Serie Motorradkauf, Folge 5 (Archivversion)

Käufertypen

Wer nicht auf den Euro schauen muss, geht den Motorradkauf anders an als ein mittelprächtig verdienender Familienvater oder ein Student, das versteht sich von selbst. Was sich freilich nicht von selbst versteht, ist die Antwort auf die Frage: Worauf müssen die unterschiedlichen Käufertypen auf ihrem individuellen Weg zum Motorrad achten, damit sie nicht in die Irre gehen?

Kümmert’s überhaupt jemanden, wie der mit
diversen GOLDkarten alimentierte Industriellensohn am besten an seine MV rankommt? Nun,
Sohnemann will’s garantiert wissen. Der mit Aufträgen überhäufte Unternehmensberater gewiss auch. Überhaupt, wer garantiert Ihnen, dass Sie nicht schon am nächsten Wochenende den Jackpot im Lotto knacken und vor dem Problem stehen: Wo bekomme ich jetzt am schnellsten und unproblematischsten meine F4 1000 her?
Selbst wenn Ihre Zahlen nicht gezogen werden sollten: Interessant ist diese leichte Form des Kaufens – Kreditkarte auf den Tisch – auf jeden Fall. Denn wenn Sie vergleichen, wie Händler mit diesen Luxuskunden umgehen und wie Sie von ihnen behandelt werden, können Sie erkennen, was Sie ihm wert sind, dem Händler. Etwa wenn Sie eine gebrauchte Yamaha FJ 1200 wollen und mehr als 2000 Euro für die neue Gebrauchte garantiert nicht drin sind. Und die steht obendrein nicht in jedem Laden rum. Die
müssen Sie erst mal finden.
Noch schwieriger wird’s, wenn Sie glauben, es müsse für wenig Geld ein ganz besonderes Motorrad sein. Eines, das zu Ihrem individuellen Stil und Äußeren passt. Elegant und doch unauffällig, exklusiv und doch alltagstauglich. Eine Honda NT 650 Hawk zum Beispiel, die’s hier zu Lande allerdings nur als Graue gab.
Leichter sieht die Sache aus, wenn Ihr Budget zwar nicht
unbegrenzt ausfällt, aber für eine neue Suzuki SV 1000 reicht. Doch gerade dann stellt sich die Frage, wie viel Geld lässt sich
mit wie viel Suche sparen, oder zahlt es sich unter Umständen
gar nicht aus, so viel Zeit in die Suche zu investieren?
MOTORRAD hat anHand von typisierten Käufern ausprobiert, was der Markt hergibt. Der Unternehmensberater sucht eine standesgemäße 1000er von MV, der
Familienvater viel Neumotorrad fürs Geld, der Schlosser mit Schraubertalent viel Gebrauchtmotorrad für wenig Geld, und
der Student braucht ein stylisches Eisen, das nicht nur auf dem Uniparkplatz eine gute Figur abgibt.
Anzeige

Kauf: Serie Motorradkauf Folge 5 - Käufertypen (Archivversion) - Typ GOLDkarte

Unternehmensberater Willi Windig muss handeln. Der Siebener von BMW reicht zum Repräsentieren längst nicht mehr, zwischen Porsche und Jaguar XKR macht die Limousine nichts mehr her. Auf den Parkplätzen der Businesskunden und vorm Golfplatz ist diese Form von Luxus Standard. Weil Geld
für Windig keine Rolle spielt – seine Branche profitiert von der
Wirtschaftskrise – und zwei seiner Kollegen bereits Harley-V-Rod
fahren, ist die Frage, wie er sich fuhrparktechnisch profilieren kann, schnell beantwortet: MV Agusta F4 1000 S.
Berufsbedingt fürchtet Windig, übers Internet an unseriöse
Geschäftspartner zu geraten, außerdem hat er ohnehin zu wenig Zeit, um den besten Deal zu finden, und sein Geschick als Schrauber reicht allenfalls, um ein Döschen Hummercremesuppe zu öffnen.
Deshalb geht er direkt zum Händler. Dort muss er feststellen: Seine F4 1000 S wird auf sich warten lassen, bis in den Hochsommer. Die Version Tamburini könnte er bereits im Mai oder
Juni haben, doch die kostet nicht 20 000 Euro, sondern das Doppelte. MV scheint einen guten Unternehmensberater in Sachen Produktionsplanung zu haben. Bevor die Standardversionen gefertigt werden, versucht MV die finanzielle Schmerzgrenze illustrer Kunden auszuloten – mit Sondermodellen. Jetzt hat Windig die Wahl: 20000 Euro mehr für die Tamburini oder warten. Probefahrten sind eh nicht möglich, mangels Vorführmotorrädern.
Für die Tamburini spricht ihre Exklusivität. Windig spricht: »Das ist mir keine weiteren 20000 Euro wert.« Sein Händler spricht: »Wenn Sie auf das Standardmodell warten, bekommen Sie von mir bis dahin ein anderes Motorrad gestellt.« Windig könnte bis zur Auslieferung mit einer Ducati 999 zum Golfclub
rollen. Aber: Das Entgegenkommen des MV-Händlers gestaltet sich nicht uneigennützig. Wenn nämlich im Kaufvertrag ein Liefertermin vereinbart wird, muss der eingehalten werden. Geschieht dies nicht, besteht die Möglichkeit, eine Nachfrist zu setzen. Bei einem konkreten Liefertermin eine bis zwei Wochen, bei un-
verbindlichem Termin, auf den Sie sich am besten erst gar nicht
einlassen sollten, drei bis vier Wochen. Danach können Sie den Vertrag auflösen. Um das zu vermeiden, zeigen sich auch Händler von Volumenmodellen in Sachen Ersatz-
maschine manchmal verhandlungswillig.
Weil Windig zu den ersten gehören will, die F4 1000 S fahren, ordert er sofort, mit der Konsequenz, dass sich am Preis wenig drehen lässt. Erst wenn die erste Nachfragewelle verebbt ist, sind Nachlässe drin. Momentan werden die 1000er von Grauhändlern zum Teil sogar über Listenpreis angeboten, die 750er dagegen
finden sich vereinzelt bis zu 1600 Euro unter Liste.

Kauf: Serie Motorradkauf Folge 5 - Käufertypen (Archivversion) - Typ Beamter

Leo Lämpel, Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik, ist fasziniert von Zahlen. Er kann sich stundenlang mit ihnen beschäftigen. Seine Strategie zielt deshalb darauf ab, auch beim Motorradkauf diese Begeisterung ausspielen zu
können. Die wichtigste Zahl, der Preis, führte ihn zur Suzuki
SV 1000 S, knapp kalkuliert und dabei so sportlich und reisetauglich, wie er sich das vorstellt. In MOTORRAD findet Lämpel
die Anzeige eines großen Grauhändlers und stutzt: 8299 Euro.
Rund 1500 Euro unter der »unverbindlichen Preisempfehlung«
des Importeurs. Unbesehen möchte Lämpel nicht kaufen, und bis zum Händler hätte er 600 Kilometer zu fahren. Lämpel rechnet. 600 Kilometer hin, 600 zurück, macht bei einer Kilometerpauschale von 30 Cent 360 Euro. Dazu hätte er für Übernachtung und
Verpflegung weitere 100 Euro zu addieren, von einem Kumpel müsste er Auto mit Hänger ausleihen. Für umme zwar, doch
einladen ins Restaurant sollte er ihn dann schon, samt Frau, und
die zwei süffeln und spachteln mächtig was weg – 100 Euro. Dann müsste er seinen unterrichtsfreien Montag opfern, der so unterrichtsfrei gar nicht ist. Da gibt Lämpel Nachhilfe – 200 Euro.
Blieben immerhin noch 740 Euro übrig unterm Strich, die er
sparen könnte. Aber, geht’s ihm durch den Kopf, das hört und liest man doch überall, dass Kunden von Grauen in der Werkstatt des Vertragshändlers um die Ecke oft warten, bis sie schwarz sind. Das kann sich Lämpel nicht leisten, was
Ferien angeht, ist er unflexibel, braucht deshalb einen flexiblen Service. Also schaut er mal in der
Filiale eines anderen Grauen in der Nähe vorbei. Sapperlot, die verlangen ja den Listenpreis, allerdings bieten sie eine Finanzierung zum günstigen Zinssatz von 0,49 Prozent. Wenn er 2000 Euro anzahlt, kostet ihn die SV bei einer Laufzeit von drei Jahren 9904 Euro und 51 Cent. Was für ein hässlicher, unrunder Betrag. Beim Vertragshändler, zu 1,99 Prozent abgestottert, kämen
10225 Euro heraus. Höher, jedoch schon besser für Zahlenfreund Lämpel. Völlig aus dem Häuschen gerät er, als er beim Suzuki-Händler ein Vorführmodell für 8500 Euro entdeckt. Das kann er ebenfalls zu 1,99 Prozent abzahlen, und dabei kommt eine Zahl heraus, die Lämpel hypnotisiert – 8888 Euro. So schön rund, und wo doch sein Sohn Cornelius am 8. August 1988 seinen ersten Schultag hatte.

Kauf: Serie Motorradkauf Folge 5 - Käufertypen (Archivversion) - Typ Sparschweinschlachter

Solide, komfortabel, mit möglichst breitem Einsatzbereich und so günstig, wie es geht. Schlosser Bodo Blech hatte das Anforderungsprofil für seine neue Alte klar umrissen. Und stieß in MOTORRAD 23/2002 auf die Yamaha
FJ 1200: »Als sportliches Big Bike kam sie auf die Welt, als unermüdliche Reisebegleiterin erfreut sie ihre Besitzer«, stand in der Gebrauchtberatung, und Leser Herbert Wanka wurde folgendermaßen zitiert: »Auch fürs Semmeln holen am Samstagmorgen
optimal geeignet – das Motorrad des Jahrhunderts.« Und bald, dachte sich Blech, mein Motorrad. Wobei sich ihm ein leiser Zweifel aufdrängte: Sollte das Motorrad des Jahrhunderts für unter 2000 Euro zu haben sein? Mehr spuckte sein Schwein nicht aus. Musste es auch nicht. Im Netz stellte Blech fest, dass es genügend FJ-Modelle unter seinem Limit gab.
Die hatten zwar meist massenhaft Kilometer auf der Uhr, doch der Motor gilt ja als unverwüstlich. Und falls die eine oder andere Reparatur fällig sein sollte, schreckte Blech das nicht ab. Schrauben gehört für ihn zum Bike. Was Blech noch feststellte: Die 1100er ist eigentlich nicht günstiger zu haben als die 1200er, die er mit Glück sogar als Version mit ABS ergattern könnte. Damals rund 1000 Euro teurer, starten die Preise für ABS-Modelle heute nur knapp über Blechs Etat, 2100 Euro. Dafür würde Blech auf 50 Bier verzichten. Nicht aber darauf, das Motorrad
persönlich in Augenschein zu nehmen. Was heißen kann, dass Blech erstens längere Wege in Kauf nehmen muss und nicht allzu lange zaudern sollte. Denn die FJ ist sehr gefragt. Also greift Blech zum Telefon, vereinbart sofort einen Termin. Das Motorrad sieht gut aus, keine echten Macken dran, und nach einer Probefahrt ist Blech klar: Die muss ich haben. Verhandlungsspielraum Fehlanzeige: »Ich habe die Maschine schon zu einem günstigen Preis inseriert, um die Leute nicht mit überzogenen Forderungen abzuschrecken, drunter gehe ich nicht.«
Der Schlosser weiß, dass die FJ das Geld wert ist, zumal er Topcase, Koffer und Tourenscheibe dazubekommt. Die Schlachtung des nächsten Sparschweins wird er in Stahlflex-Bremsleitungen investieren und in stärkere Kupplungsfedern der XJR 1300. Andererseits: Hätte er aufs ABS verzichtet, wäre er schon für 1200 Euro an eine FJ 1200 gekommen. Neunhundert Euro, in Blechs Stammkneipe entspricht das dem Gegenwert von 450 Bier.

Kauf: Serie Motorradkauf Folge 5 - Käufertypen (Archivversion) - Typ Bafög-Amt

Stefan Stütze studiert Kunstgeschichte und Philosophie, ihm kommt’s auf Formen und aufs Wesentliche an. Auch beim Motorrad. Klar, doch auf seinem Konto kommt nur an, was das Bafög-Amt ihm bewilligt und was er in
der Szenekneipe verdient. Nicht viel, eine Neumaschine scheidet für Stütze aus. Die Auswahl an Gebrauchten schränkt er selbst ein: exklusiv zum kleinen Preis, Zuverlässigkeit ohne Langeweile, Stil ohne Einschränkung des Nutzwerts. Sein Favorit: Honda
NT 650 Hawk. Gab’s nur als Grauimport, das weiß er, weiß
ebenso, dass die Hawk nur zwei Jahre gebaut wurde, 1988, 1989. Mittlerweile, so vermutet er, sollte sie zum bezahlbaren Klassiker avanciert sein.
Nach seiner Recherche muss Philosoph Stütze erkennen, als wie trügerisch Hypothesen sich erweisen können. In Anzeigenblättern wie »Sperrmüll« oder »Such und Find« – nichts. Bei Verkaufsplattformen im Internet, die keine spezifische Typangabe zulassen, fällt die Hawk durchs Raster, wäre allenfalls als Zufallstreffer unter NTV 650 oder NT 650 Deauville zu finden. War aber nicht. Direkten Zugriff auf das Modell bot nur mobile.de: drei
Angebote. Von denen lagen zwei im Budgetrahmen von Stütze – maximal 2000 Euro. Beides Unfallmaschinen. Die einzige Hawk im »guten Zustand« sprengte den Preisrahmen um knapp 700 Euro. Dennoch ruft Stütze beim Händler an und erfährt, dass sich über den Preis reden lasse. Und zwar richtig, 2250 Euro. Immer noch über seinem Limit, bedeutet zwei Sonderschichten in der Kneipe und einen schnellen Entschluss. Sonst schnappt sich
ein anderer die Hawk, und die Chancen, so bald auf ein anderes Exemplar zu treffen, stehen schlecht. Weil die 650er tatsächlich als junger Klassiker sehr gesucht ist. Hinzu kommt: Zwar sind
Ersatzteile für die Hawk problemlos zu bekommen, sogar direkt von Honda, aber nicht eben kostengünstig. Und die Hawk-Fahrer, die sich durchringen, sich von ihrem Motorrad zu trennen, verkaufen nicht an jeden. Zitat: »Ich glaube, ich stecke die Kleine
lieber in Brand, als sie einem Schwätzer zu überlassen.«
Das ist nicht die Welt von Stütze. Eine Alternative
findet sich schnell: Honda XBR 500. Ebenfalls nicht hässlich, ebenfalls kein Massenmodell und obendrein leichter und güns-
tiger aufzuspüren. Die Preisspanne für die XBR beginnt bei unter 1000 Euro und endet dort, wo die der Hawk erst anfängt. Stütze entscheidet sich fürs glückliche Single-Dasein.

Kauf: Serie Motorradkauf Folge 5 - Käufertypen (Archivversion)

Wer ein hohes Maß an Exklusivität und Kundenservice möchte, muss dafür bezahlen. Zum Beispiel knapp 20000 Euro für die MV Agusta F4 1000 S. Die ist momentan so exklusiv, dass noch keiner eine hat. Vor dem Standardmodell versucht der
Hersteller die Sondermodelle abzusetzen

Kauf: Serie Motorradkauf Folge 5 - Käufertypen (Archivversion)

Wer beim Motorradkauf genau rechnen will, sollte stets alle Kosten einkalkulieren. Dazu gehören beispielsweise auch lange
Anfahrtswege. Richtig teuer werden kann ein Schnäppchen, wenn es um termingerechten Service geht. Denn ein Motorrad, das nicht fährt, ist gar nichts wert

Kauf: Serie Motorradkauf Folge 5 - Käufertypen (Archivversion)

Wer viel Motorrad für wenig Geld sucht, sollte sich an Maschinen halten, von denen bekannt ist, dass sie problemlos auch hohe Laufleistungen wegstecken. Empfehlenswert: japanische Big Bikes aus den späten Achtzigern, etwa Yamaha FJ 1200, Suzuki GSX-R 1100 oder Honda CBR 1000 F

Kauf: Serie Motorradkauf Folge 5 - Käufertypen (Archivversion)

Wer Exklusivität sucht, muss sich auch
bei Gebrauchtmaschinen auf relativ hohe Preise gefasst machen, wie das Beispiel Honda NT 650 Hawk zeigt. Die Nachfrage ist so gut, dass die Verkäufer sich ungern im Preis drücken lassen. Eine Veränderung der Marktlage ist nicht zu erwarten

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote