Schnäppchenbikes 2006 (Archivversion) Die Hammer-Deals

Fett absahnen kann man mit den folgenden über 70 Offerten. Doch zwischen einem dicken Deal und Sich-Tot-Sparen besteht ein großer Unterschied. Woran erkennt man also wahre Schnäppchen? Da hilft nur eines: Augen auf beim Kauf.

Es klingt fast nach den Worten eines Armeeführers: Da wird von Preiskampf geredet und von Rabattschlachten, Marktanteile sollen erobert oder die Marktführerschaft verteidigt werden. Ein Sperrfeuer von Worthülsen, erschaffen in den Planspielen der Marketing-Abteilungen. Strategisch durchgeplante Verkaufs-Manöver sind auch der Motorrad-Industrie nicht fremd. Mit durchaus friedlichen Zielen, dem Gewinnen neuer und Halten alter Kunden. Der Kampf um jeden Einzelnen von ihnen ist härter geworden, der Markt der Motorrad-Neuverkäufe sinkt.
Daher sind die Lager vieler Importeure und Händler noch prall gefüllt. Vorfinanzierte Überbestände, für welche die Banken beständig Zinsen fordern. Kein Wunder, wenn »ältere Neuware« in einem gewaltigen Befreiungsschlag nun als echter oder vermeintlicher Preiskracher verschleudert wird. Beispiel gefällig? Yamaha bietet seinen »Straßenkrieger« Road Star Warrior XV 1700 in einer fast beispiellosen Preisoffensive 5500 Euro unter Listenpreis an. Ganz offiziell als eines der vielen »Joker Bikes«, günstige Vorjahresmo-
delle. »Jackpot-Modelle« nennt sie Kawasaki.

Einzelne Händler unterbieten sogar noch diese abgesenkten Preisempfehlungen beträchtlich. Generalstabsmäßig fahren viele Marken eine Doppelstrategie. Sie zünden für den Jahrgang 2006 ein wahres Modell-Feuerwerk. Und bezuschussen gleichzeitig die teilweise noch sehr verbreiteten Auslauf- und Vorjahresmodelle. Solche sind in der Regel nicht veraltetet, sondern ausgereift und mitunter sogar technisch mit dem »neuen« Modell identisch. Sprengkraft offenbaren sie allerdings für denjenigen, der sie vor dem Preisverfall deutlich teurer gekauft hat.
Die Tabelle auf den folgenden Seiten listet rund 70 Schnäppchen-Motorräder auf, keine Roller und 125er. »Zirka-Preise« (stets auf 100 gerundet) geben ein mittleres Niveau bei offiziellen Vertragshändlern wieder; sie beruhen auf Händler-Befragungen und Internet-Recherche (Quelle: www.mobile.de). Aus diesen aktuellen Angeboten hat MOTORRAD ein Dutzend Maschinen als echte »Hammerdeals« herausgezogen. Keine Überraschung: Besonders stark geraten die alle zwei Jahre vom nicht immer bloß besseren Nachfolger abgelösten Supersportler preislich unter Druck.
So ist die offiziell 11995 Euro kostende Yamaha R1 des Jahres 2005 keinen Deut schlechter als die aktuelle Version. Ein echter Tipp! Die Suche nach dem Preis-Hammer kann aber auch in ein Minenfeld führen. Bei manchen der auf Seite 60/61 vorgestellten
Typen sollte trotz Super-Sonderpreis Vorsicht walten. Vermutlich nämlich werden sich diese vermeintlichen Schnäppchen zukünftig nur mit großen Verlusten wieder losschlagen lassen.

