Sportaktivitäten von BMW Unglaubliche Wandlung

Es ist kein Geheimnis, dass BMW seit einigen Jahren immer sportlichere Motorräder baut. Mittlerweile zeichnet sich ab, dass die Bayern auf diesem Weg noch viel weiter gehen werden, als viele für möglich hielten.

Foto: Jahn
BMW Motorrad baut Supersportler? Was für ein Gedanke. Vor fünf Jahren noch wäre eine solche Aussage von BMW-Verantwortlichen mit flammender Empörung zurückgewiesen worden. Wer gelegentlich mit ihnen plaudern konnte, musste den Eindruck gewinnen, Motoren mit fünfstelliger Nenndrehzahl und mehr als 100 PS kämen an Verderbtheit den Sitten in Sodom und Gomorrha gleich. Der Schreiber dieser Zeilen kann sich an einen selbstkritischen BMW-Mann erinnern, welcher die 138 PS der fast 280 Kilogramm schweren K 1200 RS für eine Art Sündenfall zu halten schien.
Wenn es tatsächlich einer war, so hat er viel positive Energie freigesetzt. Allenthalben drängen die Bayern in Richtung Sport und entwickeln mit Hochdruck die entsprechenden Motorräder. Was am Rande wohl mit einer weniger altjüngferlichen Lebenseinstellung der heute am Ruder befindlichen Manager zu tun hat, haupt-sächlich jedoch einem naheliegenden ökonomischen Kalkül folgt. Denn mit einer zahlungskräftigen Stammkundschaft mittleren Alters und von bewahrender Sinnesart hat BMW an Verkaufserfolgen erzielt, was man erzielen kann. Substanzielles weiteres Wachstum dürfte nur durch die
Erschließung neuer Kundenkreise entstehen – bei gleichzeitiger sorgsamer Pflege der bestehenden. Motorräder wie die R 1200 R dienen diesem Ziel. Das andere verfolgen Motorräder wie der sensationelle Prototyp einer Wettbewerbsenduro, der zum Auftakt der Enduro-DM an den Start gebracht wurde, oder die jüngst präsentierten G 650-Modelle. Sie zeigen mit einer fetzigen Supermoto und einer knackigen Enduro sogar in einer Modellreihe, dass BMW die Begriffe »Sport« und »sportlich« umfassend versteht: als Sport auf der Straße und im Gelände.

BMW-Zukunft:
Straßenrennsport auf allen Pisten Die Modelloffensive des Münchner Herstellers in den vergangenen Jahren hat enorme Entwicklungskapazitäten gebunden, die sich nicht kurzfristig und beliebig erweitern lassen. Diesem Umstand verdankt das italienische Ingenieurbüro Oral Engineering einen reizvollen Auftrag: Konstruktion und Bau eines extrem starken Technologieträgers. Er geisterte unter der Bezeichnung »MotoGP-Prototyp« durch die Nachrichten und wurde wegen seiner ausladenden Maße sowie seiner angeblich problematischen Leistungscharakteristik mit reichlich Spott bedacht. Lediglich wenige glaubten ohne Vorbehalt der mit dem ersten Foto veröffentlichten Erklärung von BMW. Sie besagte, es handle sich um ein Versuchslabor zur Erprobung elektronischer Fahrhilfen wie Antriebsschlupfregelung oder kurventaugliches ABS.
Und tatsächlich verfolgte BMW mit dem Projekt wohl kein so breit angelegtes Erkenntnisinteresse, wie diese Erklärung nahelegte. Nach dem Motto: Wir testen hier, was wir später in unsere Tourer einbauen. Es war jedoch auch nicht so eng auf ein MotoGP-Motorrad fokussiert, wie viele dachten. Als Hersteller mit einem soliden Entwicklungsbudget sollte man unkonventionelle Technik ausprobieren, wenn man bei null beginnt, einen Supersportler zu entwickeln. Die Orientierung an bestehenden Vorbildern allein erbringt jedenfalls kein zukunftsweisendes Konzept.
Deshalb wurden und werden parallel zur Oral-Engineering-Konstruktion andere Prototypen mit unterschiedlichsten Fahrwerkskonstruktionen getestet. Es gab Hinweise auf eine modifizierte Suzuki GSX-R 1000 mit Telelever-Vorderradführung ebenso wie auf einzelne K 1200 S, die statt
des von der Hossack-Gabel abgeleiteten Duolever eine konventionelle Telegabel besaßen. Offenbar untersuchen die Inge-nieure mit großer Sorgfalt, ob die Kritik berechtigt ist, dass Tele- und Duolever im Grenzbereich das Gefühl fürs Vorderrad vermissen lassen. Noch vor wenigen Wochen fuhr BMW ausführliche Fahrwerkstests mit diversen Ausbaustufen der R 1200 S, darunter auch Motorräder mit Telegabel. Ziel war es, die Konfiguration für den Einsatz in der Langstrecken-WM zu bestimmen. Richtig gelesen. BMW wird in der eben begonnenen Saison sechs Langstreckenrennen mit einem modifizierten Boxer bestreiten. Selbstverständlich nicht mit dem Anspruch, Podestplätze einzufahren, sondern eher in der Position des sympathischen Underdogs, der gleichwohl nicht unterschätzt werden sollte. Der erste Einsatz wird wahrscheinlich beim Sechs-Stunden-Rennen in Albacete am 5. Mai sein. Wie aus zuverlässigen Quellen verlautet, fiel die Wahl schließlich auf ein seriennahes Fahrwerk. Dennoch startet der Endurance-Boxer in der Prototypen-Klasse. Was auf heftige Motor-Modifikationen schließen lässt oder auf die Option, nötigenfalls weitere Evolutionsstufen einzusetzen. Oder beides.
Vor allem in Frankreich werden die Langstreckenrennen dazu beitragen, BMW als sportlichen Hersteller zu profilieren; bei der Entwicklung der nächsten Boxer-Generation helfen sie sowieso. Ebenso wie der Einsatz einer R 1200 S bei den 1000 Kilometern von Hockenheim am Ostersamstag, 7. April. Der wichtigste Effekt wird jedoch darin bestehen, die Straßenrennkompetenz der Bayern zu stärken für den Einstieg in die Superbike-WM im Jahr 2009. Denn die beschriebenen Aktivitäten werden auf den Bau eines Supersportlers mit 1000er-Vierzylinder hinauslaufen, kombiniert mit Rennsport auf höchstem seriennahem Niveau. Dafür gibt es verlässliche Hinweise aus verschiedenen Quellen.

