Sachs-Präsentation und Party (Archivversion) Yeah, Rock«n«Roll

Sie soll den Kult ums Kleinkraftrad für eine neue Generation reviveln, die MadAss. Mit einer »ultimativen Party« hat Sachs das neue Moped in Nürnberg vorgestellt.

Herr Dr. Schnorr ist der Sprecher von Sachs, aber wie er da auf der Bühne steht, spricht er nicht viel. Er gibt zwei Mädchen einen Wink, die enthüllen daraufhin zwei Mopeds, und Sprecher Schnorr sagt so etwas wie: »Das ist unser neues Baby, das ist die MadAss, habt viel Spaß.« Mehr sagt er nicht, nur noch »yeah, Rock ’n’ Roll«. Dann gehen die Mädchen und der lässige Doktor von der Bühne, die beiden MadAss (oder MadAsses?) bleiben oben stehen, und DJ Kai fährt die Musik hoch: »Heart, I just died in your arms tonight...« Kai kommt von Radio Energy. Ein spezielles Programm für den Anlass habe er nicht. Aber später am Abend werde er richtig Gas geben und mal sehen, ob er die Leute dann zum Tanzen bringe.Noch bewegen sich die Leute nicht, zumindest nicht zur Musik. Das ändert sich kaum, als auf der Leinwand hinter der Bühne ein Video läuft. Das Video hat Sachs extra produziert. Im Februar, wenn die MadAss in die Läden kommt, soll der Clip bei MTV laufen. Es ist eine straighte Rocknummer der bislang wenig bekannten Formation »Dr. Ozz and the Asses«. Bandleader Ozz, den nach seinem Promotionsthema zu fragen sicher interessant wäre, hat lange, schwarze Haare, einen Ring durch die Nase, einen Schlips um den Hals und ein dünnes Bärtchen um den Mund. Er steht mit seinen Jungs im »Western Club Crazy Horse«, bearbeitet entschlossen seine Gitarre und singt »I don’t want to hide you, I don’t want to guide you, I just want to ride you« – der Refrain. Schnitt. Ein junger Typ in Jeanshose und -jacke stülpt sich einen orangefarbenen Jethelm auf die Birne und lässt seine willige Gespielin in einem Campingmobil zurück. Er muss dringend wohin, und zwar auf der MadAss. Mit der fährt er in der Folge irgendwelchen Rockern um die Nase, hängt Sportwagen ab und ist überhaupt der Größte.Mit dem Ende des Videos tritt noch mal Sprecher Schnorr vor die Leute, die langsam warm werden. »Live«, kündigt er an, »kommen die Jungs besser. Deshalb jetzt, I wanna ride you’ live, yeah, Rock ’n‘ Roll«. Bevor noch Dr. Ozz den Lärmpegel wieder hochjagt, wundert sich eines der Mädchen im Publikum, dass der Ozz in echt ja total anders aussehe als im Video, »so klein«. Noch etwas ist in echt total anders als im Video. Die MadAss. Realiter fährt sie nämlich im Status eines Vorserien-Mopeds, wird derzeit erst homologiert. Das hat Dr. Schnorr in einer Konferenz erzählt, da, in einem schicken Fürther Hotel, hat der Sprecher mehr gesprochen.»Das ist die MadAss, so nennen wir das, ein Konzept für junge Leute, das ist ja unser Problem«, sagte er. Er meint damit nicht, dass das Konzept das Problem ist, sondern die jungen Leute. Die fahren nämlich nicht mehr ab auf Mofas und so ’n Zeug. Dann sagte Schnorr, dass die MadAss Ergebnis einer Vision sei, nicht einer Marktstudie, und dass sie kein Kuschelprodukt sein soll, sie soll überhaupt kein Produkt sein, sondern ein Lebensgefühl. Das klingt alles prima, aber es macht die Sache verzwickt.Wäre die MadAss ein Produkt, sie ließe sich einfach beschreiben: