Superbike: Mit dem Straßenmotorrad bei der IDM Mit dem Straßenmotorrad bei der IDM

"Mit eine serienmäßigen BMW S 1000 RR kann ich auf dem Salzburgring im IDM-Superbike-Feld mithalten", prophezeite Ex-Grand-Prix-Fahrer Jürgen Fuchs. Wir waren nicht misstrauisch, wollten es jedoch genau wissen. Den Beweis hatten wir in der Hand, wenn auch nur kurz.

Foto: fact

Des isch koi Seria-Modorrad, en dausnd kalte Wender ned." Der schwäbische Edel-Fan im Ducati-Shirt am IDM-Superbike-Start auf dem Salzburgring war sich sicher. Wir wissen es besser: Die BMW S 1000 RR, die der frühere 250er-Grand-Prix-Star Jürgen Fuchs mit Startnummer vier auf den 17. von 27 Startplätzen qualifiziert hat, ist tatsächlich völlig serienmäßig. Eben dies war seine und unsere Idee: In der IDM-Superbike-Klasse, die technisch den internationalen Superstock-1000-Regeln folgt, also weitgehend serienmäßige Motoren vorschreibt, wollte Fuchs auf einer Straßen-BMW mitfahren. "Auf dem Salzburgring sollte das vielleicht sogar bis in die Punkteränge reichen", legte er die Messlatte durchaus ehrgeizig.

MOTORRAD-Mitarbeiter Sven Loll hatte zu diesem Zweck die S 1000 RR mit dem Kennzeichen "M-YY 531" im BMW-Testfuhrpark in München ausgefasst, per Achse zum Salzburgring gefahren und am Donnerstagabend an Fuchs übergeben, samt seiner eigenen Dienste als Aushilfsmechaniker. Die waren durchaus gefragt, denn nun galt es, dem Straßensportler bis Freitagfrüh die für eine Zulassung bei einer Rennveranstaltung unerlässlichen Überarbeitungen angedeihen zu lassen. Ölablass-Schraube und Ölfilter müssen zusätzlich gesichert, Kevlardeckel für exponierte Stellen des Motorgehäuses sowie ein zusätzlicher Kettenschutz angebracht werden. Und die Kühlflüssigkeit darf nur reines Wasser ohne Frostschutz sein.

Außerdem musste unser Drei-Mann-Spontan-Racing-Team - Fuchs hatte seinen alten Freund Thomas aus Berlin einfliegen lassen, einen erfahrenen Mechaniker-Meister, der sich als entscheidende Verstärkung des Projekts herausstellte - die Lichtanlage ausbauen. "Da war die technische Abnahme unerbittlich", entschuldigte sich Jürgen fast bei seiner Crew, "leider reichte es nicht, die - wohlgemerkt - Plastiklampen abzukleben, wie es im DMSB-Seriensportbereich erlaubt ist."

Außerdem braucht jedes Rennmotorrad ein unten geschlossenes Verkleidungsunterteil, damit nach einem Motorschaden möglichst viel Öl am weiteren Auslaufen auf die Bahn gehindert wird. Genau hier aber sagte der erfahrene Fuchs Jürgen bereits im Vorfeld Ärger voraus: "Unter den verschärften Rennstrecken-Bedingungen werden wir Hitzeprobleme bekommen, weil der Verkleidungskiel sich zu eng an Serienauspuff und Katalysator anschmiegen muss, um die Schräglagenfreiheit einigermaßen zu erhalten."

Er sollte Recht behalten. Schon im ersten freien Training fuhr Jürgen im Serientrimm zwar mit 1.21,0 Minuten eine Bestzeit, die er später nur noch um 0,6 Sekunden verbessern sollte. Die Kühlwassertemperatur trieb der gestresste Serienauspuff jedoch auf kritische 110 Grad, was auf Dauer das Überleben des Motors und so das ganze Projekt gefährdet hätte.

Abhilfe - Wassertemperaturen nicht über 92 Grad - schuf ein schnell herbei gezauberter Rennauspuff, der bezüglich der Seriennähe unseres Projekts etwas Bauchschmerzen bereitete. Die konnten aber zwei Tage nach den Rennen auf dem Leistungsprüfstand wieder zerstreut werden: 203 PS bei 13 300/min drückte der Straßenrenner und damit gerade mal ein PS mehr als die BMW S 1000 RR aus dem Top-Test in MOTORRAD 2/2010. Damit befindet sich "M-YY 531", wohlgemerkt mit Rennauspuff ohne Kat, im Vorderfeld, aber nicht an der Spitze der uns bisher bekannten Messungen von Serien-S 1000 RR, die zwischen 195 und 204 PS liegen. Dazu kommen auch nach den Anpassungsarbeiten sicherlich immer noch rund 20 Kilogramm Übergewicht gegenüber einem IDM-Renner.

Unsere Nummer vier lebte also wirklich das Leben einer normalen Straßen-BMW. Bis zu diesem Moment im zweiten Rennen dort oben am Eingang der gefürchteten Salzburger Fahrerlagerkurve. Jürgen Fuchs war im ersten Rennen auf dem Weg zu Rang zwölf vor Didier Vankeymeulen, dem Superstock-1000-FIM-Cup-Sieger 2005 auf der Yamaha-Deutschland-R1, als er sich bei einem Ausweichmanöver durch Lenkerschlagen den rechten Daumen verstauchte und auf Rang 19 zurück fiel.

Die schmerzende Hand sorgte im routinierten Rennfahrerhirn für einen folgenreichen Geistesblitz. Ein Wechsel vom Serien-Lenkungsdämpfer auf ein Rennteil sorgte für Schmerzlinderung bei der Arbeit und beflügelte zudem Ross und Reiter. Zum zweiten Rennen stand Fuchs mit "M-YY 531" am Restart nach einem Abbruch auf Platz 15 und kam, freudige Schockstarre bei seiner Crew verursachend, als Siebter aus Runde eins zurück. Im Bergaufvollgasstück des Salzburgrings schnappte Jürgen noch einen Gegner, bevor er für eine Änderung von Sven Lolls Rückreiseplänen sorgte.

"Mit dem neuen Lenkungsdämpfer ging es so viel besser, dass ich es wohl etwas übertrieben habe", so ein traurig lächelnder Jürgen Fuchs, der rechts an Bein und Arm bandagiert, aber sonst halbwegs in Ordnung war, "auf der Bodenwelle vor der Fahrerlagerkurve ist das Vorderrad weggerutscht." Kein Ende nach Plan, aber zumindest für einen Moment haben wir gezeigt, dass eine Straßenmaschine im IDM-Feld mitkommt, mit einem guten Fahrer und ein paar Geistesblitzen. Und die tausend kalten Winter? Die warten bis zur nächsten Eiszeit.

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