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Die feine japanische Art, britisch Motorrad zu fahren – besonders 
beliebt bei Deutschen.

Rückkehr der Yamaha SR Der Helmut Schmidt im Yamaha-Programm

Nach einem 35-jährigen erfüllten Arbeitsleben schickt Yamaha die SR nicht etwa in Rente, sondern zurück in den Ring. Tut man das? Und überhaupt: Was hält das Motorrad davon?

Ohne Frage genießen Hund, Katz und Pferd deshalb so viel Sympathie, weil sie keine Widerworte geben. Allerdings könnten sie ihre Beliebtheitswerte noch steigern, wenn sie nicht ständig weglaufen würden, und damit sind wir beim Motorrad. Lässt sich alles gefallen und schweigt dazu – der ideale Lebenspartner. Als besonders genügsam hat sich Yamahas SR entpuppt, die weder kuschelige Garagenhaltung noch regelmäßige Spazierfahrten verlangt, um Herrchen – seltener Frauchen – dankbar zu dienen. Diese Tugenden ermöglichten rührend enge Beziehungen von Fahrer und Gerät, weshalb der Hersteller ja unlängst klein beigab und den in Japan durchgehend angebotenen 23-PS-Brenner nach 14-jähriger Pause wieder zu uns bringt. Tosender Applaus.

Echter Widerrede nicht fähig, muss sich der simple Einzylinder nun wohl weitere 30 Jahre treu und tapfer, brav oder biestig nennen, von vorn bis hinten beschrauben und – wenn es ganz schlimm kommt – zum ungehemmten Verkehr auf die Schnellstraße schicken lassen. Das alles von Menschen, die garantiert jener Fahrermehrheit angehören, welche ihrem Motorrad eine Seele zuspricht: „Meine treue Yamaha SR rennt tapfer 140.“ Gar einen eigenen Willen unterstellen viele: „Das Biest wollte heute Morgen nicht.“ Warum nicht? Hätte sie einen Willen, wovon der unbegabte Ankicker ja ausgeht, müsste er womöglich mit der Antwort leben, dass die über Wochen unter der Laterne Vergessene schlicht und einfach gegen den Pflegenotstand protestiert. Interessant, oder?

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Wer ihren Motor ankriegt, ist schon Mann

Verweigern manche Yamaha SR, so möchte man das Gedankenexperiment weiterspinnen, gar schon beim Händler, weil ihnen der zur Probefahrt angerückte Kunde missfällt? Hat am Ende die SR höchstselbst das ganze Gerede von Startproblemen in Gang gebracht? Es spricht ­einiges dafür, denn die Besitzer größerer Zweitakt-Einzylinder und alter Briten-Sin­gles können über das bisschen Getue mit Totpunktsuche oder Gasschieber-beim-Warmstart-Anheben wirklich nur lachen. Die SR lacht ebenfalls, weil dieser geschickte Psychotrick das Verhältnis zu ihren Maschinisten drastisch entspannt: Wer ihren Motor ankriegt, ist schon Mann und muss es nicht erst mit hals- und rahmenbreche­rischen Manövern werden.

Tja, wo Seele ist, da lauert Abgrund. Mehrere gleich: In gerissener Bescheidenheit verkaufte die Yamaha SR ihr Starter-Manko stets wie einen Gewinn: „Weniger ist mehr.“ Und tatsächlich, als Honda 1981 mit der FT 500 endlich so was Ähnliches wie eine Konkurrentin präsentierte, zeigte alle Welt auf deren elektrischen Anlasser. Fahrschule, Fahrschule… Man darf sicher sein, dass die SR damals nicht in diesen hämischen Chor einstimmte. Zickenkrieg läuft raffinierter. Während sie der smarten Honda – abends im Single-Club – zu den vier Ventilen gratulierte, schaute sie beiläufig unter deren geschlitzte Lampenverkleidung. Im Vorfeld war ihr nämlich der Neid aufgeschossen, weil Konstrukteur Hiroshi Kameyama der FT einen Ölkühler in Aussicht gestellt hatte. Doch nun stand die Honda aus Kostengründen ohne da – und nach wenigen Tausend Kilometern meist auch noch mit verräterischem Ölschleier am Zylinderkopf. Ach ja, der Hiroshi. Für Europa hatte er sein Motorrad konstruiert, nur dort herrschte Bedarf an dicken Straßen-Einzylindern. Und dann kamen die Honda-Designer mit diesem Plastikhöcker à la Dirt Track. Das ist Sandbahnrennen auf Nordamerikanisch und interessiert bei uns keine Sau. Die Yamaha SR konnte sich gemütlich zurücklehnen.