Stahl-rahmen mit integriertem Tank, verstärkte Bananen-Schwinge und 16-Zoll-Gussräder, Scheibe vorn, Scheibe hinten, Auspuff mit Kat, Doppelscheinwerfer, LED-Rücklicht, 50er-Viertakter mit rund drei PS, im Prinzip ein Dax-Motor asiatischer Fertigung, jedoch von Sachs abgestimmt. Eine 25- und eine 45-km/h-Variante soll es geben, Preis unter 2000 Euro. Außerdem sei für 2005 eine Version mit 110 cm3 nicht ausgeschlossen. Sachs selbst beschreibt seine MadAss anders. Auf der Internetseite steht, das sei die »wohl revolutionärste und verrückteste Maschine, die die Welt je gesehen hat, für Durchgeknallte und solche, die es – wieder – werden wollen«. Das »Revival des Mofa-Kults«. Da haben wir’s, das Lebensgefühl, das diese Maschine sein oder auch nur bringen soll. Es duselt irgendwo zwischen »ey, weißt du noch früher« und »so kann das nicht weiter gehen in Zukunft«, soll munter von gestern nach morgen hüpfen. Gestern Dreigang-Flory mit Sitzbank, Adler auf dem Tank, Fuchsschwanz am Spiegel und Deep Purple. Und morgen? Da müsse man die Jungen wieder »für Technik begeistern, dass man wieder schrauben und sich die Fingernägel dreckig machen darf«. Man müsste »wieder etwas Rock ’n’ Roll in ihr Herz bringen«. Sagt Herr Dr. Schnorr. Mutig, das Vorhaben. Umso erfreulicher, dass Sachs es wagt. Und die MadAss scheint ein Produkt, mit dem das sogar gelingen könnte. Aber halt. Sie ist ja kein Produkt, sie ist ja ein Lebensgefühl. Was man natürlich nicht mit einer Runde Lebkuchen oder Rostbratwurst rüberbringt, auch nicht in Nürnberg. Eine Party muss sein. Ach was, Party. Das »ultimative MadAss-Rock Event« stand auf der Einladung. Für den Ort der Veranstaltung stimmt das so oder so. Im Dezember werden die alten Produktionshallen, 1500 Quadratmeter, in die Luft gesprengt, zu groß, unrentabel. Was für das Unternehmen Sachs nicht gilt: »Wir haben im letzten Geschäftsjahr eine dicke, fette, schwarze Null geschrieben«, hatte Herr Schnorr informiert. So fett muss die Null gewesen sein, dass neben Dr. Ozz noch eine zweite Band im Budget war, die Saitenspinner – in Franken renommiert für die Gabe, mit Joe-Cocker-Coversongs ganze Festzelte in den Irrsinn zu musizieren. Außerdem turnte Stuntman Christian Pfeiffer auf einer MadAss vor, es gab Tattoo und Piercing, eine Feuerschau, und es tanzten Go-go-Girls und -Boys in zerschnipselten Hosen und Leder auf den Tischen. Eine von den Mädels tritt gegen Mitternacht sogar in einem Nonnenkostüm auf die Bühne, hat der MadAss ihren Segen gegeben und sich dann völlig nackt ausgezogen, richtig völlig. Nonnenstriptease. DJ Kai, der von Radio Energy, hat es schließlich echt geschafft, die Leute zu bewegen. Bei »We will rock you«, »I love Rock ’n’ Roll« (nicht von Britney Spears!) und – ungelogen – »Jump« hat es ein paar Enddreißigerinnen aufs Industrieparkett gerissen. Locker knickten sie in den Knien ein, zuckten mit den absätzigen Schuhen leicht in die Höhe, brachten ihren Hintern immer wieder von links nach rechts, schlenkerten die Arme am Rumpf vorbei und tanzten Zeit und Raum vergessend, wie früher. Mit dem Mofa zur Landjugend-Disco und dann »Smooooke on the waaaater. And fire in the sky”. Yeah, Rock ’n’ Roll.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote