Reportage: der Ghost Rider (Archivversion) Schnitt 273

Die 70 Kilometer von Stockholm nach Uppsala fährt der Unbekannte, der sich Ghost Rider nennt, in weniger als 15 Minuten – Schnitt 273. Mit dieser und anderen Aktionen hält er die Polizei zum Narren. Und begeistert eine immer größere Fangemeinde.

Wie Vollidioten wirken die Polizisten in ihrem Streifenwagen bei der Verfolgungsjagd. Vor ihnen heizt ein pechschwarzer Motorradfahrer ohne Nummernschild über die Autobahn. Irgendwann grüßt er höflich – und verschwindet. Eine Kamera blendet den Tacho ein: 299.
Im dichtesten Verkehr brettert der Mann
an Autos und Lastwagen vorbei, fährt Wheelies.
Kein Playstation-Spiel, die Szenen
sind Realität. Der Wahnsinnsfahrer, ein Schwede, nennt sich Ghost Rider. Noch wahnsinniger, dass er seine Höllenfahrten filmt. 2002 kam die erste DVD auf den Markt: »Ghost Rider – The Final Ride«. Die Fortsetzung »Ghost Rider Goes Wild« folgte vergangenes Jahr, Teil drei erst kürzlich: »Ghost Rider goes crazy in Europe«. Allerdings: Der Ghost Rider ist nicht nur der verrückteste Motorradfahrer dieser Tage, er ist auch der meistgesuchte: Würde
die schwedische Polizei ihn erwischen, drohte Knast. Weshalb nur wenige Freunde
wissen, wer sich hinter dem schwarzen Motorradhelm wirklich verbirgt. Der Ghost Rider ist ein Mythos.
Wir sind also einem Phantom auf der Spur. Das Einzige, was der Ghost Rider preisgibt, ist eine Handynummer: »Ruft
an, sobald ihr in Stockholm seid. Wir
holen euch ab.« Doch an diesem Freitag ist unter der Nummer niemand zu erreichen. Irgendwann meldet sich eine Frau – Ghost Rider ist im Krankenhaus. Zwei Stunden vor Mitternacht endlich ein Lebenszeichen: »I’m sorry! Ein Notfall, meine Mutter!
Heute klappt’s nicht mehr. Morgen früh
um zehn.«
Ein Subaru stoppt vor dem Hotel.
Auf der Beifahrerseite steigt Stig aus, ein Service-Guy des Filmteams. Am Lenkrad sitzt ein Typ mit schwarzem Kapuzen-
pulli. In fließendem Englisch stellt er sich als Mika vor. Das Phantom ist da, das
ist er! Und er ist kein pubertierendes Crashkid, sondern ein Mann Mitte 30. Ein
drahtiger Kerl, muskulös, mit gletscherblauen Augen.

Tatsächlich heißen Mika und Stig natürlich nicht Mika und Stig. Doch dieses Treffen kam nur unter einer Bedingung zustande: keine Namen, keine Fotos ohne Helm. Der schwarze Helm mit dem düsteren Visier, das ist
ein Markenzeichen des Ghost Riders. So wie die pechschwarze Lederkombi.
Am späten Vormittag lotst Mika uns auf einer schwarzen Suzuki durch die sonnige Herbstidylle der schwedischen Mischwälder Richtung Tullinge, südlich von Stockholm. Dort befindet sich der stillgelegte Militärflugplatz F18, den die Polizei heute als Hundeübungsgelände nutzt. Auf der
alten Landebahn trainiert Ghost Rider manchmal, hier zeigt er uns seine Tricks. Früher ist Mika lange Zeit Rennen gefahren. Heute geht er, wenn er nicht gerade als Ghost Rider unterwegs ist, einem ganz normalen Beruf nach. Welchen, verrät er nicht. Er nennt es nur »my other life«.
Irgendwo am Stadtrand von Stock-
holm liegt sein Versteck. In einer spießigen Wohngegend mit spießigen Wohnhäusern und jeder Menge Gartenzäunen. In einer Garage sind die Motorräder untergebracht. Eine etwa 190 PS starke Suzuki GSX-R 1000, die er bei seinen Rekordfahrten in den Filmen fährt. Und seine Suzuki Hayabusa, vom schwedischen Turbo-Spezialisten MC Xpress auf 499 PS hochgezüchtet. 499 PS am Hinterrad, wohlgemerkt. Mit
allen Extras und Eigenkonstruktionen hat Mika 25000 Euro in seine Maschine
investiert. Um auf 300 Stundenkilometer
zu beschleunigen, braucht er lediglich 9,2
Sekunden. Das hält kein Reifen wirklich lange aus – bei den Dreharbeiten wechselt Mika deshalb schon nach 80 Kilometern die Gummis. Auf einem Highway, erzählt Mika, habe er einmal die 400er-Grenze
geknackt. Doch die Reifen fingen an, sich aufzulösen – er habe die Maschine gerade noch zum Stehen gebracht. Noch mal macht er so was nicht. »Zu gefährlich«, meint er lapidar.