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Alle fragten nach der Yamaha SR

In dieser Grundhaltung verharrte sie die nächsten 15 Jahre, und genau aus dieser Zeit ab 1985 wüsste man gern, was in ihrem Zylinderkopf so vorging. Zwischen Ein- und Auslass quasi. Der eigene Produzent stellte plötzlich ein Vehikel mit im Fallstrom (!) ­beatmetem, stark geneigtem (!) und wasser­gekühltem (!) Motor her, in dessen Oberstübchen 20 (!!!) von zwei (!) obenliegenden Nockenwellen mittels Tassenstößeln (!) betätigte Ventile über vier (!) Zylindern tanzten. Ob sie neben dieser FZ 750 nachts im Showroom weiche Reifenflanken bekommen hat? Auch ein moderner Einzylinder kam hinzu, SRX geheißen. Luftgekühlt, das schon, aber mit vier Ventilen und gebürstetem Alu überall und einer Linie … so schön, so schön! Genutzt hat sie ihm gar nichts, weil alle naslang zottelige Freaks zum Händler pilgerten und nach ihr fragten. Nach der Yamaha SR.

Foto: Archiv
Als Strandläufer geboren:  Schon bei der Vorstellung in Westafrika schnuppern die SR 500 und der eilige Franz Meeresluft.
Als Strandläufer geboren:  Schon bei der Vorstellung in Westafrika schnuppern die SR 500 und der eilige Franz Meeresluft.

Die Freaks tragen heute Glatze, aber der Händler kann endlich wieder lachen. Er hat neuerdings einen alten Jungbrunnen im Fenster stehen. Höchstens die XJR erinnert sich noch. „Ah, du schon wieder.“ Alle anderen, von MT-07 bis Vmax, verschließen energisch ihre Auspuffkrümmer, sonst müssten sie los­prusten. „Fährt die noch, oder sollen wir sie tragen?“ Eine gebrauchte R1 berichtet von einem Gespräch mit einer uralten FZR 1000, die eine abgemeldete Guzzi Le Mans kannte, deren Besitzer vorher mal Yamaha SR gefahren war. „Und?“, wollen alle wissen. Die R1 wirkt kleinlaut: „Die geilste Zeit seines Lebens.“ Jetzt starren sämtliche Scheinwerfer auf die Yamaha SR. Mit erröteten Kurbelwangen gibt die zu, früher wirklich ein bewegtes Dasein geführt zu haben. „Viel Griechenland, Zelten direkt am Strand, zurück über Italien. Jedes Jahr zwei oder drei Monate Sonne halt.“ Eine XV 950 hat mal was gehört und fragt keck: „Du warst ein Groupie, oder?“

Ach Gott, was wissen diese Kinder schon? Halten Jimi Hendrix für einen eng­lischen Superbiker, hupen beim leisesten Marihuana-Hauch SOS und glauben unumstößlich, sexuelle Befreiung finde frühmorgens im Fitnessstudio statt. Die Yamaha SR hat Angst. Was soll sie hier? Und dann auch noch mit 100 cm³ sowie 10 PS weniger als damals … Januar 1978? Der hoffnungsvollste Teil der westdeutschen Jugend traf sich just in jenen Tagen zur Debatte über eine gewaltfreie und solidarische Zukunft im geteilten Berlin. Der Kongress hieß Tunix, aber mancher tat dann doch was und rannte zum Yamaha-Händler. Der erste Test in ­MOTORRAD nämlich hatte die Single Road – dafür steht SR – mit Lob überschüttet. Verfasst von Franz Josef Schermer höchstselbst. Ein anderer demnächst Heiliggesprochener nannte sich Johannes Paul II. und wurde 1978 Papst. Der deutsche Fußballmeister hieß 1. FC Köln, man glaubt es nicht, und der deutsche Kanzler rauchte Kette. Öffentlich. Sein Name? Helmut Schmidt, und jetzt hakt es bei der Yamaha SR ein: Der Mann qualmt noch immer, sitzt meist im Rollstuhl und macht Witze über seine Stützstrümpfe, ist aber der einzige Genosse, mit dem die SPD eine Wahl gewinnen könnte. Weil er Kante zeigt und Kenne hat und sich nicht weich spülen lässt.

