Sportreport: Jonas Folger und Ken Roczen – mit 15 in der Weltspitze (Archivversion) Die Zwei

Gerade mal dem Stimmbruch entkommen, bringen die beiden Teenager Jonas Folger und Ken Roczen den inter- nationalen Motorrad-Rennsport auf und neben der Straße kräftig durcheinander und haben beste Aussichten, ganz nach vorn zu kommen.

Ein 15-jähriger Jungspund mit der Startnummer 94 fährt aus den Tiefen des 19. Startplatzes in die Weltelite und steht am Ende als Zweitplatzierter zum ersten Mal in seinem Leben auf dem Siegerpodest eines Motorrad-WM-Rennens. Kaum zu glauben, aber das durften deutsche Motorsportfans am 17. Mai 2009 gleich doppelt erleben.

Kurz vor zwölf Uhr mittags pfeilte das bayerische Straßen-Grand-Prix-Wunderkind Jonas Folger in Le Mans beim französischen 125er-GP als Zweiter hinter dem Spanier Julian Simon ins Ziel, nachdem er zuvor die vermeintliche deutsche GP-Nummer eins, Stefan Bradl, kaltblütig überholt und dann mit seinem hohen Tempo in einen Sturz getrieben hatte.
Am selben Nachmittag fast das gleiche Bild im katalanischen Bellpuig: Weil Ken Roczen erst am 29. April 15 Jahre alt ge-worden ist und damit erst ab diesem Zeitpunkt auf WM-Niveau startberechtigt war, musste der Thüringer die ersten vier Mo-tocross-GP seiner MX2-Klasse – 250er- Viertakter – auslassen und fuhr in Bellpuig sein zweites WM-Motocross überhaupt. Dies hinderte ihn jedoch nicht daran, vom 19. Startplatz gegen durchweg erfahrenere Konkurrenten ebenfalls bis auf den Podest-rang zwei nach vorn zu fliegen.

Grund genug, die Magie der gemeinsamen Startnummer 94 – für den 1994 geborenen Roczen logischer Talisman, bei Folger eher Zufall – zu beleuchten und die jugendlichen Angreifer dahinter etwas genauer in Augenschein zu nehmen.

Obwohl fast ein dreiviertel Jahr jünger und als Crosser grundsätzlich in der Öffentlichkeitswirkung etwas gehandikapt, wusste die Motorsportszene in Deutschland mit Ken Roczen bislang mehr anzufangen als mit dem in Spaniens Nachwuchsserien aktiven und daher hierzulande fast unsichtbaren Jonas Folger.

Der kleine Ken war sportlich gesehen seiner Zeit schon immer etwas voraus. Er machte es sich von kindlichen Anfängen an zum Markenzeichen, die jeweils nächst höhere Altersklasse zu düpieren. Mit den Deutschen Jugend-Meistertiteln 2004 und 2005, der Junioren-Weltmeisterschaft 2007 und dem Gesamtsieg im ADAC-Youngster-Cup, einer international ausgeschriebenen Serie in Deutschland für Fahrer bis 21 Jahre, besitzt er für einen 15-Jährigen eine höchst eindrucksvolle Titelsammlung.

Und so zeigte sich der Jung-Star selbst auch am wenigsten überrascht über den steilen Einstieg in die WM. Außerdem hat sich Ken Roczen, der nach dem für einen Jugendlichen überaus abgezockten Motto „ich habe Spaß am Fahren, aber ich fahre nicht zum Spaß“ antritt, inzwischen ein beispielhaftes motorsportliches Umfeld geschaffen. Bereits seit Jahren unter den Fittichen von Bert Poensgen, bis Ende 2008 Direktor beim deutschen Suzuki-Importeur und seit Jahrzehnten eine Macht im deutschen Motorradrennsport, kam Roczen gleich in seinem ersten WM-Jahr in den Genuss des Status als Suzuki-Werksfahrer im speziell auf ihn zugeschnittenen Teka-Suzuki-Team von Thomas Ramsbacher, der sehr beeindruckt von seinem neuen Junior-Helden ist. „Natürlich bemühen wir uns, für Ken optimale Voraussetzungen zu schaffen“, erklärt Ramsbacher, „aber unser Kleiner fordert und treibt uns auch ganz gewaltig an.“
Erstaunlich determiniert geht der 15-Jährige an ein Rennwochenende wie auch an seine gesamte Karriere heran. In den letzten Monaten nennenswert an Körpergröße gewachsen, erklärt Kenny, dass er erst in dieser Wintersaison mit ernsthaftem Aufbautraining begonnen hat. „Weil ich noch nicht ausgewachsen bin, wollte ich nicht zu früh beginnen. Inzwischen arbeite ich genau nach dem Plan, den das Red-Bull-Trainingszentrum für mich ausgearbeitet hat. Dieses System passt exakt zu meinen körperlichen Bedingungen und funktioniert hervorragend. Ich hatte bei meinen beiden ersten Cross-GP in Portugal und Spanien keinerlei Konditionsprobleme.“

Ebenfalls in Diensten des Brause-Gigan-ten steht Jonas Folger, der jedoch zugesteht, dass sein erster Besuch im Trainings-zentrum im österreichischen Thalgau noch aussteht. Wirkt Folger auf dem Motorrad ähnlich wie Roczen – hoch talentiert, zu allem entschlossen und in früher Jugend bereits extrem durchsetzungsfähig –, unterscheidet sich seine grundsätzliche Herangehensweise an die Arbeit als Rennfahrer doch etwas. Folgers Teamchef Fiorenzano Caponera überrascht mit seiner Einschätzung: „Jonas kann zwar noch nicht sehr exakte Angaben zur Abstimmungsarbeit am Motorrad machen. Aber er ist umso stärker darin, das Maximum aus der Maschine herauszuholen, wie wir sie ihm zur Verfügung stellen.“

Dies durfte die gesamte 125er-GP-Fahrerelite bereits miterleben, als der junge Herr Folger in Jerez vom 35. Startplatz auf Rang zwei nach vorn gedonnert war, es dann leider etwas übertrieben hatte und zu Boden musste. Den erfolgreichen Abschluss dieser Arbeit lieferte er genau zwei Wochen später in Le Mans nach, als er, auf Rang 19 etwas weiter vorn gestartet, den zweiten Platz bis ins Ziel bringen konnte.
Die gegenüber Ken Roczen noch deutlicher spürbare jugendliche Unbekümmertheit des Jonas Folger mag auch daher rühren, dass er zwar bereits als 13- und 14-Jähriger schon sehr häufig allein zwischen seiner oberbayerischen Heimat und spanischen Rennstrecken hin und her pendelte und dabei Vielfliegermeriten verdiente, anders als Roczen aber erst jetzt so richtig aus dem vor größerem Öffentlichkeitsinteresse geschützten Gehege der Nachwuchs-Rennklassen herausgetreten ist.
Dafür könnte es allerdings, weitere Erfolge der beiden vorausgesetzt, vor allem bei Jonas Folger nicht mehr lange dauern, bis seine zurückhaltende Fröh-lichkeit im Angesicht flutwellenartig wachsender Fanmassen auf eine harte Probe gestellt wird. Möglicherweise schon beim deutschen Straßen-GP auf dem Sachsenring Mitte Juli.

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