieriger Spagat von der Supermoto zur Straßenmaschine, musste also optisch anders auftreten: „Sie basiert auf einem Showbike, das wir vor drei Jahren als ‚Stunt‘ präsentiert haben. Uns war es sehr wichtig, wie die Leute auf die Idee reagiert haben, ehe wir sie endgültig umsetzten.“ Tatsächlich ist die Firma Kiska nicht nur Design-, sondern auch Kommunikationsagentur. Im Vorfeld der 125 Duke wurden umfassende Marktforschungen und Befragungen betrieben, was die 16-Jährigen heutzutage denken und mögen.

Jens vom Brauck nähert sich dem Thema Design von der anderen Seite. Der gelernte Industriemechaniker nimmt bereits existierende Modelle und baut sie um. Oder ab. Denn anschließend bestechen sie durch Minimalismus. Vom Brauck hat nie Design studiert, aber er lebt das Thema Motorrad. Der Zeichner und Tüftler entfernt alles, was zu viel Ballast für das Motorrad, aber auch für das Auge des Betrachters bedeutet. Mit der Flat Red, dem Umbau einer Ducati Monster, hat er ein extremes Bike geschaffen, das 2004 den internationalen Ducati Design Contest gewann. Es rückte den Motor in den Mittelpunkt und vermittelte durch den flachen Tank und das kurze Heck eine ungeheure Dynamik. „Meine Motorräder sollen zeitlos sein“, erklärt vom Brauck in seiner kleinen Werkstatt in Köln. Eine Idealformel für das Design eines Motorrads gibt es seiner Meinung nach nicht: „Man muss vieles probieren und dann kritisch hinterfragen, ob es zu dem Charakter des Motorrads passt. Die Details müssen harmonieren.“

Seine Bikes stellen stets eine Synthese aus Funktionalität und Passform dar, einfache Formen, die durch Schlichtheit bestechen, bei denen der Betrachter sofort und intuitiv den Sinn eines jeden Bauteils erkennen soll. Bei Computern war Apple damit äußerst erfolgreich.

Neue Interpretationen alter Formen hat sich 0815design zur Aufgabe gemacht. Dahinter stecken die Diplom-Designer Georg -Godde und Holger Maninger aus Gelsenkirchen. Sie haben bereits für Autohersteller Konzeptfahrzeuge entworfen, aber ihre besondere Liebe gilt dem Motorrad. Ihr SCOOTR genannter Entwurf soll zeigen, wie minimalistisch, aber gleichzeitig innovativ ein Zweirad sein kann.

Georg Godde liefert eine verblüffende Antwort, warum ein Motorrad als schön empfunden wird: „Es reicht schon der zweidimensionale Blick von der Seite. Wenn dort die Proportionen nicht stimmen, kann man das Motorrad gleich vergessen.“ Er zieht einen Vergleich zum Menschen: „Wenn ein Gesicht symmetrisch ist und Augen, Wangen, Nase, Mund und Kinn bestimmte Proportionen und Abstände aufweisen, wird es vom Gehirn automatisch als attraktiv eingestuft. Ähnlich ist es bei Motorrädern: Ist bei der Seitenansicht die Front oder das Heck zu lang oder zu wuchtig oder die Mitte zu voluminös, wirkt es auf den Betrachter als disharmonisch“ - der Grund, warum viele die unterschiedlich großen Scheinwerfer diverser BMW-Modelle ablehnen würden, von bösen Zungen „Karl-Dall-Blick“ genannt. Wie man die Proportionen noch falsch setzt, zeigt Godde anhand einer Yamaha. Der Bestseller XT 600 Ténéré aus den 1980er-Jahren erscheint immer noch als zeitlos attraktiv, während die moderne Interpretation der XT 660 Ténéré eher wie aus einem Playmobil-Baukasten zusammengesetzt wirkt, da hilft es auch nicht, dass sie absolut funktionell ist.

Nach der perfekten Formel für schöne Motorräder werden die Designer wohl weiter suchen müssen. Aber in einem waren sich alle Experten einig: Der Fahrer sollte beim Entwurf des Modells im Mittelpunkt stehen.

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