Generell sollte man potenziellen Wertverlust bei einem Wiederverkauf mit einrechnen; schon manches »Angebot« entpuppte sich nach kurzem Besitz bestenfalls noch als billiger Jakob. Vor Modellen, die wie Blei im Handel stehen, weil sie zu teuer sind oder wenig populär, ist kaum ein Hersteller gefeit. Die Händlerschaft muss es dann ausbaden, bleibt auf vorfinanzierten Bikes sitzen, die sie letzlich nur billig raushauen kann. Als Faustregel gilt, dass ein Jahr Standzeit beim Händler mindestens 500 bis 1000 Euro Preisnachlass bringt. Ein guter Deal?
»Grundsätzlich verschlechtert sich der Zustand eines Fahrzeugs durch Zeitablauf aufgrund von Materialermüdung, Oxidation und anderen physikalischen Veränderungen«, urteilt der Bundesgerichtshof (BGH). Und das Landgericht Berlin hat 2004 in einem Urteil Motorräder und Pkw dabei ausdrücklich gleichgestellt. Wer ein Neufahrzeug kauft, entscheidet sich nicht nur gegen ein
Gebrauchtfahrzeug, sondern hat nach gängiger Rechtsprechung darüber hinaus Anspruch auf ein »fabrikneues« Fahrzeug.
Um ein solches handelt es sich nach einem BGH-Urteil nur dann, »wenn dieses Modell weiterhin unverändert gebaut wird, es keine durch längere Standzeit bedingten Mängel aufweist und zwischen Herstellung des Fahrzeugs und Abschluss des Kauf-
vertrags nicht mehr als zwölf Monate liegen«. Trifft auch nur eines dieser drei Kriterien bei einem Motorrad nicht zu, muss der Händler von sich aus darauf hinweisen. Etwa auf lange Standzeit.
Andernfalls können Gerichte dies als Sachmangel werten und der Kunde vom Kaufvertrag zurücktreten.
Dass die Suzuki SV 1000 und SV 1000 S, sie stammen samt und sonders aus 2003 und 2004, nicht mehr taufrisch sind, sollte bekannt sein. Doch sie sind immer noch empfehlenswert. Und preislich deutlich in der Defensive, bei vollen zwei Jahren Werksgarantie. Ein ausgewachsenes Big Bike mit 120 PS zum Preis
einer Mittelklasse-Maschine. Allerdings wollen auch Folge- sprich Unterhaltskosten berücksichtigt sein. Und genau da brillieren die günstigen Klassen mit 78 oder 98 PS. Dank preisgünstiger Ver-
sicherungstarife und Reifen. Und mit flotter Fortbewegung dort, wo’s darauf ankommt, auf kurvenreicher Strecke nämlich. Dafür sorgen feines Handling und ideale Landstraßenleistung.
Diverse Preisbrecher schießen von Haus aus quer: Honda CBF 600 und nun auch 1000, Kawasaki ER-6n und ER-6f und nicht zu vergessen die Trendsetter Suzuki Bandit 650 und 1200. Löblich: 1000 Euro Zuschuss für Führerscheinneulinge, wenn sie sich eine Honda FMX 650, eine beliebige Yamaha oder BMW zulegen. Ob es damit für eine K 1200 GT reicht? Allmählich dringt die Kunde vom kostenbewussten Kunden bis in die letzte Zweirad-Kommandozentrale. »10000 Euro plus« sind viel Geld, Faszination hin, Technik her. Und während der Kalte Krieg in der Politik längst überwunden ist, ist er draußen an der Verkaufsfront im vollem Gang.

Dort muss der Händler vor Ort Attacken aus dem Internet abwehren. Die Kunden haben informationstechnisch aufgerüstet, machen sich schlau, ob und wo die Traummaschine ein paar Euro günstiger zu haben ist. So kann der kleine, gerade noch wirtschaftlich arbeitende Händler kaum jemals ein Motorrad zum Listenpreis losschlagen. Stattdessen muss er mit Motorrad-Mega-Stores konkurrieren, die mal eben zig Exemplare eines Typs zu viel günstigeren Konditionen eingekauft haben.
Dabei ist es ein unschätzbarer Vorteil, die Werkstatt vor Ort zu haben. Als Ansprechpartner, Dreh- und Angelpunkt beim Service. Wer den heimischen Händler verschmäht, weil der seinen Preis nicht beliebig unterbieten lässt, muss sich nicht wundern, wenn dieser bei der Terminvergabe seine eigenen Kunden bevorzugt. Und wer fette Rabatte aushandeln will, sollte zuvor den Info-Kasten auf Seite 60/61 lesen. Das verhilft vielleicht zu einem Win-win-Geschäft.
Zunächst einmal stehen nämlich für die Kunden die Zeichen zu Saisonbeginn voll auf Sturm. Gerade wenn Marke und Modell nicht ganz so wichtig sind, sondern allein der Preis die Kaufentscheidung diktiert. Vom Importeur bezuschusste Tageszulassungen und günstige Finanzierungen rücken mitunter selbst teure Traumtypen in realistische Reichweite niedriger Monatsraten. Echte Rabattpreise dagegen wollen in aller Regel bar bezahlt werden. Das kostet. Entweder die Ersparnisse oder Zinsen bei der Bank. Hier kann der Artikel zu Zweirad-Finanzierungen in MOTORRAD 6/2006 weiterhelfen.
Man kann sich mit einem vermeintlichen Schnapper auch zu Tode sparen. Wer sich einen Tag Urlaub nimmt, einen Transporter mietet und dann quer durch die halbe Republik düst, um 300 Euro zu sparen, zahlt am Ende womöglich drauf. Weil die Offerte aus dem Internet vielleicht doch nicht die abgebildete Farbe hatte. Oder das versprochene Modelljahr. Oder weil es sich um ein grau importiertes Motorrad handelt, für das keine offizielle Werks-, sondern nur eine lästige »Werkstattgarantie« gewährt wird. Dann heißt es bei
jeder Inspektion oder Reparatur, erneut dorthin fahren zu müssen.
Letztlich helfen Überkapazitäten weder Hersteller noch Handel oder Käufern. Ansonsten ließen Händlersterben und verfallende Gebrauchtpreise wie bei Nenas 99 Luftballons am Ende lediglich eines: keinen Platz für Sieger. Wer auf den Reiz des Neuen verzichten kann, ist nicht selten mit einem anderen günstigen Angebot besser bedient, einer guten Gebrauchten. Gern mit Garantie beim Händler erworben. Spätestens das sollte dann ein Schnäppchen sein, bei dem es wirklich nur Gewinner gibt.

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