Straßengeschichten (Archivversion) Schnell vorbei

»Straßengeschichten« heißt eine neue Reihe, die in unregelmäßigen Abständen erscheint. Thema: was unterwegs so los ist, auf der Straße, im Kopf. Diesmal erzählt Mike Funke Ungeheuerliches.

Neulich, Freitag war’s, bin ich ins
Geschäft gefahren, kurz nach acht. Prima Laune hatte ich, klar, letzter Arbeitstag – dieser Woche, und endlich mal
wieder eine Testmaschine abbekommen. Ich also auf die B 14 Richtung Stuttgart. Die Ampel an der Auffahrt rot, natürlich. Auch in Ordnung, wird halt zackig hochgeschaltet. Mal gucken, wie das Ding so geht. Es ging. War kaum was los, nur ein Lkw vor mir. Ich also links rübergezogen, vorbei und links geblieben, weil die Straße hier ewig lang links die Biege macht.
Ich hatte es zwar nicht eilig, in die
Redaktion zu kommen, aber so wirklich rumgetrödelt habe ich nicht. Das war auch schlichtweg nicht möglich, so frei, wie
die Bahn gerade war. War im Vierten
schon kurz vorm roten Bereich. Bei dem Tempo musst du immer konzentriert, auf alles gefasst sein. Auf die Grünen, die
blitzen, sowieso.
Ich hock’ also drauf, geduckt, und merke, wie sich im rechten Spiegel was bewegt. Und dann war der auch schon an mir vorbei, so ein Daimler halt. Nicht dass ich mich erschrocken hätte, aber überrascht war ich schon. Und stinkesauer. Hast selber einen Affenzahn drauf und wirst dann mit 230 oder was weiß ich wie viel rechts überholt. Was sind das denn
für Manieren! Bei einer ähnlichen Aktion sind schon ganz andere Sachen passiert, als dass sich nur so ein alter Vadder wie ich drüber ärgert. Und es ist schließlich noch gar nicht so lange her, dass so einer verknackt und von seinem Arbeitgeber, einem schwäbisch-amerikanischen Global Player, gechasst wurde. Und zwar flott, des ramponierten Images wegen.
Kaum ist der Typ vorbei, checke ich noch die Nummer, irgendeine, die mir bekannt vorkam. Dann steigt er auch schon in die Eisen, will an der nächsten Ausfahrt raus. Das passt, dachte ich mir, und
plötzlich wusste ich auch, warum mir diese Nummer so bekannt vorkam. Just in der Ecke schwäbischer Provinz hockt ein
renommierter Tuner, der sich allerdings selbst gegen diese Bezeichnung gerne verwehrt. Verwehrt wurde ihm ob seiner Bedeutung freilich nicht, die Autos seines Fuhrparks stets unter demselben Buchstabenkürzel zuzulassen. Und zu wem
die gehört, das spricht sich herum.
Langsam habe ich mich abgeregt, da sah ich vor mir eine andere Karosse
desselben Fabrikats mit eben dieser Buchstabenkombination auf dem Kennzeichen. Die fuhr mit 120, und ich bin mit 140 nebendran gerollt, habe rechts rübergeguckt. Holla, den Fahrer kennst du
doch aus »auto motor und sport« und Fernsehen, das ist er tatsächlich, der Chef von dem Laden. Einfach mal hinterher, und wenn er anhält, dann schwätzt du ein paar Takte mit ihm. Darüber, dass er seinen Jungs klar machen soll, dass es nicht nur unhöflich ist, einen Motorradfahrer derart links liegen zu lassen. Wo kommen wir da denn hin? Mit Glück auf die Intensivsation.
Irgendwann hat er’s dann geblickt, hat was gemerkt. Da verfolgt mich einer. Als
er an einer roten Ampel halten musste, schob ich mein Visier hoch, gab ihm ein Zeichen: Scheibe runter! Scheibe runter. Da musste ich schon grinsen. »Guten
Morgen«, sagte ich, »wissen wir alle, dass
Ihre Autos gehen wie die Sau.« »Ja und, was ist?« kam retour. »Da hat mich gerade einer von Ihnen mit einem Affenzahn überholt, und zwar rechts. Sie sollten mit Ihrem Kollegen mal ein ernstes Wort reden.« Er: »Das war kein Kollege, das war vermutlich nur ein Mitarbeiter von uns.« Bin ich bisher nicht drauf gekommen, dass da ein großer Unterschied sein sollte zwischen Mitarbeiter und Kollege. Hat er aber auch nicht weiter erklärt, der Herr. Brauchte er auch nicht, man sah es ihm an: Ich bin der Boss. Auf Grün schaltete die Ampel, und weg war er. Sage noch einer, Motorradfahren erweitere nicht den Horizont. Mehr als
Lesen in der U-Bahn jedenfalls oder das Fahren schwäbischer Nobelkarossen.

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