Offroadsport und Wachstum:
KTM als Vorbild wer verstehen will, was BMW mit dem Vorstoß in das Segment der Wettbewerbsenduros beabsichtigt, muss nach Österreich und Nordamerika schauen. Beim BMW-Nachbarn KTM wird gebaut, was sich jenseits des Atlantiks erfolgreich verkaufen lässt: Geländemotorräder aller Art. Im vergangenen Jahr produzierte die Marke in Orange knapp über 80000 Motorräder, davon 59 Prozent Offroader. Von diesen wurden 30 Prozent in den USA abgesetzt.
Durch konsequente Stärkung der Offroad-Kompetenz über viele Jahre hinweg hat sich KTM in Sachen Stückzahlen an BMW herangearbeitet, auch wenn die Umsätze der Österreicher bedingt durch einen hohen Anteil an preisgünstigen Motorrädern deutlich unter denen der Bayern liegen. Was sich bald ändern könnte. Denn KTM ist dabei, den Markt der Straßenmotorräder zu erschließen. BMW erkennt das Potenzial im Kerngeschäft von KTM und geht genau den umgekehrten Weg. Nur am Rande sei hier bemerkt, dass auch Buell noch im Sommer 2007 eine 450er-Sportenduro vorstellen wird.
Im Zusammenhang mit den Geländesportaktivitäten stehen Gerüchte, dass BMW von MV Agusta-Boss Claudio Castiglioni den Husqvarna-Zweig seines Firmenverbunds kaufen wolle. Trotz harscher Dementis erhalten sie momentan ständig neue Nahrung. Anfang März soll eine BMW-Delegation Gespräche darüber geführt haben, wer von den MV-Mitarbeitern zum neuen Husqvarna-Eigner wechseln wird. Ob die Übernahme neben den Mitarbeitern, den Produktionsstätten sowie den bestehenden und in Entwicklung befindlichen Motorrädern auch noch die Markenrechte umfassen wird, bleibt fraglich. Denn die Rechte gehören der Husqvarna Aktiebolag in Stockholm; Claudio Castiglioni darf sie lediglich im Rahmen einer Lizenzvereinbarung und gegen Zahlung von Tantiemen nutzen. Zur Frage, ob BMW und die Husqvarna AB in Verhandlungen stünden, verweigerten Sprecher beider Firmen jeglichen Kommentar. Was in der Regel bedeutet, dass sie wirklich verhandeln.
Doch egal, ob unter der Flagge von Husqvarna oder BMW, ganz gleich, ob nur die Immobilie in Oberitalien benötigt wird, um nach dem Auslaufen des Kooperationsvertrags mit Aprilia dort die G-Modelle zu fertigen, oder ob viel mehr dahintersteckt – die 450er-Sportenduro sowie die G 650 Xchallenge sind nur die Spitze des Eisbergs. So wird für die Xchallenge bereits ein Rennkit angeboten und unter interessierten Hobby-Enduristen ein Sponsoring-Paket verlost. Als »Botschafter« für das Engagement im Breitensport hat BMW den ehemaligen Cross-Profi Bernd Eckenbach verpflichtet. Schauen wir mal, für welche anderen Projekte der Herr Botschafter noch diplomatisch tätig wird.

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