Reportage: Werksbesuch Magura Spezialist für Griffe, Bremsen und Lenker

Angestaubt schlummern bei Magura die Relikte deutschen Motorradbaus in Dachkammerregalen. Der Zulieferer aus dem schwäbischen Bad Urach begleitet seit Jahrzehnten die in Deutschland hart kämpfende Motorradindustrie. Wo steht der Spezialist für Griffe, Bremsen und Lenker heute selbst?

Foto: Jahn

„Wie alt?“ Die Frage stellt Detlef Glaser, muntere 48 Jahre jung und Leiter des Geschäftsbereichs „Kunststofftechnik“ in Hülben, hoch droben auf der schwäbischen Alb. Sentimentales scheint ihm fremd, er pflegt lieber den markigen Auftritt. Die Antwort auf seine Frage liefert der resolute Schwabe darum auch gleich selbst: „Die Über-40-Jährigen kennen Magura noch vom Kreidler-Mofa. Und die darunter verbinden Magura nur mit dem Fahrrad. Aber jetzt zeige ich mal, was Magura bei den Motorrädern heute alles drauf hat!“

Was Glaser so lässig in den Raum wirft, bedeutet schlicht nichts anderes, als einen tiefen, richtig blutigen Industrieschnitt, ohne den es in den 80er- bis 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts kaum ein Überleben gegeben hätte: Die Stahlwerke im Ruhrpott machten dicht, die Autowerke zogen vor den Japanern die Köpfe ein, und mit Zündapp, Kreidler, Hercules und Maico verabschiedeten sich, bis auf BMW, die letzten der westdeutschen Motorradhersteller. Adler, NSU, Horex und wie sie alle hießen waren schon lange vorher platt. Das Nachkriegswunderland BRD war zu dieser Zeit auf dem Weg zum Freizeitpark und die Werker bei Magura auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern.

Schaut man seit der Firmengründung 1893 - der Name Magura steht übrigens für einen Mix aus Firmengründer Gustav Magenwirth und Urach - auf die Produkte des Traditionsherstellers, lässt sich schon immer breiteste Diversifikation erkennen. Da gibt es den Stellhebel, der mit seiner Sägezahnstange auch das Firmenlogo begründete und bis heute in Mähern und sonstigem Gerät seinen Dienst verrichtet. Neben dem großen Bereich Hydraulik mit Kupplungen, Bremsentechnik, Griffen und Lenkern haben sich als stetig und weltweit wachsender Markt die Fahrradkomponenten etabliert. Noch dazu werden Oldtimerteile nachgefertigt: Schon vergessen, dass der VW Käfer 1960 mit einer Magura-Tankuhr unterwegs war?

Vielleicht funktioniert so etwas nur bei Firmen in Familienbesitz, gepaart mit der rauen Kargheit der Schwäbischen Alb. Dort wachsen eher die Steine aus dem Ackerland als nahrhafte Kartoffeln, und das prägt eben. Das bestätigt auch Andreas Vetter, Verkaufsleiter der Motorradsparte. „Wir sind extrem technikgetrieben und qualitätsverliebt, vielleicht aber gegenüber den Konkurrenten bisher nicht immer ganz so sexy.“ Also feilen sie bei Magura am Erscheinungsbild: global, modern, sexy und doch grundsolide schwäbisch.

Das soll auch das neue Logo mit weniger Zacken als stilisiertes „M“ und kräftigem, aggressivem Gelbton transportieren. Und dann muss die von Designern und Marketingrecken komponierte „hippe Welt“ natürlich noch tief in die schwäbischen Schafferköpfe implantiert werden. Aber keine Angst, wer glaubt, Magura verlöre damit seine urschwäbischen Wurzeln, braucht nur etwas unbedarft am Empfangstresen in der Bad Uracher Firmenzentrale zu lauschen. Das ist für Menschen von nördlich des Neckars ein echtes Erlebnis.

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Foto: Jahn

Für die flapsige Formulierung, den Aufbruch als „vom Rohrbieger zum Hightech-Kunststoffformer“ zusammenzufassen, möchte sich Vetter allerdings wenig begeistern. „Composite“, sprich „Verbundwerkstoff“ ist das Zauberwort in Bad Urach, wohingegen legendäre Produkte wie der M-Lenker nur noch Firmengeschichte sind. Das lässt Raum für Spekulationen, was in naher Zukunft kommt, und da lächelt Andreas Vetter ganz gelöst. Wer mit „Made in Germany“ bestehen will, braucht Technologievorsprung. Den Konstrukteuren in Bad Urach geht auf jeden Fall nicht die Arbeit aus. Auf der grünen Wiese in Hengen, wenige Kilometer vom Stammsitz Bad Urach entfernt, entstand 2011 ein piekfeines, klinisch sauberes Montagewerk. Ein millionenschweres Standortbekenntnis mit Optionen für mehr. Gleichwohl gehören zur Neustrukturierung aber auch Fertigungskapazitäten in Taiwan. Der internationale Wettbewerb, glaubt man den Magura-Leuten, lässt für Teilbereiche da wenig Spielraum. Gibt es wenigstens mit BMW, immerhin größter Einzelkunde bei Magura, eine deutsch-deutsche Liebesheirat? Wir müssen es wohl selbst erraten, was passiert, wenn Mittelständler auf Großkonzern trifft. Immerhin hält die Beziehung schon seit 1923 mit dem allerersten BMW-Motorrad. Mit einem Gasdrehgriff für die R 23 begann bei Magura der Einstieg ins Motorradgeschäft.

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Foto: Jahn

Aber zurück zu Herrn Glaser. Bei ihm brummt und pumpt das Magura-Herz. In einem unscheinbaren Gebäude mitten im Ort. Da dampft es, da rattert es, da geht der Punk ab: „24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche - und bei den Betriebszeiten ist es schließlich egal, ob die Maschine in Asien oder hier steht“, verkündet der Bereichsleiter stolz. „Wir haben langjährige Mitarbeiter, unsere Erfahrung steckt in den Details, dem Formenbau, der Wartung. Kurz gesagt: Hier arbeitet unser ganzes Wissen.“ Dazu passt folgendes, von Glaser angeführtes Beispiel: „Wir verarbeiten hier annähernd 180 verschiedenartige Kunststoffgranulate, die durch Rohrleitungen direkt an die Maschinen kommen und mit den unterschiedlichsten Parametern wie Druck, Temperatur und Zeit verarbeitet werden.“ Er nimmt einen Heizgriff in die Hand. Ein unscheinbares Bauteil, das für ein perfektes Zusammenspiel von Form und Funktion aber nach hochkomplexer Fertigung verlangt. „Im Spritzgießverfahren fertigen wir zunächst die harte Gasgriffhülse, führen halbmaschinell die Heizdrähte ein, um dann den eigentlichen Griffgummi als Weichkomponente im Spritzgießverfahren aufzubringen“, fasst Glaser schnell zusammen. Heraus kommt ein kompakt in der Hand liegender Griff, der nicht nur an der Schnellfräse BMW S 1000 RR, sondern auch an unzähligen Schneefräsen in Nordamerika für wohlig warme Finger sorgt.

Magura in Zahlen:

Magura, sowie andere Firmen der Magura-Gruppe, gehört zur Holding der Munz-Magenwirth Beteiligungs GmbH. Neben dem traditionellen Stammwerk in Bad Urach gibt es ein neues Montagewerk in Hengen und den Bereich Kunststofftechnik in Hülben. Magura unterhält Tochterfirmen in den USA und Taiwan. 2011 betrug der Umsatz 64 Millionen Euro, die von 400 Mitarbeitern erwirtschaftet wurden. Motorradkomponenten stellt Magura seit 1923 her und erlangte insgesamt 400 Patente.

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