Selbstversuch (Archivversion) In der wand

Er hat die Frage falsch verstanden. Er soll nur erklären, wie sich das anfühlt, auf dem Motorrad über diese rumpelige Bretterwand zu juckeln. Toll wäre eine mögliche Antwort. Oder grauenvoll. Was auch immer. Jagath aber sagt: »Geiles Gefühl, du fährst mit.« Diese Antwort ist nicht falsch zu verstehen. Denn »du fährst mit« heißt nicht »wenn du Lust hast, könntest du vielleicht«. Es heißt: »Du fährst mit.« Und das heißt: sich auf den Tank einer 80 Jahre alten, ölenden Möhre zu hocken, deren Gaszug vor dem Start provisorisch mit Klebeband geflickt wird. Die Einweisung in das, was zu tun ist, entfällt. Man kann ohnehin nichts tun.
Wobei dieses Nichts mitunter schon eine Menge sein kann. »Okay?« schreit Jagath von hinten gegen den Motor an. Stummes Nicken. Langsam drückt der Motor mit dem, was ihm von seinen 18 PS übrig geblieben ist, die Scout vom Kesselboden in die Einfahrzone. Es ruckelt kurz, kippt leicht zur Seite ab, zieht dann sofort die Schräge hoch. Die starre Karre hoppelt mehr als sie fährt. Und die einzelnen Bretter bringen Rhythmus, bringen Beat in die Kreiselei: tack, tack, tack, tack... Immer schneller bis zum nächsten Ruckeln, dem Übergang von der Schräge, dem noch ein bisschen Vertrauten, zum völlig Unbekannten, dem Wechsel in die lotrechte Wand.
Wo die Schwere kommt. Wo die Kesselwand sich
aufzutürmen scheint wie eine endlose Steigung, die immerfort unter einem hinwegschießt. Wo es den Kopf
in den Nacken zwingen will, der Steigung zu folgen.
Wo man in dieser belämmerten Position absolut stabil sitzt, kein Wackeln, kein Gedanke ans Runterfallen – Anpressdruck vier g, bewegen kaum möglich. Rechts oben rast der rote Begrenzungsstreifen, acht Meter weiter unten rotiert wie ein riesiger Kreisel der Kesselboden.
Und der rotiert auch noch weiter, als die Maschine dort längst ausgetrudelt ist, wieder still steht. Jagath streckt anerkennend die Hand aus. Schön, dass es was gibt,
woran man sich festhalten kann.

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