Report: MZ soll eine Zukunft haben (Archivversion) Fünf Optimisten

Zu Besuch bei MOTORRAD: Das Team um die Ex-GP-Fahrer Martin Wimmer und Ralf Waldmann, das den todgeweihten deutschen Motorradhersteller MZ wieder flott machen will.

Das war die Topmeldung Mitte März für die deutsche Motorradszene: MZ, das von seinem malaysischen Besitzer Hong Leong Group Ende 2008 stillgelegte Motorradwerk im sächsischen Zschopau, ist verkauft worden. Nicht etwa an dubiose Investoren, die womöglich versucht hätten, die MZ-Überreste zu filetieren, Inventar, Immobilien sowie den noch aktiven Ersatzteilverkauf einzeln zu versilbern und damit alle Spuren des einst größten Motorradherstellers der Welt zu verwischen. Sondern an Martin Wim-mer und Ralf Waldmann, zwei ehemalige deutsche Motorrad-Grand-Prix-Helden. „Wir wollen bei MZ wieder Motorräder her-stellen“, sagt Wimmer klipp und klar.

Mitten in der weltweiten Wirtschaftskrise, die auch den Motorradmarkt schwer trifft, in Deutschland eine Motorradproduktion zu starten – kann das erfolgreich sein? Oder sind sich da nur zwei Spinner über den Weg gelaufen, die nicht ernst zu nehmen sind? Wimmer weiß, dass solche Fragen zwangsläufig auftauchen und geht in die Offensive. Am Montag, den 23. März, bestätigt Hong Leong den geschätzt vier bis fünf Millionen Euro schweren Verkauf – bereits am Donnerstag davor kommt Wimmer zum Redaktionsbesuch nach Stuttgart, um MOTORRAD seine fünfköpfige Kernmannschaft und ihre Zukunftspläne vorzustellen.

Wer sind diese Menschen? Optimisten allemal, Zauderer hätten sich auf dieses Wagnis sicher nicht eingelassen. Kopf des Quintetts ist Martin Wimmer, 51, der es zwischen 1980 und 1991 zu drei Grand-Prix-Siegen in der 250er-Klasse brachte. Ein Tüftler, der weltweit Patente an einer selbst entwickelten Telegabel für Motorräder und Mountainbikes besitzt. Zuletzt arbeitete er vier Jahre lang als Technischer Leiter der Entwicklung Benzinmotorenprodukte für die chinesische Dependance der deutschen Firma Einhell. Ralf Waldmann, 42, von 1989 bis 2002 als GP-Pilot aktiv, siegte 14 Mal bei den 250ern und sechs Mal bei den 125ern. Auch er beschäftigt sich mit Entwicklungen im Motorradbereich, aber eher auf die prak-tische Art. Als Testfahrer bei Motorelektronikspezialist Bosch etwa. Oder als Erbauer einer 250-cm?-Einzylinder-Viertaktrenn-maschine, wie sie in Kürze die 125er-Zweitakter auf den Rennstrecken dieser Welt ersetzen sollen. Waldmann soll eine neue MZ-Rennsportabteilung leiten.
Nah dran am Motorrad ist auch Helmut Lichtenberg, 54, der 24 Jahre beim großen Münchner Motorradhändler Spaett arbei-tete, Wimmer in dessen aktiver Zeit als Rennmechaniker betreute und für Produk-tion und Service zuständig sein soll. Als designierter Prokurist und späterer Geschäftsführer ist Otto Elbers, 54, an Bord, ein Unternehmensberater und Freizeit-Golflehrer aus Soltau.

Dann ist da noch Martin Wimmers zweite Ehefrau, Dr. Martina Häger. Die Internistin leitet in Düsseldorf drei Dialysepraxen mit 40 Mitarbeitern und hat das Düsseldorfer Institut für Praxisentwicklung gegründet, um interessierte Kollegen bei der Ablaufoptimierung in Arztpraxen und Kliniken zu beraten. Zwar fährt die 51-Jährige auch Motorrad, in das MZ-Projekt bringt sie jedoch andere Qualitäten ein. Wimmer: „Ohne Martina wäre es nicht gegangen – durch sie konnte die Basis-finanzierung sichergestellt werden.“

Welche Banken Wimmer und seine Frau in den Zeiten der Finanzkrise davon überzeugen konnten, sich auf das Risiko einzulassen, behalten sie für sich. Zu konkreten Details ihrer Pläne sind sie etwas gesprächiger. „Die Basis einer Firma wie MZ kann nur sein, zuverlässige Motorräder preis-wert anzubieten – damit ist MZ erfolgreich geworden.“ Deshalb soll die gelungene 125er-Baureihe wieder produziert werden. „Dieser Einzylinder wird die Basis sein. Er ist technisch auf dem Stand der Dinge, erfüllt mit Vergaser die Abgasnorm Euro 3 – ihn mit einer Einspritzung Euro-4-tauglich zu machen, dürfte kein Problem sein.“ Um los-legen zu können, wird eine Kernmannschaft aus ehemaligen MZ-Werkern rekrutiert. Wimmer: „Die gibt es ja alle noch, und wir kennen sie.“ 500 Motorräder sollen noch 2009 gebaut werden, 2011 hofft Wimmer europaweit 2000 Exemplare verkaufen zu können. „Das ist realistisch, weil wir 2010 den Preis durch optimierten Teileeinkauf unter 3000 Euro drücken wollen.“
Zunächst wird jedoch ein Production Racer auf Basis des Waldmann-250er-Renners und Wimmers Patentgabel entstehen. „Weil wir das ganz schnell hinkriegen und uns auch da Verkaufserlöse versprechen“, ist sich Wimmer sicher. Zukunftsvisionen sind eine supersportliche Serien-125er unter 4000 Euro à la Yamaha YZF-R 125, ein Zweiventil-Billigmotor für Osteuropa, Elektro- und Hybridroller sowie ein Elektrofahrzeug für 15- bis 16-Jährige.
Nur die MZ 1000 kommt in Wimmers Plänen nicht vor: „Die haben wir nicht gekauft.“ Kleinere Weiterentwicklungen und Er-satzteile wird es aber auch künftig geben.

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