Report Unterfahrschutz (Archivversion)

Volle Deckung

Wer nach einem Sturz von der Fahrbahn schliddert, kann nur darauf hoffen, nicht am Stützpfosten einer Leitplanke anzuprallen: Solche Kollisionen führen oft zu schweren oder gar tödlichen Verletzungen – Gefahren, die Unterfahrschutz wirksam mildern kann.

Sie lauern im Abstand von 1,33 bis vier Metern millionenfach an Straßen-
rändern und lassen jährlich tausende
gestürzte Motorradfahrer leiden – Stützpfosten von Leitplanken. Doch es gibt
Ansätze zu ihrer Entschärfung: Ein vom Rheinischen Straßenbauamt Euskirchen
in Eigeninitiative entwickelter Unterfahrschutz darf nach aktuellen Anprallversuchen von allen rund 250 zuständigen Behörden in Deutschland montiert werden.
Der Einsatz dieses Unterfahrschutzes sei grundsätzlich erlaubt, bestätigte die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt). Eine gute Nachricht, denn ein Unterfahrschutz verhindert die oft folgenschwere Kollision mit dem Stützpfosten und ein Durchrutschen unter die Leitplanke. Der federnd aufgehängte Unterfahrschutz gibt beim Aufprall leicht nach und ermöglicht ein geführtes Entlanggleiten des Gestürzten. Schmale Zwischenabstände (Spaltmaße) von fünf Zentimetern zur Leitplanke und zur Bankette verhindern ein Hängenbleiben.
Das können Schaumstoffprotektoren nicht leisten, die zudem durch Mäharbeiten oder Winterdienst häufig beschädigt werden und oft schon nach einem Jahr
unwirksam sind. Kein Wunder, dass Unterfahrschutz derzeit als wichtigste passive Sicherheitseinrichtung für Motorradfahrer gilt. Ende Januar bezog der renommierte Deutsche Verkehrsgerichtstag Stellung: »Besondere Gefahrenstellen, vor allem im Kurvenbereich, müssen verstärkt durch Maßnahmen der Straßenbaubehörden – namentlich durch Unterfahrschutz an Schutzplanken – entschärft werden.«
Dafür bietet das einfache und kostengünstige System aus Euskirchen große Vorteile: Die untere Planke wird einfach
an jede Art bestehender Leitplanken angehängt, der laufende Meter kostet inklusive Montage moderate 21 Euro. Bereits vorhandene Bohrungen nehmen die Haltelaschen auf, die korrosionsfeste Verzinkung bleibt intakt. Das freut die Straßenbauer. Motorradfahrern hilft, dass dieses System
auch für enge Kurvenradien taugt. Anders
beim »Schweizer Kastenprofil«, das große Bögen sowie eine komplette Neumontage erfordert und das Dreifache kostet.
Ist das die Chance für den Euskirchener Unterfahrschutz? Noch nicht ganz, weil das Bundesverkehrsministerium keine offizielle Empfehlung veröffentlicht hat. Den Grund liefert ein Teilergebnis besagter Anprallversuche. Demnach könnte der Unterfahrschutz für Pkw als Rampe fürs Vorderrad dienen und die Wagenfront
aufsteigen. Unterhalb von Tempo 70 sei dies unschön, aber unbedenklich.
Wo erlaubt oder real deutlich schneller gefahren werde und gleichzeitig Unfallschwerpunkte von Autofahrern lägen, rät die BASt von dieser Art Unterfahrschutz ab. Diese Einschränkung ist nur eine
Empfehlung, kein Gesetz. Und die BASt hat nun einen neuen Forschungsauftrag. Es gilt, den ultimativ sicheren Unterfahrschutz zu entwickeln.
So lange wollten die rührigen Euskirchener nicht warten. Stolz erzählt der
Leiter der Behörde, Helmut Nikolaus,
in der Eifel seien bereits 90 Kurven auf
insgesamt 12,5 Kilometer Länge mit dem stählernen Lebensretter ausgerüstet.
Ämter in Aachen, Trier und Bensheim sind dem Vorbild gefolgt, ebenso Behörden im Saarland und in Oberfranken. Sogar in Frankreich, selber Vorreiter beim Thema Unterfahrschutz, Luxemburg und England montiert man die volle Deckung nach Euskirchener Muster.
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Leitplanken-Unterfahrschutz: Report (Archivversion) - METER FÜR METER

