Standpunkt von Rolf Henniges und Stefan Kaschel

Schuld war die Lötlampe. Wenn mein Opa mit ihr um die Ecke bog, begann mein Herz zu rasen. Ich war unschuldige vier Jahre alt, ließ jedes Mal alles fallen und rannte ihm entgegen. Dann kauerten wir unter seinem alten Lanz Bulldog und starrten gebannt auf die Flamme, mit der er den Glühkopf des Fünf-Liter-Einzylinders erhitzte. Fasziniert registrierte ich anschließend die mächtigen Rauchringe, die der Traktor in mitzählbaren Abständen in den Horizont stieß. Der Beifahrersitz war stahlhart, ich krampfte mich fest, und mein Herz pochte, wenn der Lanz uns mit jedem Kolbenhub urgewaltig vorwärts katapultierte. Ein prägender Eindruck von Kraft.
Einer, der tief im Unterbewusstsein verankert ist. Und mit einer unvergesslichen akustischen Impression einhergeht. Gibt
es einen schöneren Klang als das dumpfe Grollen einer 916er-Duc mit offenen Termignonis? Oder das satte Echo, das von
den Bergen widerhallt, und der damit verbundene Vulkanausbruch der Yamaha Road Star Warrior? Sagenhafte 144 Nm drückt
der 48-Grad-V2 bei lächerlichen 3700/min. Drehmonumentale Leidenschaft in Reinkultur. Ein mit schnöden Zahlen kaum
erklärbares Gewaltepos. Selbst Tarantino, die Coen-Brüder
oder Lynch könnten den majestätischen Bums von unten nicht
atemberaubender, magischer und verherrlichender inszenieren. Eine 297-Kilogramm-Rakete, eine Handfläche Gummi als Abschussbasis kolossaler Gewalt.
Was bleibt dem bedauernswerten 200er-Schlappen anderes übrig, als sein Autogramm mit breitem schwarzem Strich auf den Teer zu kritzeln?
Gern genommen bei Ampelstarts. Sachte das Gasseil spannen, entschlossen einkuppeln. Die knapp 22 Kilogramm schwere Kurbelwelle kreist lediglich 2000-mal in ihrer Umlaufbahn und drückt dabei ungeheuerliche 130 Nm. Stets aufs Neue begeisternd beim Hinaustorpedieren aus Kehren. Jeder Kolbenhub ein Paukenschlag. Jede Bewegung des Pleuels ein Stückchen Weg Richtung Wohlbefinden. Jeder Dreh der Schwungmasse eine herzhafte Massage. Lebendige, pulsierende Bewegungen, Gelassenheit ausstrahlend. Unendlich weit entfernt vom hektischen Generve der Drehzahljünger, welche die ersten 100 Meter nur mit schleifender Kupplung bewältigen. Berechtigte Frage also: Warum eigentlich hoch drehen, wenn’s auch anders geht? Wenn die Kraft aus dem Keller kommt, statt sich nach einem mühsamen Aufstieg erst in den höchsten Etagen eines Wolkenkratzers zu entwicklen? Kommt bitte nicht mit irgendwelchen Zahlen, Leistungs- oder Drehmomentkurven, Beschleunigungs- und Durchzugsvergleichen. Motorrad fahren
ist Gefühlssache. Regiert von Sinnen und ist viel mehr als PS-Hype und Durchzugswettrüsten. Motorrad fahren ist wie Musik, die in die Hüften geht. Leidenschaftlich. Instinktiv.
Ein fantastischer Tag misst sich nicht an Grad Schräglage oder km/h Geschwindigkeit, sondern einzig und allein daran,
wie diese erlebt werden. Die beruhigende, satte Ouvertüre
eines imposanten Klanginstruments wie es die Warrior darstellt, gegenüber dem aufgeregten Kreischen fitzeliger Vierzylinder-
Mechanik. Ein Glaubensbekenntnis, mit fester Stimme gesprochen, gegenüber dem Seidenfaden-Stimmchen eines Knabenchors. Die Bikes, die wir rein emotional auf den Drehmomentthron heben, verstrahlen allesamt den Reiz des Animalischen. Sind weit entfernt von der maschinellen Aura einer mehrzylindrigen, stets nach wilder Heizerei hechelnden Fahrmaschine. Zum Stanzen von Bestzeiten, Zerschnipseln von Rundenrekorden.
Nein, Gefühle sind gefragt. In der Meteorologie gibt es einen Fachausdruck für die gefühlte Temperatur: der Chill-Faktor. Dies lässt sich auch aufs Motorradfahren übertragen. Geschwindigkeits- wie drehmomenttechnisch ist der Erlebniswert eines niedrig drehenden V-Twins ungleich höher als der vergleichbarer Vierzylinder. Er vermittelt Power ohne Speed. Und schützt damit vielleicht sogar den ein oder anderen vor Flensburger Punkten. Denn eine Road Star Warrior schiebt so dermaßen an, dass
man das Gefühl hat, der Erdrotation einen gigantischen Drall zu verpassen. Und vor allen Dingen: Sie gibt einem das unbezahlbare Gefühl, in ihr einen Freund und Bruder gefunden zu haben.
Effektiv und sinnlich. Power ohne Aggressivität, Kraft ohne
Beißzwang.
Wobei wir wieder beim Sound wären.
Mein Nachbar Bruno, der samstagnachmittäglich neben seinem Grill hockt und die
Hilfeschreie gemarterter 600er verflucht, empfindet das Stakkato aus der Warrior-
Auspuffkehle nahezu als Balsam für die Seele. Das Ohr fährt schließlich mit. Ganz nebenbei: Ich erinnere mich gut an unseren zwei-
taktenden, brüllenden Rasenmäher, den
mein Vater startete, als ich mit drei Jahren
daneben stand.
Und mich traumatisch erschreckte.

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