Serie „Professor Spiegels Fahrtipps“ (Teil 5) Immer locker bleiben

Eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen, um gut und sicher Motorrad zu fahren, ist die Lockerheit. Darum: Unterlippe hängen lassen, Schultern runter und entspannt dahinrollen.

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Alle Trainingsempfehlungen und alle Handlungsvorsätze laufen ins Leere, wenn keine ausreichende Lockerheit herrscht“, so lautet gleich der erste Satz über die Lockerheit im Buch „Motorradtraining - alle Tage!“. Dem ist nichts hinzuzufügen, so fährt man in solchen Fällen gern fort. Aber das wäre grundfalsch, es ist noch sehr viel hinzuzufügen. Als Erstes einmal die wichtigsten vier Punkte zur Lockerheit:

1. Die nahezu unsichtbaren minimalen Bewegungsimpulse, wie sie beim Motorradfahren erforderlich sind, können aus einem angespannten oder gar verspannten Körpersystem heraus überhaupt nicht in der erforderlichen Feinheit abgegeben werden. Wer‘s nicht glaubt, versuche nur einmal, schön locker im Schritttempo einen engen Kreis mit dem Lenker nahe am Anschlag zu fahren und nach einem kurzen Stück eine beliebige Muskelpartie – beispielsweise die Oberschenkel oder die Bauchdecke – so fest anzuspannen, wie es nur geht! Schon das feste Zusammenbeißen der Zähne kann genügen, um augenblicklich ein Kippen herbeizuführen.

2. Aber nicht nur motorisch, auch sensorisch beeinträchtigt uns eine angespannte Muskulatur: Wir sind nicht mehr in der Lage, die zahllosen feinen Botschaften, die das Motorrad ständig an den Fahrer gibt, entgegenzunehmen und angemessen zu verarbeiten. Sie werden uns nur zum kleinsten Teil bewusst, und je versierter und je besser trainiert ein Fahrer ist, desto mehr dieser Botschaften empfängt er.
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3. Von großer Bedeutung für die Sicherheit ist, dass wir in einem nicht gelockerten Zustand unvergleichlich rascher ermüden, und zwar nicht etwa nur wegen der dauernden muskulären Anstrengung, sondern weil wir mit viel zu großer Willensanspannung handeln, so dass die höchst ökonomischen Automatismen, die wir für vielerlei längst erworben haben, nicht genügend zum Einsatz kommen. Wenn Sie sich an Ihre ersten Fahrstunden erinnern – vielleicht weil Sie nach Jahren wieder einmal auf der gleichen Strecke wie seinerzeit fahren –, dann fällt Ihnen möglicherweise auf, wie unvergleichlich anstrengender diese damaligen 45 Minuten gegenüber heute waren.

4. Schließlich darf nicht übersehen werden, dass die Fähigkeit zu lernen in einem angespannten Zustand erheblich vermindert ist. Je lockerer, je gelassener, je entspannter wir sind, desto leichter bauen sich bei diesem sogenannten prozeduralen Lernen in uns neue Handlungsprogramme (oder Verfeinerungen in schon vorhandenen Programmen) auf.
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Relaxter ist sicherer

Die Gefahr einer zu großen Angespanntheit besteht für jeden, nicht nur für den Anfänger oder den noch nicht sonderlich Geübten. Natürlich geraten Ungeübte bei Belastung eher auf ein zu hohes Niveau der Angespanntheit, aber auch der Könner, der Routinier, ja sogar der virtuose Fahrer kann unter bestimmten Bedingungen auf ein zu hohes Spannungsniveau geraten, entweder unbemerkt ganz allmählich und schleichend infolge einer hohen Dauerbelastung oder eines zu hohen Wettbewerbsdrucks oder eben plötzlich durch Schreck.

Körperliche und psychische Angespanntheit – das sind zwei verschiedene Erscheinungsformen ein und desselben Sachverhalts. Aus diesem Grund können wir körperliche Spannung auf psychischem Wege abbauen und umgekehrt psychische Spannung auf körperlichem Wege. Bei Trainingsveranstaltungen wird deshalb die gewünschte allgemeine Lockerheit durch Einflussnahme auf körperliche Zustände hergestellt. Die Teilnehmer sitzen im Stand auf dem Motorrad und folgen Lockerungs-, Ruhe- und Schwerevorstellungen, die ihnen der Trainer vermittelt. Dabei kann man davon ausgehen, dass damit auch der psychische Zustand beeinflusst wird.

Ebenso kann man für sich allein diese Zusammenhänge von Körperlichem und Psychischem nutzen; das ist sogar während der Fahrt möglich, wenn man beispielsweise festgestellt hat, dass man in einen Zustand zu hoher Anspannung geraten ist, etwa durch eine Schrecksituation oder durch allzu langes Fahren ohne Pausen usw. Maßnahmen dieser Art sind beispielsweise: Kontrolle der Hände, die vielleicht viel zu fest zufassen, mit dem anschließenden Vorsatz: Hände locker auflegen! Das Entsprechende mit den Schultern mit dem Befehl „Schultern fallen lassen!“, wobei man oft erstaunt ist, wie weit man die Schultern herunterfallen lassen kann und wie sehr man sie offenbar die ganze Zeit schon hochgezogen hat.
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Das gleiche Lockern gilt für die Bauchdecke und insbesondere für Mund und Unterkiefer („Nicht mit den Zähnen bremsen!“). Jeder muss für sich selbst herausfinden, wo sich bei ihm die psychische Angespannheit am ehesten körperlich niederschlägt und wo er seine Anspannung am ehesten körperlich zu fassen bekommt, und dazu die ent-sprechenden Lockerungsbefehle auswählen (im eingangs genannten Übungsbuch ist das Bilden von Vorsätzen dieser Art ausführlicher dargestellt).

Nächste Folge: „Wenn alles fließt ...“

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