Reportage Rettungsflieger (Archivversion) Fly & Drive

Sie wissen ganz genau, was alles passieren kann beim Motorradfahren. Sie sehen beinahe jeden Tag, was keiner sehen,
keiner erleben will. Das Unschöne. Und trotzdem fahren sie selbst, die Rettungsflieger. Weil sie es erleben wollen. Das Schöne.

Zuerst lag da nur ein Motorrad. Dann kam Peter Stromm mit dem Hubschrauber, und auf einmal lagen da vier Motorräder. »Das war«, sagt der Pilot
augenzwinkernd, »eine meiner besseren Leistungen.« Er hat sie schlicht umgeschmissen, die Maschinen. 3,5 Tonnen wiegt der Hubschrauber, und dieses Gewicht will halt in der Luft gehalten werden. Wozu die Rotoren die Luft gewaltig verquirlen. Wirkt wie ein Orkan. »Ich wollte eben so dicht wie möglich ran, den Arzt möglichst nah beim Verletzten absetzen«, erzählt Stromm. Denn das ist schließlich sein Job als Pilot bei der DRF, der Deutschen Rettungsflugwacht e. V. Die Sache liegt schon ein paar Jahre zurück, und heute hält Stromm ein paar Meter mehr Abstand. Dennoch sei es nicht schlecht, empfiehlt er, die Motorräder festzuhalten, wenn der Hubschrauber kommt.
Zum Fliegen, zur Arbeit fährt Stromm mit seiner Yamaha Drag Star. Seine
Kollegen, die Rettungsassistenten Joachim Böttinger und Martin Mach, tun das ebenfalls auf zwei Rädern, Böttinger auf Suzuki Burgman 650, Mach auf Harley-Davidson Sportster 883. Doch dass sie regelmäßig mit ihren Maschinen zum Hangar am Kreiskrankenhaus Leonberg fahren, ist so ziemlich das Einzige, was ihr Hobby mit dem Beruf verbindet. Obwohl man sich das leichthin anders vorstellen könnte: stressiger Tag, schlimme Bilder, verdammt viel wegzustecken, verdammt viel zu ver-arbeiten. Also aufs Motorrad und weg,
alles hinter sich lassen.
Genau so aber ist es nicht. Es ist kein Fahren obwohl oder weil oder trotz allem oder um zu. »Ich bin Genussfahrer«, sagt Stromm, für Böttinger »ist es ein Graus,
ins Auto reinzusitzen«, und Mach meint: »Der Beruf beeinträchtigt den Spaß am Motorradfahren nicht. Er sensibilisiert.« Da ist also der Job, und da ist das Motorrad. Und allenfalls hat der Job einen Einfluss darauf, wie man fährt. »Sehr defensiv«,
befindet Stromm. »Ich betrachte alle, die da rumfahren, als meine potenziellen
Mörder.« »Nie ohne Rückenprotektor«, ergänzt Mach. »Wenn’s warm ist, mal eine Jeans. Knochen, sagen wir, die kann
man richten. Aber wenn die Wirbelsäule kaputt ist, hat man schlechte Karten.«
Stromm und seine Kollegen müssen sich nichts beweisen, sich nicht und anderen ebenfalls nicht. Zumindest nicht auf dem Motorrad. Weil der Job einen oft genug an die Grenzen bringt. Und es ist die erste Regel der Rettungsflugwacht, über diese Grenzen nicht hinauszugehen, sondern sich strikt daran zu halten. Im Interesse der eigenen Sicherheit, die vor allem anderen rangiert. »Da drüben ist der Engelberg, auf der anderen Seite laufen Hochspannungsleitungen. Wenn wir die nicht sehen, starten wir erst gar nicht.« Da gibt es zwischen Stromm und Kollegen keine Diskussion. Denn die Rettungshubschrauber können nur auf Sicht fliegen, nicht bei schlechtem Wetter, nicht bei Nacht. Weil sie tief –
150 Meter – und keine festgelegten Routen
fliegen. Und weil sie an den unmöglichsten Stellen runter müssen.
»Aber das hat man als Profi drauf«,
erklärt Stromm. Die Herausforderungen
liegen letztlich woanders, zum Beispiel in der Entscheidung, zu fliegen oder nicht
zu fliegen. »Es dämmerte schon, als dieser Anruf kam, einen Herzempfänger zur Transplantation nach München zu fliegen. Das ging. Weil das Wetter okay war und ich von Krankenhaus zu Krankenhaus unterwegs sein konnte.« Tage später kam erneut ein Anruf, kurz bevor es dunkel
wurde. Ein Kind mit schweren Brand-
verletzungen, wieder nach München. »Ich sprach mit dem Wetterfrosch, einer, dem ich voll vertraue. Und habe danach entschieden, nicht zu fliegen.« In dieser Nacht hat Stromm nicht gut geschlafen.
Allzu nah dürfen einem solche Angelegenheiten nicht kommen. »Mit dem, was
gestern war, kannst du heute nicht vernünftig fliegen. Du musst einen Schutzwall aufbauen. Wenn du Schicksale an dich ranlässt, bist du irgendwann überladen, fällst aus«, sagt Stromm. Was er auch sagt: dass Verdrängen diesen Vorgang wohl besser beschreibt als Vergessen. Zwischen den Einsätzen sitzt die Rettungscrew manchmal zusammen, trinkt Kaffee, redet. Über das, was passiert ist. Um
Distanz zu schaffen, indem man darüber spricht. Oder indem man sich über ein ganz anderes Thema unterhält.
»Ich habe damals die CB 750 der
Mach 3 von Kawasaki vorgezogen«, erzählt Böttinger, der sich zwölf Jahre lang in
Rockerkreisen rumgetrieben hat, als Member. »War meine wilde Zeit.« Die mit der Familie ein Ende fand. Wie auch seine Gold Wing und die CBX mit dem Beginn des Familiären ihr Ende fanden. »Heute
bin ich froh mit meinem Roller, wegen
des Wetterschutzes, weil ich ja jeden Tag fahre. Außerdem hat das Ding ein Fahrwerk, so gut hatte ich an meinen Motor-
rädern noch keines. Bei der CBX hast
du gedacht, die hat ein Scharnier in der
Mitte.« Martin Mach ging den anderen Weg. Den vom Roller zum Motorrad. »Mein Yamaha Beluga 125 wollte einfach nicht kaputtgehen, aber ich wollte was Neues. Irgendwann hat mir ein Freund, der sich eine Heritage Softail Classic gekauft hat, gesagt, schau doch mal bei Harley in die Preisliste.« Hat er dann gemacht und eine 883 gekauft. Auf die hatte er sich drauf-
gesetzt, und das sei es dann gewesen.
Pilot Stromm dagegen bekundet, schon immer ein Motorrad gewollt zu haben. Bekommen hat er zunächst allerdings einen Hubschrauber. Nicht, weil er das unbedingt gewollt hätte. Eher, weil er was anderes nicht wollte: Schnee schaufeln bei der Bundeswehr. »Ich bin lieber zum Eignungstest für Flieger, dachte, besser Kreuzchen machen als in der Kälte den Bahnhof von Kempten zu räumen.« So kann’s gehen. Für äußerst tauglich hat man ihn befunden. Nach acht Jahren freilich befand Stromm, dass er nun wahrlich keinen mehr braucht, der ihm morgens vorschreibt, was er an-zuziehen habe.
18 Jahre hat er danach als Berufs-
flieger gearbeitet, hat Wälder gekalkt gegen den sauren Regen, hat Kühltürme von Kernkraftwerken fotogrammetrisch vermessen, Kirchturmspitzen aufgesetzt. »Sogar richtig herum, das Kreuz quer zum Schiff, alles nur nach Spiegeln unten an den Kufen. Der Funk des Einweisers war ausgefallen. Das ist so, wie wenn du dich an der rechten Wange rasieren willst und schneidest dir das linke Ohr ab.« Ist mit dem Kirchturm nicht passiert, der steht noch, und all die Strommasten auch, die er per Helikopter kontrolliert hat und die er, sagt Stromm, »alle mit Vornamen kennt«.
So eine Stromleitung führt auch am Hangar vorbei. Nach Hause findet er also immer. Mit 250 Sachen. Ein Tempo, das er auf dem Motorrad absolut nicht braucht. »Auf der Drag Star, meinem Sofa, fühle ich mich wohl, will gar nix anderes.« An seinen freien Tagen gondelt er damit durch den Odenwald. Obwohl er eigentlich mit dem organisierten Bikerwesen nichts am Hut hat, hält er gerne da, wo schon Motorräder stehen. »Da ist der Kaffee meistens gut. Ist wie mit den Truckern auf der Autobahn. Wo die stehen, gibt’s ordentlich zu essen.« Auch auf der Platte bei Löwenstein schaut er manchmal vorbei, »um in die Landschaft zu gucken und eben ganz wichtige Gespräche zu führen«. Direkt von der Platte führt eine äußerst beliebte Strecke Richtung Hirrweiler. Die kennt Stromm nicht nur als Motorradfahrer. »An schönen Wochenenden ab fünf, da kannst du fast die Uhr nach stellen, geht’s los.« Mit den Motor-
radunfällen. Die meisten in der Euphorie nach einer gelungenen Tour, mutmaßt Stromm. Dass Alkohol eigentlich keine Rolle spielt, wissen die Leute der DRF
hingegen genau. »Viele werden von Autos
abgeschossen.« »Aber diese Dinge«, meint Rettungssani Mach, »passieren, egal, ob man selber fährt oder nicht. Den Spaß am Fahren können die einem nicht nehmen.«
Im Aufenthaltsraum hängt eine Karte, Kiesweg, von Rosen umrankt. Dass sie ihrem Sohn das Leben gerettet hätten nach einem Motorrad-Crash, schreibt eine Mutter. Und dass sie sich dafür bedankt.

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