Serie "Professor Spiegels Fahrtipps" (Teil 6) (Archivversion) Wenn alles fließt ...

Teil 6: Er erscheint in keinem Polizeibericht als Unfallursache. Und doch ist er oft genug die entscheidende Hintergrundursache: der Flow.

Wenn nach ein paar Ausfahrten und nach dem Frühjahrs-Training, so wie in den vorangegangenen Folgen beschrieben, das fahrerische Niveau vom vergangenen Jahr wieder erreicht ist, droht unvermittelt eine neue Gefahr: Plötzlich überkommt einen beim Fahren das Gefühl, „unheimlich gut drauf zu sein““ – wahrscheinlich hat man in dem Augenblick einen sprunghaften Fortschritt im Einswerden mit der Maschine verspürt, was ja ein erstrebenswertes Ziel ist.

Dieses an sich wunderschöne Gefühl, gut drauf zu sein, das sich aber hier durch die Plötzlichkeit verrät, mit der es uns überströmt, ist die Anfangsphase eines Phänomens ganz besonderer Art: Es ist der sogenannte Flow, der sich da ankündigt und der ebenso nützlich und hilfreich sein wie auch gefährlich werden kann. Der Flow zeichnet sich aus durch ein erhöhtes, oft geradezu wunsch- loses Wohlbefinden, das bis hin zu einem tiefen Glücksgefühl reichen kann. Dabei werden alle nicht beteiligten Umfeldgegebenheiten weitgehend ausgeblendet, was sich in einer zunehmenden Selbstvergessenheit und Selbstversunkenheit äußert. Doch dieses Ausblenden bedeutet auch, dass Warnsignale oder Bedrohungen ebenso wie Befürchtungen und Risikoabschätzungen – oder auch Erinnerungen an frühere Gefahren – zunehmend an den Rand des Bewusstseins gedrängt und damit immer unwirksamer werden.

Freilich muss es nach der genannten Anfangsphase – dem Erlebnis, besonders gut drauf zu sein – nicht zwingend zum voll entfalteten Flow kommen. Dazu müssen noch zwei weitere Bedingungen erfüllt sein: Die Tätigkeit muss einwandfrei beherrscht werden, und die erforderlichen Fähigkeiten des Ausübenden müssen ausreichend – und zwar ständig – in Anspruch genommen werden. Zu hoch darf die Beanspruchung aber nicht sein, weil die Tätigkeit dann ja nicht mehr einwandfrei beherrscht wird. Bei geringer Beanspruchung dagegen wird sich der Ausübende bei entsprechender Leistungsbereitschaft von einem bestimmten Punkt an unterfordert fühlen, was den Flow stoppt. Nicht nur die Fähigkeiten, sondern auch die Leistungsbereitschaft müssen genügend in Anspruch genommen werden.

Zum Flow kann es bei den verschiedenartigsten Tätigkeiten kommen, die sich über einen genügend langen Zeitraum erstrecken; so zum Beispiel beim Jogging, beim Bergsteigen, beim Dolmetschen, beim Langstreckenschwimmen, beim Schachspielen, beim Skilanglaufen, beim Texte schreiben und anderen kreativen Tätigkeiten. Und eben beim Motorradfahren (und zwar nicht nur bei Langstreckenrennen!). Die Aufzählung, die sich leicht fortsetzen ließe, zeigt, ebenso wie die Berichte der Betroffenen darüber, dass gewisse schwierige und lang anhaltende Tätigkeiten durch einen entsprechenden Flow enorm unterstützt, ja überhaupt erst möglich werden.

Die Beschreibungen des beglückenden Flow-Zustands handeln meist vom Fließen, vom Schweben, vom Abgehobensein vom Alltag. Und so kann man hören: „Ich wurde wie von einer Welle getragen“, „ich glitt dahin wie im Traum“, „ich war wie betrunken vor Glück“, „ich mochte gar nicht mehr aufhören“, „ich habe alles um mich herum vergessen“, „es gab keine Gefahren, keine Anstrengung und keine Müdigkeit mehr, nur noch mühelose Leichtigkeit“. Oder auch ganz konkret: „Ich fuhr auf einmal wie ein junger Gott“, „ich fuhr, als säße ich bei mir selbst hinten- drauf“ und was sonst solche Redensarten sind, die das Exzeptionelle dieser Erfahrung kennzeichnen sollen.

Solche Aussagen lassen sichtbar werden, warum der Flow selbst schwere Dauerbelastungen erträglich gestalten kann. Es ist die Begrenzung auf einen winzigen Ausschnitt der Welt, der für den Betreffenden seine ganze Welt ist. Sie überblickt, durchschaut und beherrscht er, sie ist ihm vollständig untertan, Besorgnisse und Gefahren bleiben ebenso außerhalb wie übergeordnete Ziele oder Nutzenerwägungen. So ist es kein Wunder, dass der Flow bei vielen Spitzenleistungen, nicht etwa nur im Sport, eine gewichtige Rolle spielt. Er ist stets ein Hinweis darauf, dass der Handlungsvollzug weitgehend optimiert abläuft, wobei es sich allerdings um den geregelten Flow handelt, um den kontrollierten, den beherrschten Flow. Das muss unterschieden werden:

Die oben aufgeführten euphorischen Äußerungen verdeutlichen nämlich, wie zweischneidig dieses Schwert gerade bei einer Risikosportart wie dem Motorradfahren sein kann. Der Flow kann eben auch, gerade wenn er einem Fahrer zum ersten Mal begegnet, zu einer immer weiter fortschreitenden Enthemmung führen – mit katastrophalen Folgen.

Das ist dann der ungeregelte Flow, der sich selbst potenziert und schon bald nicht mehr einfangen lässt. Denn das extreme Wohlbefinden, das der Fahrer verspürt, signalisiert ihm, dass er sich auf einem guten Wege befindet, und ruft zugleich nach weiterer Verstärkung. Der Bewusstseinsfokus wird immer enger, und dadurch werden alle warnenden Stimmen nach und nach ausgeblendet. Entsprechend wächst die Risikobereitschaft gefährlich an, und jedes erfolgreich bestandene Risiko vermittelt einen erneuten „Kick“; schließlich werden Pausen für überflüssig gehalten, stellen sie doch nur die Unterbrechung eines wunderbaren Zustands dar. Es hilft nur eines: sich mit den Flow-Symptomen, die hier ausführlich geschildert worden sind, vertraut machen! Sobald man Flow-Symptome erkennt – was ja nicht einmal unwillkommen zu sein braucht! –, sofort die Kritikbereitschaft erhöhen und den Flow ständig im Auge behalten, damit er nicht „durchgeht“ und vom geregelten zum unkontrollierten Flow wird! Folge 7 in MOTORRAD 13/2008: Zu guter Letzt

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel