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Restaurierung HEROS 200 Voller Tank, neues Öl und frisch geschmierte Ventile

In den 20er-Jahren gab es in Deutschland gleich zwei Motorrad-Hersteller, die ihre Modelle HEROS - auf gut Deutsch Held, Kämpfer - nannten. Nur ganz wenige Exemplare haben überlebt. Eines haben wir aufgespürt….

Dass er hinsichtlich Ausdauer und Leidenschaft kaum noch zu toppen ist, hatte Oldtimerfan Walter Leitert bereits vor Jahren unter Beweis gestellt, als er einen unvollständigen, heruntergekommenen Wanderer-V2-Motor mittels unzähliger, in ganz Deutschland zusammengesuchter Einzelteile zu einem ganzen Motorrad komplettierte. MOTORRAD Classic berichtete in Ausgabe 4/2008 darüber. Nach der Wende aus der Oberlausitz ins Rhein-Main-Gebiet übergesiedelt, hatte Leitert schnell Kontakt zur regionalen Oldtimer-Szene gefunden. Und als er eines Tages bei einem befreundeten Motorrad-Sammler einen alten Benzintank mit integrierter Ölpumpe im Regal entdeckte, war es wieder einmal so weit. Ein stark patinierter Motorrad-Stecktank aus Stahlblech, auf dem noch Reste der Beschriftung zu erkennen waren: HEROS, Motorenwerk Hartmann & Richter, Niederoderwitz.

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"Mensch, varkoofste mir den?"

"Der ist aus meiner Heimat. Kannst mir's ruhig globen, ich bau die HEROS wieder uff", sächselte der Finder ungeduldig. Und so wechselte schließlich der Tank im Juli 2007 den Besitzer und Walter Leitert hatte eine neue Herausforderung.

Doch schon bald sollte sich zeigen, dass er sich mit der HEROS die Messlatte noch ein ganzes Stück höher gehängt hatte als Jahre zuvor mit der Wanderer. Über Wanderer gab es Literatur, da gab es Fotos, nach denen man sich bei der Restaurierung richten konnte und es gab vor allen Dingen eine kleine Sammlergemeinde, die diese edlen Motorräder aus dem sächsischen Schönau hegten und pflegten. Aber HEROS? Die Marke kannte offensichtlich kein Mensch.

Dabei existierten in den 1920er-Jahren gleich zwei deutsche Hersteller, die unabhängig voneinander Motorräder unter dem Namen HEROS fertigten. In Berlin baute und vertrieb nämlich zwischen 1923 und 1924 eine "HEROS-Motorfahrzeug Gesellschaft mbH" ihr Modell HL. Ein sehr einfaches, fast schon primitives Leichtmotorrad, das im Gegensatz zu der HEROS aus Sachsen von einem drehschiebergesteuerten Zweitaktmotor aus dem Hause DKW angetrieben wurde und mit einer Zweigang-Kupplungsnabe im Hinterrad ausgestattet war.

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200 cm³ Hubraum besaß der kleine Viertakter

Erste Hinweise fand Walter Leitert außer in den Nachschlagewerken des Erwin Tragatsch bei Wikipedia im Internet: "Die Firma Heros Motorrad-Motoren- & Getriebebau ist ein historischer Hersteller von Hilfsmotoren und Motorrädern aus Oderwitz. Sie wurde 1921 unter dem Namen Motorenwerk Zittau, Hartmann & Richter, Niederoderwitz O.L. gegründet und 1925 umbenannt. 1929 wurde die Fertigung eingestellt. Neben Heros-Bikes wurden hier auch Fahrzeuge der Marke Ares gefertigt, die identisch mit der Stammmarke waren, beide wurden nur in Kleinserie produziert. Vor der Umbenennung wurden auch Exemplare der Marke H. & R. hergestellt. Zur Produktpalette des Unternehmens gehörten verschiedene Leichtkrafträder sowie die zugehörigen Motoren und Getriebe. Die Motorräder und Hilfsmotoren wurden mit einer SV-Ventilsteuerung ausgestattet und verfügten bis 1928 über ein Riemengetriebe."

Nicht übermäßig viel, aber immerhin schon mal ein Anfang für den Restaurator. Noch im selben Jahr nahm Walter Leitert mit seiner achtventiligen Wanderer am ersten Wanderer-Markentreffen teil und berichtete dort stolz von seiner neuen Errungenschaft, der HEROS. Und siehe da, ein anderer Besucher hatte zu Hause noch eine gegossene Primärabdeckung, die er zur alljährlich am zweiten Oktoberwochenende in Mannheim veranstalteten Veterama mitzubringen versprach.

Dann tat sich in Bezug auf eine erfolgreiche Teilesuche über ein ganzes Jahr gar nichts und die ersten Zweifel stellten sich ein, ob die ganze Aktion überhaupt noch Aussicht auf Erfolg haben könnte. Just in diesem Moment erfuhr er von der Existenz eines HEROS-Motors. 200 cm³ Hubraum besaß der kleine Viertakter. Weihnachten stand vor der Tür und Leitert machte sich mit einem Freund auf den Weg nach Stuttgart, um das für sein Vorhaben so kostbare Stück sicherzustellen.

Ein Glücksfall: Der Motor war wohl vor vielen Jahren komplett mit dem kleinen Bosch-Zündmagneten und dem seltenen Zefal-Vergaser demontiert und in die Ecke gestellt worden. Für Walter Leitert eines der schönsten Weihnachtsgeschenke seit Langem.

Auszug aus der Produktbeschreibung

In einer Produktbeschreibung vom Sommer 1925 beschreibt die Firma Motorenwerk Hartmann & Richter die beiden verfügbaren Motoren so:

"Unsere Leichtkraftrad-Motoren erfreuen sich überall des denkbar besten Rufes, sie werden von vielen Fachleuten als die vorzüglichsten Viertakt-Maschinen angesehen, die auf dem deutschen Markte erhältlich sind. Diese Anerkennung unserer Erzeugnisse verdanken wir in erster Linie unserem Prinzip, eine neue, wirklich erstklassige Maschine zu erzeugen, die sich durch gewissenhafteste Erzeugung, einwandfreies Material, wohldurchdachte, bewährte Konstruktion und enorme Kraftleistung auszeichnet. Es ist nie unsere Absicht gewesen, mit Firmen in Konkurrenz zu treten, welche die Qualität als nebensächlich betrachten und nur versuchen, den Käufer mit billigen Preisen zu locken. Solche Praktiken halten bekanntlich niemals lange vor. Der mit schlechten Motoren belieferte Kunde kauft einmal und nicht wieder. Unsere Kunden kaufen aber immer wieder von uns, sie kennen und schätzen unsere vortrefflichen Erzeugnisse und wissen, dass sie solche ihren Abnehmern mit ruhigem Gewissen empfehlen können.

Es darf jedoch nicht angenommen werden, dass unsere Motoren etwa recht teuer wären. Das Gegenteil ist richtig. Wir liefern eine ausgezeichnete Maschine zu recht mäßigem Preise, indem wir uns mit einem bescheidenen Nutzen begnügen und keine übertriebene Reklame machen, die letzten Endes immer der Käufer bezahlen muss, und wir haben gefunden, dass wir damit den einzig gangbaren Weg begehen und dem Wunsche unserer Abnehmer entgegenkommen. Nur durch eine mäßige Preisstellung kann die Einführung des Motorrades in die breiten Schichten der Bevölkerung gehoben und sein Siegeszug auf der ganzen Linie erreicht werden.

Unsere Motoren werden in zwei Typen erzeugt, und zwar in Type A: Bohrung 55 mm, Hub 70 mm, Leistung 2 PS; Type B: Bohrung 60 mm, Hub 69,4 mm, Leistung 3,5 PS. Beide Maschinen unterliegen keinerlei Besteuerung, ebenso wenig benötigen die mit dieser Maschine ausgerüsteten Leichtkrafträder ein amtliches Kontrollzeichen, auch ein Führerschein und eine amtliche Zulassungsbescheinigung sind nicht erforderlich. Unser 3,5-PS-HEROS-Motor ist eine der wenigen Maschinen, welche die Steuerformel von 0,75 nicht überschreitet, somit also in jeder Beziehung als verkehrsfrei angesprochen werden kann. Jeder Fachmann wird bestätigen, dass die Leistung von 3,5 PS bei der kleinen Dimensionierung der Maschine als eine ganz enorme bezeichnet werden muss und es ist ferner zu berücksichtigen, dass dieselbe als recht sparsam im Verbrauche von Benzin und Öl gilt. Die erzielte Kraftleistung lässt sich naturgemäß nur ermöglichen durch die Verwendung bester Materialien, präziseste Verarbeitung und erfahrungsreiche Konstruktion. Unser 3,5-PS-Motor ist eine Klasse für sich und eine Qualitätsmaschine für Kenner."

Dreigang-Getriebe mit der Schwertschaltung

Das unerwartete Auftauchen des Motors gab Auftrieb. Räder, Bremsen, Lenker, Armaturen, Schutzbleche, Trittbretter etc. waren Teile, die H & R vermutlich als Konfektionsware bei der Herstellung ihrer Motorräder von anderen Firmen zukauften. Nicht so das Dreigang-Getriebe mit der Schwertschaltung. Doch auch das stöberte der emsige Walter irgendwann auf: bei einem Besuch des Motorradbasars in Neuruppin. Als dann noch die Gepäckbrücke mit den Werkzeugbehältern sowie Laufräder, Wulstreifen und der ungewöhnliche, von der Firma Müller hergestellte Sozius-Ledersattel gefunden waren, hätte der Aufbau beginnen können. Doch es fehlte noch der alles verbindende Rahmen.

Hier ging Walter Leitert schließlich einen Kompromiss ein, indem er einen, dem Original sehr ähnlichen Rahmen ergattern konnte und diesen geringfügig anpasste. Ein vertretbarer Kompromiss, denn bis heute ist der Hersteller dieses Rahmens unbekannt und ein Originalrahmen noch immer nicht gefunden.

Im Winter 2009/2010 konnte er dann schließlich die Maschine zusammenbauen. Und als die Tage wieder länger wurden, die ersten wärmenden Strahlen der Frühlingssonne die Natur aus dem Winterschlaf erwachen ließen, da gab es auch für Walter Leitert und seine HEROS kein Halten mehr. Mit vollem Tank, neuem Öl und frisch geschmierten Ventilen starteten die beiden "Helden" aus der Oberlausitz zu ihrer ersten gemeinsamen Ausfahrt - bis ein schleichender Plattfuß dem freudigen Ereignis jedoch ein vorzeitiges Ende bereitete. "Mist…", schimpfte Leitert frustriert, "das einzig Neue an der Maschine sind die Reifen und die Schläuche. Und ausgerechnet die geben schon bei der Probefahrt den Geist auf!"

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