Report: Zukunftspläne für Husqvarna (Archivversion) Aufbau Süd

BMW will in den nächsten Jahren kräftig wachsen – vor allem mit Hilfe der Neuerwerbung Husqvarna. Mit der nunmehr schwedisch-italienisch-deutschen Marke haben die Münchner Großes vor.

Die Bayern kommen langsam, aber gewaltig. Neun Monate nach der Übernahme von Husqvarna im Oktober 2007 wird am Sitz der Marke in Cassinetta nördlich von Mailand gebaggert, gehämmert und gesägt. Der Um- und Aufbau des südlichsten BMW-Motorradwerks läuft auf vollen Touren. „In einem Jahr steht hier eine nagelneue Zentrale mit Entwicklungszentrum, Verwaltung und Showroom“, sagt Husqvarna-Präsident Rainer Thoma, 40, der im letzten Jahr aus München nach Italien kam. „Das zeigt, wie sehr unser Unternehmen daran interessiert ist, in Italien und speziell in Varese zu investieren.“

Bis 2012, so hatte BMW verkündet, werde die Jahresproduktion des Konzerns auf 150000 Motorräder steigen. Bislang produziert BMW jährlich rund 100000 Motorräder, und Husqvarna hat 2007 etwa 10700 Crosser, Supermotos und Enduros gebaut, wobei sich die Supermotos SM 610 und SM 125 am besten verkaufen. Eindeutig zu wenig für das von BMW angestrebte Wachstum, zu dem Husqvarna einen erheblichen Beitrag leisten soll. Deshalb visiert BMW dieses Jahr für Husqvarna eine Produktionssteigerung um 30 Prozent an, und so gilt es, das Image kräftig aufzumöbeln.

Damit das klappt, muss sich die ursprünglich schwedische Marke, die in den letzten 20 Jahren zur italienischen MV Agusta-Gruppe gehörte, wieder aufrappeln. Die 1903 gegründete Offroad-Schmiede, einer der ältesten Motorradhersteller der Welt, geriet ins Hintertreffen, weil es der hoch verschuldeten Konzernmutter MV Agusta an Geld mangelte. Die Folgen: Lieferanten konnten nicht bezahlt werden, Qualitätsprobleme traten auf. Seit der Übernahme im vergangenen Oktober hat BMW daher die Qualitätsprüfung vom Einkauf bis zur Endkontrolle verschärft und die interne Durchlaufzeit für Ersatzteile von neun auf zwei Tage reduziert.

Damit ist es jedoch nicht getan, mehr Siege müssen her. „Der Cross-Markt ist entscheidend, da müssen wir überzeugen“, sagt Thoma. Denn wer sich ein echtes Geländemotorrad zulegt, macht seine Kaufentscheidung in der Regel davon abhängig, welche Marken in der Königsklasse vorn liegen – und das ist nun mal die Motocross-WM. Husqvarna hat da derzeit wenig zu bieten, weshalb nun mit Hochdruck die Entwicklung neuer Viertaktmotoren mit 450 und 250 cm³ betrieben wird, die in den Cross-Klassen MX1 und MX2 brillieren sollen (siehe auch Interview mit Entwicklungschef Manfredi Fenici).

Die technische und personelle Basis für diese Neuentwicklungen gibt es bei Husqvarna: 223 Arbeiter und Angestellte hat BMW im vergangenen Oktober übernommen, bis Jahresende sollen es 270 Beschäftigte sein. Wobei in Sachen deutsch-italienischer Zusammenarbeit Fingerspitzengefühl gefragt ist. Einige Schlüsselpositionen wie Qualitätskontrolle und Aftersales wurden mit BMWlern besetzt, ansonsten bemühen sich die Weißblauen um Zurückhaltung: „Wir wollen nicht mit dem Dampfhammer durchgehen“, sagt der gebürtige Schwabe Thoma, der fließend Italienisch spricht. „Es gibt hier viele sehr kreative und motivierte Leute, das dürfen wir nicht gefährden.“ Empfangen wurden die Münchner in Italien mit offenen Armen, selbst die Gewerkschaften stimmten der Übernahme freudig zu: „Die leisten hier bislang wirklich gute Arbeit“, sagt Oscar Brun von der Gewerkschaft CGIL.

Doch nicht alles läuft bereits so, wie es BMW gern hätte. Vor allem, weil sich MV Agusta und Husqvarna Verwaltung und Produktionsstätten teilen. So sitzt die Entwicklungsabteilung von Husqvarna auf dem MV-Gelände in Schiranna, rund zehn Autominuten entfernt. Dort werden außerdem nach wie vor die Offroad-Motoren gefertigt, während im Husky-Werk in Cassinetta immer noch MV-Modelle vom Band laufen. Anfang Juli fand deshalb die Grundsteinlegung für die neue Zentrale in Cassinetta statt, wo ab Sommer 2009 alle Husqvarna-Aktivitäten an einem Ort vereinigt sein werden. Bis zu 40000 Motorräder jährlich kann Husqvarna dann produzieren. Thoma: „Wenn MV Agusta erst mal aus dem Werk draußen ist, lässt sich die Produktion effektiver gestalten. Die Anlagen selbst sind auf gutem Niveau, aber speziell der Teilefluss ließe sich verbessern, und die Vormontage möchten wir näher ans Band rücken.“

Einer der wichtigsten Märkte für Husqvarna sind die USA, wo jährlich rund 82000 Geländemotorräder gekauft werden, von denen derzeit nur 2000 von Husqvarna stammen. Deshalb hat BMW dort eine Tochtergesellschaft für Husqvarna Motorcycles gegründet, die künftig für mächtig Dampf sorgen soll.

Die Veränderungen bei Husqvarna betrachtet die Offroad-Szene mit freundlicher Skepsis. Denn im Gelände zählt nicht die schicke Schale, sondern der harte Kern. Während der typische BMW-Kunde meist nur selten im Grenzbereich seines Motorrads fährt, bewegen sich Geländesportler, allen voran die Motocrosser, ständig dort. Qualität, Zuverlässigkeit und Flexibilität entscheiden über Sieg oder Niederlage. Weil der Markt völlig anders funktioniert als bei den Straßenmotorrädern, will BMW Husqvarna weitgehend unabhängig von der Münchner Zentrale weiterführen. Dabei hilft, dass sich die Modellpaletten der beiden Hersteller kaum überschneiden. Ausnahme: die Sportenduro G 450 X, die BMW bereits vor der Husqvarna-Übernahme entwickelte und ab 2009 anbieten wird. BMW hält auch den Husky-Händlern die Stange, ebenso wie dem deutschen Importeur Zupin. „Ohne ihn gäbe es Husqvarna in Deutschland gar nicht mehr“, meint Thoma anerkennend. „Und die Händler im Offroad-Bereich arbeiten nach eigenen Gesetzen, sind in der Regel am Wochenende draußen auf den Strecken, betreuen ihre Kunden und fördern den Nachwuchs.“ Nicht unbedingt das tägliche Brot des BMW-Händlers.

Zunächst konzentriert sich Husqvarna darauf, Qualität und Service auf ein hohes Niveau zu bringen und in der Motocross-WM wieder Fuß zu fassen. Besonders wichtig dabei ist, dass die Kunden die Veränderungen wahrnehmen und Vertrauen fassen. Erst danach ist eine Erweiterung der Palette geplant, um den Konkurrenten aus Japan und Österreich Paroli zu bieten. „Dann können wir die Möglichkeiten in München ausschöpfen“, sagt Thoma. „Dort gibt es ein enormes Know-how, von der Motorenentwicklung über die Prototypen-Herstellung bis zur Formel 1. Wir wären als Husqvarna schlecht beraten, wenn wir das nicht nutzen.“ Mittelfristig jedenfalls könnte sich der Kauf von Husqvarna für BMW als guter Schachzug erweisen. Der Geländesport bietet etwas, wonach die Motorradbranche lechzt – begeisterten Nachwuchs.

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