Sechszylinder-Projekt von BMW (Archivversion) Breitreiher

Keine Sorge, Sie sind hier richtig bei MOTORRAD. »Breitreiher« meint keine Vogelart, sondern steht für einen sensationellen Motor, den BMW insgeheim entwickelt. Nicht geheim genug, denn über einige Ecken kam die Nachricht vom Sechszylinder-Reihenmotor doch zutage.

BMW und der Reihensechszylinder – das ist eine ruhmreiche Geschichte für die Bayern, die eine ganze Palette dieser ebenso dynamischen wie kultivierten Triebwerke geschaffen haben. In vielerlei Varianten von zwei bis 3,5 Liter Hubraum mit Leistungen von rund 120 bis über
300 PS. Doch stets nur für Autos und mit entsprechenden Ausmaßen.
Deshalb stutzte ein erfahrener Mechaniker, den die MOTORRAD-Redaktion nicht kennt und zu seinem Schutz auch nicht kennen möchte, als er im Sommer des vergangenen Jahres einige Motorteile in die Finger bekam, die BMW
und eindeutig zu einem Sechszylinder-
Reihenmotor gehörten. Der war jedoch so zierlich und kompakt konstruiert wie noch kein Automotor des Herstellers. Also sinnierte er ein wenig und informierte einen motorradfahrenden Freund, der wiederum seinen ebenfalls motorradfahrenden »Spezl« zu Rate zog. Dieser schließlich rief bei
MOTORRAD an, teilte die nun schon über mehrere Banden gespielte Entdeckung mit und fragte, ob die Redaktion ähn-
liche Informationen habe und für welche Art von Motorrad ein solcher Motor wohl sein könnte.
Die Redaktion hatte keine derartigen Informationen, war aber wenigstens um eine Antwort auf
die zweite Frage nicht verlegen. Wenn die Bayern nicht die absolute Ausnahmeüberraschung planen, kann er nur für den Nachfolger des Luxustourers
K 1200 LT bestimmt sein. Der letzten K mit dem liegend eingebauten Vierzylinder als Antrieb, dem »fliegenden Ziegelstein«. Wo-rauf einige Redakteure etliche Fotos von gestrippten alten K-Modellen vermaßen und zu rechnen begannen. Wäre ein längs eingebauter Reihensechszylinder überhaupt in einem Motorrad unterzubringen, egal, ob liegend nach BMW-Tradition oder stehend wie bei der Triumph Rocket III? Schwerlich. Er wäre selbst für einen solchen Dampfer zu lang, so viel war rasch klar.
Also quer. Schließlich hat BMW mit der K 1200 S erstmals einen Mehrzylinder-
Motorradmotor mit quer liegender Kurbelwelle gebaut und damit für sich eine neue Bauweise erschlossen. Eineinhalb K-1200-S-Zylinderblöcke, so die einhellige Meinung, eventuell durch eine dezente Verlängerung des Hubs auf 1850 cm3 gebracht, müssten sich so in einem Luxustourer
prominent genug und mit ausgewogenen Proportionen unterbringen lassen. Historische Sechszylinder-Motorräder von der Benelli Sei über die berühmte Honda CBX bis hin zur Kawasaki Z 1300 ebenso wie die im letzten Jahr präsentierte Suzuki-Studie Stratosphere beweisen es.
Die Einschränkung der Schräglagenfreiheit durch den Breitling lässt sich bei
einem Tourer wohl am ehesten ertragen. Zumal die Experimente, die BMW mit den Luftfederbeinen der HP2-Modelle und der G 650 Xchallenge anstellt, darauf schließen lassen, dass die künftige LT mit einer pneumatischen Niveauregulierung ausgestattet wird, so dass sie stets die größtmögliche Schräglagenfreiheit bietet. An weiteren technischen Finessen, die über die jüngst präsentierte ABS- und Antriebsschlupfregelung hinausgehen, steht ein automatisches Getriebe oder eine elektromagnetische Schaltung mit Doppelkupplung und Zusatzfunktionen wie Zwischengasautomatik an erster Stelle. Nicht zu vergessen ein Airbag, wie er in der Honda Gold Wing zu haben ist.
Doch bevor Motorrad-Designer Stefan Kraft den Startschuss für seine Zeichnung bekam, galt es, den Info-Schwarzmarkt noch ein wenig abzukämmen. Gesucht wurde eine winzige Bestätigung des nur schwach sich abzeichnenden Projekts. Und tatsächlich: Nach dem Jahreswech-
sel erhärtete sich die äußerst spekula-
tive Spekulation. BMW-Händler unterliegen sogenannten Abnahmeverpflichtungen, sie müssen dem Hersteller ein festgelegtes Quantum bestimmter Modelle abnehmen. Im Jahr 2007, so war zu erfahren, gilt dies nur für zwei Typen nicht: die R 1200 ST und, richtig vermutet, die K 1200 LT. Mehr noch, es gab Händler, die 2006 ein solches
Motorrad verkauften und deren Kunden lange darauf warten mussten, weil der Bau ihrer Maschine in der zweiten Jahreshälfte kaum zwischen die anderen K-Modelle einzuschieben war. BMW verkauft die LT in den USA zwar noch einigermaßen munter, baut aber das Kontingent für die Staaten offenbar in einem Rutsch und lässt es dann weitgehend damit bewenden. Werbemaßnahmen, Sondermodelle, Rabatte – all die üblichen verkaufsfördernden Maßnahmen finden für die LT nicht statt. Die technischen Änderungen beschränken sich auf einen modifizierten Bordcomputer, den man für andere Modelle ohnehin parat
hatte. Alles in allem eine ruhige, auf lange Frist angelegte Ausverkaufsstrategie.
Erfahrene Branchen-Insider sind sich sicher, dass BMW zurzeit die Zuliefererbetriebe für die Serienproduktion des Sechszylindermotorrads auswählt; sie schließen auf einen Zeitraum von etwa zwei Jahren ab heute bis zur Markteinführung. Also wäre die Präsentation im Herbst 2008. Doch was sagt BMW selbst dazu? Zu solchen Terminen noch gar nichts, das war
zu erwarten. Pressesprecher Jürgen Stoff-
regen zeigte sich allerdings nicht völlig
zugeknöpft; er möchte potenzielle Käufer der Honda Gold Wing wohl ein wenig verunsichern. O-Ton Stoffregen: »Ein Sechszylinder-Reihenmotor würde ja schon mal sehr gut zu BMW passen.« Die Verbindung eines solchen Motors mit einem Luxustourer kommentiert er mit sicherem Gebrauch des Konjunktivs: »Wenn man sich mit einem solchen Motorrad beschäftigen würde, wäre man gut beraten, den Hubraum nicht allzu knapp zu bemessen.« Um dann in
Sachen alte LT wieder im Indikativ fortzufahren: »Was auch immer mit der alten LT passiert, betrifft nicht die Saison 2008.« Das wiederum passt bestens ins Bild.

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