Dennoch gibt es unzählige aberwitzige Szenen in seinen Filmen. Aber auch
viel Ironie und komischen Slapstick. Auf der ersten DVD ist der schwedische Königspalast
zu sehen. Gegenüber im Grand Hotel, am
anderen Ufer des Sees, filmt ein Kameramann den Ghost Rider, wie er vor dem
Palast einen monströsen Burnout fabriziert. Der Wachsoldat fürchtet einen
Angriff und zückt sein Gewehr. Doch
dann wird er von den Rauchschwaden der
Gummireifen eingehüllt.
Oft ist der Ghost Rider mit skurrilen
Vehikeln unterwegs, mit Snowmobilen oder einem BMX-Rad. In voller Montur – Kombi, Stiefel, Helm, Handschuhe – lässt er sich auf dem Fahrrad in einer Tempo-30-Zone blitzen – und anschließend von den Verkehrspolizisten rügen. Um allerdings tatsächlich dem Richter vorgeführt zu werden, müsste der Ghost Rider – so
ist das schwedische Recht – bei einem schweren Delikt in flagranti gefasst werden. Und nur weil Mikas Action-Orgien nach dem Gesetz keine Straftat, sondern eine Ordnungswidrigkeit sind, dürfen sie auf einer DVD vertrieben werden.
All seine Filmfahrten werden vor dem Dreh geplant, sofern dieser Wahnsinn planbar ist. »Wir versuchen, alles so sicher zu machen wie möglich«, sagt Mika. Mehr als zehn Helfer sind an Drehtagen im Einsatz. Vor der Performance wird die Strecke abgefahren, um sich vor Fahrbahnschäden und Ölspuren zu wappnen. Ein Spion
belauscht den Polizeifunk, und der Ghost Rider selbst trägt mehrere Mobiltelefone unter seiner Kombi. So kann er per
Vibrationsalarm auch während der Fahrt noch über unvorhergesehene Zwischenfälle informiert werden.
An Brücken und Tankstellen postieren sich die Kameramänner, oder sie filmen ihn aus fahrenden Autos. Die spektakulärsten Bilder liefern aber fünf feuerzeuggroße
Finger-Cams, die am Motorrad montiert sind. Eine Kamera ist beispielsweise so
am Tank angebracht, dass sie zugleich die Geschwindigkeit auf dem Tacho und das Blickfeld des Fahrers aufnimmt. Man kennt diese Perspektive aus 3D-Kinos in Er-
lebnisparks, wo Achterbahnen Schienenschluchten hinabstürzen.
Selbst bei Tempo 350 scheint Mika
ein furchtloses Wesen zu sein. »Um solche Dinge zu machen, muss man auch Angst verspüren«, erklärt er dagegen. »Die Angst in dir ist dein bester Freund.« Die Angst zum Beispiel, dass einem Unbeteiligten
etwas zustoßen könnte. »Das wäre eine Tragödie.« Schließlich könnte der Ghost Rider bei jeder Jagd zum Mörder werden. Deswegen warnt er auf seiner Webseite alle davor, ihn zu imitieren. Mika hatte Freunde, die auf dem Motorrad ihr Leben verloren haben. »That’s life«, sagt er später in einem Café. Das klingt gedankenlos.
2005 soll eine Comicverfilmung mit
Nicholas Cage in die Kinos kommen, mit dem Titel »Ghost Rider«. In einem Comic von Marvel wird die Geschichte eines
Motorradstuntman erzählt, der einen Pakt mit dem Teufel schließt, um seinen schwer kranken Lehrmeister zu retten. Man könnte nun glauben, die Abenteuer des verrückten Schweden entstammen den Köpfen cleverer Marketing-Strategen in Hollywood, die das Thema im Vorfeld absatzwirksam platzieren wollen. Guerrilla-Marketing also. Der echte Ghost Rider sagt dazu: »Wir haben keinen Deal, aber wir würden durch solch ein Hollywood-Movie sicherlich viele DVDs verkaufen.«
Bereits jetzt macht er gute Geschäfte. Weltweit, so wird kolportiert, seien von den Filmen mehr als 100000 DVDs verkauft worden. Die meisten davon in Deutschland. Der deutsche Vertreiber, im Netz unter der Adresse www.ghostrider-germany.de präsent, hält das für einen Hype. Es seien bei weitem nicht so viele, die Sache werde gerne hochgespielt. Das Geschäft laufe gut, es sei jedoch längst noch kein Selbstläufer. Das Budget des neuen Films etwa ist vergleichsweise klein: 50000 Euro, ohne die Motorräder. Weshalb sonst hätte der Ghost Rider noch einen normalen Beruf auszuüben.

Nach Sonnenuntergang wird die Stadtautobahn Stockholms von Flutlichtmasten beleuchtet. Mika sitzt wieder am Lenkrad des Subarus und bringt uns zum Hotel. Und als wolle er
beweisen, dass seine Filme weder Fake noch Hollywood-Marketing sind, tritt er plötzlich das Gaspedal durch. Ein Über-
holmanöver mit Tempo 200 – Mika fährt Slalom wie im Film. Vom Standstreifen auf die Überholspur auf den Standstreifen. »Soll ich rechts oder links vorbei – entscheide dich schnell!« Nachdem das dritte Auto im Rückspiegel verschwindet, muss Mika in die Eisen steigen. Vollbremsung. Keine wirklich aufregende Sache für den Ghost Rider: »Hey, das war nur kleiner Spaß. Aber du hast dir ins Höschen gemacht, stimmt’s?“

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel