Steilwandfahrer (Archivversion) Immer an der Wand lang

Er ist einer der elegantesten Akrobatik-Fahrer überhaupt. Auf dem Oktoberfest brettert Jagath Perera in Deutschlands größtem Kessel. Den Rest des Jahres arbeitet er als Trucker. Denn »Pitt’s Todeswand« wird immer nur zur Wies’n aufgebaut.

Sie will nicht. Steht am Boden des Kessels auf einen Holzklotz gelehnt, unter ihr ein ordentlicher Ölfleck. Nach unzähligen Tritten erst rührt sich die olle Scout, spuckt, verschluckt sich, haut mit jeder Fehlzündung Flammen aus dem offenen, knochendünnen Rohr, das als Auspuff reichen darf. Dann poltert sie sich – widerwillig – im Leerlauf ein. Da wackelt die Wand. Und Jagath grinst. Er tappt auf die Kupplung, haut den ersten Gang rein und kreiselt in der schrägen Einfahrzone. Um dort Fahrt aufzunehmen, Tempo zu machen und sich in die Senkrechte, in die Wand
zu schrauben. Wo er mit jeder Runde lockerer wird, es mit immer größerer Begeisterung kesseln lässt. Steil schießt er hoch zum Rand, über die rote Begrenzungslinie hinaus, um die Indian haarscharf vor den Seilen mit einem abrupten Haken nach unten zu reißen. Gerade will er zum nächsten Manöver ansetzen, als
er plötzlich auf die Kupplung steigt, sich schnurstracks nach
unten orientiert. Wo die Maschine zum Stehen kommt, aber mit Vollgas weiter brüllt.
»Gas ist hängen geblieben«, ruft Jagath, als der Ofen aus ist. Sich sofort zum Kesselboden zu bewegen war das Beste, was er in dem Moment tun konnte. Die Alternative: »Du musst fahren, bis das Benzin alle oder du bewusstlos bist. Kommt drauf an, was
zuerst passiert.« Mit einigen Streifen Klebeband versucht er, den lädierten, hin und her geknickten Zug zu richten. Und mit einem Winkelschleifer macht er sich über die Reifen her. Deren Oberfläche war ausgehärtet, über die Zeit.

Seit dem vergangenen Oktoberfest hatte die fast
80 Jahre alte Indian Scout 101 zusammen mit dem restlichen Inventar – zwei weitere Indians, drei Einzylinder-BMW aus den Fünfzigern, zwei ebenso
alte, selbst gebaute Gokarts sowie die komplette Wand – in
einem Schuppen in der Hollertau gestanden. Nur noch zur Wies’n wird »Pitt’s Todeswand« auf mehrere Lkw verladen, nach München gekarrt und dort neben Geister- und Achterbahn unweit der
gigantomanen Trinkhallen der Münchner Brauereien aufgestellt.
Rund drei Tage dauert die Prozedur mit einem Kran und einem eingespielten Team von acht Helfern. »Kleinere Volksfeste lohnen sich nicht. Da ist der Aufwand einfach zu groß. Allein die Wies’n rechnet sich knapp«, sagt Martin Neier. Und er sagt auch: »Meine Liebe gehört dem Zirkus.« Mittlerweile verdient der Innsbrucker, der früher mit einem historischen Wanderkino übers Land zog, sein Geld als selbständiger Installateur. Um den Erhalt der Steilwand kümmert er sich zusammen mit seinem Kompagnon Alexander Burgkart seit ein paar Jahren. Alex, der als Rekommandeur vor dem Kessel die Wies’n-Besucher in selbigen treiben soll, hat eine einigermaßen klassische Rockerkarriere hinter sich, trägt Tätowierungen bis hoch zum Hals, tourt mit Tanzorchestern als Mann für Licht und Ton, manchmal aber auch mit Würstl-Bude. Außerdem schraubt er gern: »Das kenne ich von meinem alten
Enfield-Zweizylinder, der ist von 1958.«

Genau 30 Jahre mehr hat die Steilwand auf dem Buckel, die seit 1932 »Pitt’s Todeswand« heißt. Da hatte sie der Ex-Boxer Pitt Löffelhardt zusammen mit seinem Sportsfreund Ludwig Seeger gekauft, inklusive der Indians, die Jagath noch heute fährt. Mindestens genauso
gut wie die großen Stars aus der großen Zeit der Steilwand von
den Dreißigern bis in die Fünfziger. »Ist wie fahren in einer Waschmaschine«, sagt Jagath und lacht. »Ein geiles Gefühl.«
Jagath kam eigens nach Deutschland, um Steilwandfahrer
zu werden. In seiner Heimat Sri Lanka hatte er Schiffsmotoren gewartet, im Hafen von Colombo. Ein Kumpel aus der Hotelbranche wusste, dass er außerdem ganz ordentlich Motocross fuhr. Weswegen er Jagath ins Spiel brachte, als ein Gast ihm erzählte, dass er eine Steilwand betreibe, ihm allerdings ein Fahrer fehle. »Ich habe mit dem Mann gesprochen und gedacht, das ist okay, davon kann ich vielleicht leben, das mache ich.« Also packte er seinen Kram zusammen und kam nach Europa. Um sich überhaupt einmal in so einer Steilwand zu versuchen. »Gleich beim zweiten Turn bin ich von der Wand gefallen«, erzählt Jagath. Und lacht. Zeigt auf die Narbe an seiner Stirn, packt sich an die Nase und erklärt: »Die war gebrochen, jetzt ist sie innen drin ganz krumm.« Was ihn nicht davon abhielt, weiterzumachen. »Steilwandfahrer müssen ein bisschen hart sein, genau wie in anderen Motorradsportarten auch.« Acht Jahre lang reiste er von Rummel zu Rummel, wurde einer der besten, der trickreichsten Steilwand-Akrobaten. Kreist freihändig, schwingt die Beine über den Lenker, traut sich blind, rückwärts, auf einem Trittbrett neben der Maschine stehend und seitlich im Damensitz... Amando Nock, der auf einer der Einzylinder-BMW mit ihm die Show bestreitet, bewundert nicht nur, was Jagath alles tut, er ist auch begeistert davon, wie er es macht: »Er reißt die Leute mit, ist ein echter Entertainer. Alles bei ihm sieht so leicht aus, so elegant.«
Was es freilich nicht ist. Allein schon der Fliehkraft wegen. Bereits bei Tempo 40 wirkt in dem Zwölf-Meter-Kessel die vierfache Erdbeschleunigung, bei 60 fühlt sich der Körper an, als würde er mehr als fünf Mal so viel wiegen. »Da ist es schwer, wenn du keine Übung hast, dich noch zu bewegen. Manche Leute kriegen nicht mal mehr die Augen auf«, erklärt Jagath, nachdem er einen Moment vorher noch auf seiner Maschine umhergeturnt war, als sei das die leichteste Sache der Welt. »Es gibt einen Trick«, verrät er. »Wenn ich die Position wechseln will, schließe ich einen klitzekleinen Moment das Gas. Dann ist kurz der Druck weg vom Körper, ist die Kraft gebrochen, bist du leicht. Dann bewege ich mich und muss sofort wieder ans Gas. Sonst wird es zu langsam, und man fällt runter.« Zu langsam wären weniger als 38 km/h.
Unter dieser Geschwindigkeit reicht der Grip der angeschliffenen Reifen auf den abgefahrenen Brettern nicht mehr. Um das Tempo hoch zu halten, lässt sich der Gasgriff an der Indian – im vergangenen Jahr erst haben sie ihn von der linken auf die rechte Seite verlegt – fixieren. »Mit Gas links war nicht so gut.« Liegt daran, dass Jagath, anders als viele Steilwandartisten sonst, auch auf der Straße fährt. Yamaha XJR 1300. Das, meint er, sei übrigens viel gefährlicher als das Spektakel in der Vertikalen.
Ein Spektakel, das sich seit 80 Jahren kaum verändert hat, während drum herum kaum was geblieben ist, wie es war, die Fahrgeschäfte immer abgefahrener daherkommen, mit Salto, Looping, doppelten Schrauben, freiem Fall aus 50 Metern. »Und aufs Oktoberfest kommen eh die meisten wegen dem Bier, oder?« sagt Martin. Manchmal schauen allerdings noch ältere Herren vorbei, Enkel im Schlepp, und erkundigen sich, ob denn die Kitty noch fahre. »Die haben sie in der Wand gesehen, und die blieb ihnen natürlich im Gedächtnis.« Alexander rückt Brille und Kappe zurecht, zieht an der Selbstgedrehten und legt dann nach: »Ist doch klar. Lange rote Haare, Hosen und Motorrad. Die Jungs waren verrückt nach der.«

Nicht nur die Begeisterung für Kitty – Karl Valentin erwies ihr dereinst seine Honneurs – umweht heute ein Hauch von Nostalgie. Auch die Steilwand selbst gilt längst weniger als Sensation denn als Relikt, als ein Stück Volksfestromantik. Wobei genau das ihre Chance ist. Dass mit Bierfahne und Brathendlgeruch der Duft von Öl und verfeuertem Sprit sich mischt. Dass zwischen all den Hightech-Attraktionen das Antiquierte auffälliger wird.
Und anfälliger. Im Sommer erst haben Martin, Alexander und ihre Freunde die Wand auf einem Fußballfeld ausgebreitet, um sie mit 200 Kilogramm Farbe in den Originaltönen Rot und Weiß zu lackieren. Derweil pendelte Jagath zwischen Deutschland und Holland mit dem Lkw. Mit dem vollführt er keine Kunststücke, mit dem verdient er seinen Lebensunterhalt. www.pitts-todeswand.de

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