Supersport 600 (Archivversion) Markenvielfalt und ein Kopf-an-Kopf-Rennen bestimmen die 600er Klasse

Agil, leicht, schnell: Die 600er Klasse darf sich gerade hier, auf dem recht engen, verwinkelten Kurs von Calafat echte Chancen gegen die hubraumstärkeren Big Bikes ausrechnen. Doch bevor es zu einem direkten Duell gegen die großen Klassen kommt, muß die schnellste 600er erst einmal ausgefahren werden.Wie schon beim großen Vergleich in MOTORRAD 6/1998 entbrennt auch jetzt wieder ein erbitterter Zweikampf zwischen der Kawasaki ZX-6R und der Suzuki GSX-R 600. Und wieder hat die Kawasaki ihre Nase vorn, wenn es um die Rundenzeiten geht. Dabei profitiert sie von ihrer traumhaften Zweifinger-Bremse, die allen Piloten durch perfekte Dosierbarkeit und Zuverlässigkeit das Leben erleichtert.Ein weiterer Pluspunkt: das Fahrwerk. Mit den schwierigen Bedingungen in Calafat wird die ZX-6R spielend fertig. Brutale Bodenwellen in den Bremszonen, kurze Wellen im Kurvenradius, harte Absätze beim Beschleunigen oder der kritische Highspeed-Knick nach der Zielgeraden - die Kawasaki steckt’s weg. Von einer stempelnden Gabel ist - anders als beim Vergleichstest in MOTORRAD - nichts zu spüren. Laut Kawasaki soll dieses Problem in der laufenden Serie nicht mehr auftreten. Den Rest erledigt der Motor: extra stark auf den Geraden, elastisch in den Kurvengeschlängeln. Aus diesen Zutaten besteht die Kawasaki-Rezeptur für schnelle Rundenzeiten.Nur um wenige Zehntel geschlagen, verpaßt die Suzuki den Einzug ins Finale. Obgleich alle Fahrer ihren im mittleren Bereich enorm erstarkten Motor loben und sowohl Drehfreudigkeit als auch Spitzenleistung der Kawasaki ebenbürtig sind, sprechen die Rundenzeiten am Ende gegen die GSX-R. Sie geht aber klar als moralischer Sieger aus dem 600er Duell hervor, da sie in der Bewertung nach Punkten (siehe Tabelle Seite 25) einen überraschenden zweiten Platz einnimmt. Alle acht Testfahrer attestieren ihr prima Bremsen, ein zielgenaues, stabiles Fahrverhalten, gutes Handling und nicht zuletzt eine sportlich orientierte Sitzposition.Die Ducati 748 SPS zeigt einmal mehr ihr enormes Potential, indem sie die Rundenzeit der Suzuki um 13 Hundertstel unterbieten kann. Allerdings schafft dieses Kunststück lediglich der spanische Rennfahrer Fernando Cristobal, der im Laufe seiner langjährigen Karriere auch schon einige Rennkilometer mit dieser Maschine abgespult hat. Alle anderen bleiben gut eine halbe Sekunde hinter ihren Bestzeiten auf der Kawasaki und der Suzuki zurück.Dennoch höchste Noten fürs italienische Fahrwerk, das extrem steif und zielsicher über die wellige Piste bügelt. Ein Verdienst der teuren, aber hervorragend für diesen Zweck abgestimmten Federelemente. Überzeugend auch der Antritt des Zweizylinders, der vor allem beim Beschleunigen aus den langsameren Ecken für mächtigen, stets gut kontrollierbaren Vortrieb sorgt. Wertvolle Zeit verliert die 748 dagegen in den Bremszonen. Zu teigig der Druckpunkt der Bremse, zu wenig Rückmeldung bei der Suche nach dem Limit.Über diesen Makel stolpert dann auch Fernando, als er seine Bestzeit noch einmal toppen will. Das Vorderrad rutscht ihm eingangs einer langsamen Kehre einfach weg. Nicht schlimm, denn Duc und Fernando überstehen den kleinen Zwischenfall bis auf ein paar Kratzer an Lack und Leder unbeschadet.Insgesamt zwar noch im hinteren Mittelfeld plaziert, schneidet die Honda CBR 600 dennoch enttäuschend ab. Das CBR-Konzept ist der Konkurrenz einfach nicht mehr gewachsen. Sowohl die Motorleistung als auch das verwertbare Leistungsband hinkt den neuen Motoren von Kawasaki und Suzuki mittlerweile hinterher.Auf Seiten des Fahrwerks hat die Honda ebenfalls den Anschluß verpaßt. Viel zu weich in der Grundabstimmung, schlingert sie über den spanischen Parcours. Vor allem in den schnellen Passagen schaukelt sich die CBR immer wieder auf, und beim schnellen Schräglagenwechsel in den Schikanen vermittelt sie einen instabilen Eindruck. Die Bremsanlage mit den beiden Doppelkolbenzangen im Vorderrad muß sich vor den mächtigen Sechskolbenanlagen von GSX-R und ZX-6R allerdings nicht verstecken.Obgleich im Rennsport ausgesprochen erfolgreich, konnte die serienmäßige YZF 600 R von Yamaha auf der Rennstrecke noch nie richtig brillieren. Stets stolpert sie über die gleichen Unzulänglichkeiten: lasche Federelemente und ein Auspufftopf, der in jeder Rechtskurve aufsetzt. Erstaunlich jedoch, wie gering der Abstand zur Konkurrenz ausfällt. Der Motor macht´s, überzeugt durch seinen gutmütigen Charakter und ein breites Drehzahlband. Ein wenig mehr Drehfreude könnte ihm allerdings nicht schaden. Was den Yamaha-Fans bleibt, ist Hoffnung auf einen baldigen Nachfolger im Stil der R1.

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