Es ist ein langer Weg, die Entschärfung von Leitplanken durchzusetzen. Diese
Aufgabe hat sich der Verein MEHRSi – Sicherheit für Biker gestellt.
Mehr Verkehrssicherheit für alle motorisierten Zweiradbenutzer, weniger Verletzte und
Getötete also, das ist das Ziel von MEHRSi. Hauptaufgabe des Vereins ist die Beseitigung der »Todesfalle« Leitplanken-Stützpfosten durch sinnvolle Nachrüstung des Unterfahrschutzes an bestehenden Leitplanken. Zu diesem Zweck ermittelt MEHRSi besonders gefährliche Streckenabschnitte, klärt über Sinn und Funktion des Unterfahrschutzes auf und hilft bei der Finanzierung von sonst undurchführbaren Nachrüstmaßnahmen. Der Verein ist die Schnittstelle im Dialog zwischen
allen Betroffenen: Straßenbaubehörden, Motorradfahrern, Medien, Sponsoren und den Herstellern dieser Sicherheitstechnik.
MEHRSi hat mehr als 450 Mitglieder in Deutschland und einigen Nachbarstaaten, zahlreiche gewerbliche Mitglieder und Förderer. Zwölf ehrenamtliche Mitarbeiter mit klar strukturierten Aufgaben leisten
die Hauptarbeit. Schirmherren von MEHRSi sind NRW-Verkehrsminister Dr. Axel Horstmann (Foto) und ADAC-Ehrenpräsident Otto Flimm. Seit der Gründung im August 2003 ist MEHRSi offiziell als gemeinnützig anerkannt, Spenden und
Mitgliedsbeiträge sind steuerlich abzugsfähig. Mehr Infos gibt es
unter Telefon 02256/9520242 und www.mehrsi.de.

Leitplanken-Unterfahrschutz: Report (Archivversion)

Die Geschwister Monika (42 Jahre) und
Andreas Schwill (41 Jahre) gründeten nach jahrelanger Vorarbeit den Verein MEHRSi. MOTORRAD sprach mit beiden.
Was hat Sie zu Ihrem Engagement veranlasst?
Monika: Wir sind in der Eifel groß geworden und
haben in all den Jahren Freunde bei tödlichen Motorradunfällen verloren. Solche Erlebnisse kennen viele, wir
wollten dann selbst etwas für mehr Sicherheit tun.
Andreas: Ein Freund von mir ist an einem Stützpfosten
gestorben, da war ich nur eine Kurve zurück, konnte ihn aber nicht mehr reanimieren. Und das war nicht der einzige Unfall an Leitplanken, den ich miterlebt habe.
Wie kam es zur Strategie von MEHRSi?
Andreas: Wir haben uns gewundert, warum sich in
einem hoch technisierten Land Kollisionen mit Stützpfosten nicht verhindern lassen. Passend dazu kam das Rheinische Straßenbauamt mit seinem selbst entwickelten Unterfahrschutz als Pilotprojekt auf den Plan.
Monika: Die Lösung des Problems lag nun auf einem silbernen Tablett. Wir sind dann auf den Amtsleiter, Helmut Nikolaus, zugegangen, um partnerschaftlich die flächendeckende Nachrüstung von Unterfahrschutz zu realisieren.
Welche Ziele verfolgt MEHRSi heute?
Monika: Wir sind eine Ein-Themen-Baustelle: Beseitigung der Todesfalle Stützpfosten. Weniger Leitplanken heißt das Ziel, und da, wo sie nötig sind, aber Motorradfahrer gefährden, muss der Unterfahrschutz her. Wer heute noch mit Styropor-Ummantelungen hantiert, der hat den Schuss nicht gehört.
Andreas: Unser Ziel war es von Anfang an, das Thema Unterfahrschutz über die Landesgrenzen von Nordrhein-Westfalen hinweg bekannt zu machen. Sein flächendeckender Einsatz kann nur gemeinsam mit allen daran Beteiligten erfolgen, MEHRSi versteht sich daher als Koordinationsplattform. Über 450 Mitglieder in nur zehn Monaten, das sollte für eine hohe Durchschlagskraft stehen.
Wie verwendet MEHRSi die Spenden und Mitgliedsbeiträge?
Monika: Alle Info-Materialien werden von separaten Sponsoren bezahlt. An den 17-Stunden-Arbeitstag haben wir uns gewöhnt, beantworten täglich rund 70 E-Mails.
Andreas: Alles Geld geht eins zu eins
in Unterfahrschutz. Wir haben keinen Hauptamtlichen, zahlen noch nicht einmal Aufwandsentschädigungen. MEHRSi steht für konkrete Nachrüstaktionen, aber nur, wenn die zuständige Behörde etwas dazugibt: Wir wollen die Straßenbauämter nicht komplett aus ihrer Verantwortung entlassen.

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