Der Helmut Schmidt im Yamaha-Programm

„Verdammt, auch das noch! Ich bin der Helmut Schmidt im Yamaha-Programm“, durchzuckt es die Altkonstruktion. Sie möch­te jetzt echt einen Liter Hochoktanigen kippen, aber das ist in modischen Ausstellungssalons streng verboten. „Schade. Was konnten diese alten XJ saufen. Und die Ténéré erst. 28 Liter, volltanken bis zum Umfallen …“ In wonnigen Erinnerungen schwelgend, döst die Yamaha SR weg. Und wird geweckt, weil ihr jemand am Zündschloss rumfummelt. Noch eh sie nachdenken kann, läuft ihr Motor, der Mann hat den Bogen also raus, sie hört was von Probefahrt, dann rastet auch schon der erste Gang ein. Rein in die Stadt, an der Ampel ein kleiner Opel neben ihnen, der bei Grün uneinholbar entkommt. „Was ist denn hier los?“ Ihren Fahrer scheint’s nicht zu verdrießen, der schaltet bei 3500 hoch und zuckelt Richtung Industriegebiet.

Sie biegen auf einen filmreif morbiden Hinterhof und parken neben einer zerzausten BMW R 80/7. Die Yamaha SR kriegt so ein vertraut komisches Gefühl. Man kennt sich. Brokdorf, Gorleben. „Du hier? Ihr wart doch früher alle bei der Polizei.“ Die Gummikuh schnauft aus ihren Faltenbälgen und erwidert, eben dort habe auch sie ihre ersten 100.000 abgerissen. „Die Bullen konnten alle nicht schalten, aber der Service war okay.“ Die Mitleidsnummer verfängt nicht, denn was können Fahranfänger dafür, wenn ihr Bock ein mieses Getriebe hat? Noch heute nimmt die Yamaha SR den MOTORRAD-Lesern übel, dass sie 1978 bei der Wahl zum Motorrad des Jahres in ihrer Leistungsklasse als Zweite hinter einem dieser Schaltungskracher landete. Schlimmer noch: hinter der R 45. Der Altboxer kann sie beruhigen: „Die will heute keiner mehr.“

"Klar, Mann, zum Umbauen ideal, sagt Yamaha auch"

In diesem Moment poltert eine narbige ­Eisentür auf, der Probefahrer und ein voll tätowierter Piratentuchträger mit Schraubstock-Fäusten nähern sich. Klack, klack, klack, schon steht die Yamaha SR halb nackt auf dem Hof, ihrer Seitendeckel und der Sitzbank beraubt. Fingerknöchel wie Hämmer dengeln auf ihren verchromten Schutz­blechen rum, eine Pranke umschließt ihre Instrumente. „Die Uhren fliegen weg.“ Als Nächstes geht Piratentuch in die Knie und linst ihr schamlos in die Gemischaufbereitung. „Vergaser wäre gieriger, aber egal: Kann man was draus machen.“ Sie wird fahrig wieder angezogen, dann verschwinden die beiden Typen. Verlegen räuspert sich die Yamaha SR: „Wie meint der das: Kann man was draus machen?“ Die BMW weiß Bescheid, und schon wird sie wieder arrogant: „Wahrscheinlich Tracker, Schätzchen. Werd ich auch, das trägt man heute.“

Die SR kriegt einen Kloß in der Einspritzdüse, „Trecker!?!?“, da knallt die Tür wieder auf und der Probefahrer schmettert: „Klar, Mann, zum Umbauen ideal, sagt Yamaha auch.“ Der Pirat haut seinem Kumpan auf die Schulter und der Yamaha SR eine bleibende Delle ins Polster. „Also okay, wenn du aus Griechenland wieder da bist. Wann geht’s los?“ Der Probefahrer hat schon den Helm auf und frohlockt: „Übermorgen, Business­class ab Frankfurt.“ Dann kickt er. Und kickt. Und kickt. Und kickt. Und kickt. Und …

Technische Daten Yamaha SR

Yamaha SR 500 (Alle Werte für Modell 2J4 von 1978)

Motor: luftgekühlter Einzylinder-Viertaktmotor, zwei Ventile, Bohrung x Hub 87 x 84 Millimeter, 499 cm3, 24,3 kW (33 PS) bei 6600/min (gedrosselte Version: 20 kW (27) PS bei 6500/min), Kickstarter, Nasskupplung, Fünfganggetriebe, Kettenantrieb.

Fahrwerk: Einschleifen-Stahlrohr­rahmen, Telegabel vorn, zwei Federbeine hinten, Stahlrohrschwinge, Scheibenbremse vorn, Trommelbremse hinten, Drahtspeichenräder, Bereifung 3.50 S 19 vorn, 4.00 S 18 hinten. Tankinhalt 12 Liter, Gewicht vollgetankt 174 kg.

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