Roadrunner’s Race 61 (Archivversion) Lang und heftig

Es könnte im Folgenden um ein Beschleunigungsrennen amerikanischen Zuschnitts gehen.
Oder um ein originelles
Bikertreffen auf einem Ex-Militärflughafen.
Aber es geht um mehr. Nämlich darum, sich
wirklich einzulassen.
Auf das eine Motorrad.

Die karierte Fahne fällt, eine Pan Head reißt an, ballert sich in ihren Drehzahlhimmel hoch, der Pilot hängt mit der Rechten an einem Irrsinnsgeweih von Lenker, die Linke umkrallt den Knauf des Schalthebels, wirft ihn in seiner Kulisse zurück. Fahrtwind
verzerrt das Gesicht, egal, Mensch wird Funktion, quetscht dieses hämmernde Eisen aus, schaltet noch mal hoch, Gas, immer Vollgas, weiter, weiter – Ziel.
Knapp neun Sekunden dauert der barbarische Akt und endet nach exakt 201 Metern mit einer Höchstgeschwindigkeit von 140 Stundenkilometern. Damit ist Charlie, so heißt der Besitzer dieser 54er-Harley, Schnellster. Und der Zweitschnellste, Max auf seiner über zehn Jahre älteren BMW R 66, meint lapidar: »Was willst
du machen gegen 800 zusätzliche Kubik?« Diesem Einwand entnehmen umstehende Motorrad-Historiker, dass beide Motoren niemals serienmäßig angetreten sein können: Der bayerische Flat-Twin stammt aus einer 1000er der späten Zweiventil-Ära; das ursprünglich 1200 cm3 große amerikanische V-Aggregat muss also mehr als einen halben Liter zugelegt haben, seit es Milwaukee verließ.
Warum? Darum. Einfach so. Weil ihre Besitzer Bock drauf
hatten, immer mal wieder was ausprobieren möchten, sowieso gerade am Bauen waren, wissen wollten, was mit den alten Kisten geht. Weil sie es den Kumpels zeigen möchten. Die schnellste Pan Head Berlins, hey.
Beachtlich jedenfalls. Auch wenn begabte Beschleuniger – das verrät ein Blick in die MOTORRAD-Datenbank – mit einer
78 PS starken CBF 600 schneller wären. Von 1000er-Supersportlern ganz zu schweigen. Aber das sind statistische Einwände und haben mit dem, was sich rund um den Drag Strip von Finowfurt abspielt, nichts zu tun. Dort steigt alljährlich dieses Roadrunner’s Race 61, das ein wenig schwankend eben jenes Beschleunigungsrennen über die Achtelmeile oder eine Fete mit Live-Musik seine Höhepunkte nennt. Feiern dürfen alle, rasen nur Mopeds bis Baujahr 1961. Auch vierrädrige Hot Rods sind zugelassen, alles zusammen ergibt ein prächtig nostalgisches Stück aus dem Sturm und Drang der Motorisierung, reizvoll umrahmt von einem aeronautischen Ambiente aus Landebahnen, gewaltigen Hangars und alten MIG-Kampfjägern.
Als Verneigung vor östlicher Kraftfahrzeug-Kultur darf gelten, dass einige AWO auf den Strip gehen, hinreißend als puristische Racer hergerichtet. Der BMW nachempfundene Viertakt-Single ragt schlank in den zierlichen Rahmen, dank Megaphon tönt er, dank verbesserter Ölversorgung sogar mutig, die Stummel klemmen tief unter der oberen Gabelbrücke. Das fröhliche Grinsen des Fahrers krönt diese Show, nicht irgendeine Zeit für die Achtelmeile.
Ähnliche Motive werden auch die Mehrzahl der Harley-, Indian-, Triumph-, BMW-, Jawa- oder Simson-Fahrer leiten, die in drei nach Hubraum gestaffelten Klassen beschleunigen, was eben so geht. Und wenn sie das wieder mal wissen, meistens schon genug
haben: Das Training am Samstag ist jedenfalls traditionell stärker besucht als das eigentliche Rennen am Sonntag. Auch Charlie
hat’s irgendwie nicht ganz gepackt, nach Trainingsbestzeit den pünktlichen Absprung aus dem nahen Berlin verpasst. Als er ankommt, ist das Rennen schon gelaufen, erst auf dem Gnadenweg stimmt die Rennleitung zu und lässt ihn auf die R 66 los.
Was die meisten Besucher gar nicht mehr mitkriegen: Der Heimweg auf einer SR 500, einer in Ehren runtergerittenen Guzzi-T3 oder einer toppumgebauten XS 650 will mit Bedacht an-
gegangen werden. Wenngleich in großer Zuversicht, und damit
wäre die eigentliche Botschaft des Roadrunner’s Race erreicht: Hier treffen sich Menschen, die mit ihren Motorrädern zusammengewachsen sind. Entweder in ereignisreichen Jahren oder durch liebevolle Restaurierung. Meist eher unkonventionelle Menschen und meist eher archaische Motorräder.
Gemeinsam lehren sie, dass es die Freiheit auf zwei Rädern nicht von der Stange gibt. Ihre geruhsame und wohltönende
Prozession huldigt rebellischer Vielfalt, sie machen ihr Ding und wollen nur sich selbst etwas beweisen. Sie sind born to be wild. Grölen tun das die anderen.

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