Supersport Spannender den Je – ein Dreizylinder <br /><br /> und die Vierer-Bande

Wenn man in dieser Klasse überhaupt Favoriten nennen kann, dann wohl am ehesten Yamahas brandneue R6, der radikalste Ansatz, seit es sportliche 600er gibt. Oder die Triumph Daytona 675, Shooting-Star der Szene und individuellstes Konzept, seit die Hubraumgrenze bei den 600ern nicht mehr so eng gesehen wird. Der eigenständige britische Triple schlug aus dem Stand voll ein und gewann den Vergleichstest in MOTORRAD 6/2006.
Doch vor der Kür draußen auf der Strecke von Jerez müssen alle Maschinen zunächst die Pflicht absolvieren, nämlich auf der unbestechlichen Prüfstandsrolle ihre Leistung beweisen. Am überzeugendsten gab sich in dieser Hinsicht wie im letzten Jahr die ebenfalls mit einem kleinen Hubraumvorteil gesegnete 636er-Kawasaki ZX-6R. 119 PS attestiert der mobile Dynojet-Prüfstand an der Kupplung. Damit liegt die Grüne zwar merklich hinter der Nominalleistung von 130 PS an der Kurbelwelle, aber doch mit Respektabstand vor der Konkurrenz, welche die im Prospekt versprochenen Werte gleichfalls durchweg nicht erreicht. Das unerfreulichste Beispiel: Yamahas R6, die mit 115-Kupplungs-PS nicht nur deutlich hinter der Werksangabe, sondern auch hinter dem letzten MOTORRAD-Testexemplar (121 PS) zurückbleibt. Da muss die Serienstreuung ausgerechnet beim Master-Bike-Exemplar furchtbar zugeschlagen haben, obgleich die vor Ort anwesenden Testmannschaften der Hersteller von zwei Motorrädern das bessere heraussuchen und abstimmen durften.
Wie dem auch sei: Mit 113 PS (Triumph), 112 PS (Suzuki), 108 PS (Honda) liegen die Kontrahenten insgesamt nicht übermäßig weit auseinander. Als Erstes setzt Jürgen mit der grünen ZX-6R
eine Orientierungsmarke, und zwar mit 1.54,387 Minuten. Dieser Wert, heraus-
gefahren mit frischen Reifen, wird auf der
6er in Folge nicht mehr unterboten. Im Gegenteil: Die durchschnittliche Rundenzeit der sechs schnellsten Fahrer ergibt
einen deutlich höheren Wert, nämlich 1.56,511 Minuten. Dabei gelingt es nur
einem Fahrer, nämlich dem Italiener Claudio Corsetti von »Moto Sprint«, mit der Kawa seine persönlich schnellste Runde zu drehen. »Am Motor liegt das nun wirklich nicht«, beschreibt Jürgen die nur mittelmäßige Vorstellung der Grünen. »Der ist ausgezeichnet, hängt wunderbar am Gas und schiebt gleichmäßig und mit Nachdruck über den gesamten Dreh-
zahlbereich. Aber die 6er ist gerade in
den schnellen Passagen wie der Doppel-Rechts hinter dem Fahrerlager schwer auf Kurs zu halten. Das Gefühl fürs Vorderrad ist nicht sehr gut, während sie hinten
etwas zu niedrig ist. Das bringt zwar ausgezeichneten Grip am Hinterrad, erschwert jedoch die Linienwahl.«
Diesem durchaus verhaltenen Votum schließen sich die übrigen Fahrer weitgehend an, so dass es für die Kawa in der
Eigenschaftswertung nur zu mäßigen 7,96 Punkten reicht. In der Summe ergibt das bescheidene 21 Punkte und den vierten Platz unter fünf Motorrädern. Für die
ZX-6R und die Kawa-Truppe, die in den beiden Vorjahren den Klassensieg einheimste, ein enttäuschendes Resultat.
Daran ist die Honda CBR 600 RR beim Master Bike schon länger gewöhnt. Und wird es auch bleiben, denn diesbezüglich macht der Jahrgang 2006 keine Aus-
nahme. Keine einzige persönliche Bestzeit, die langsamste Durchschnittszeit, mickrige 15 Pünktchen: Wer da nur negative Kommentare erwartet, sieht sich trotzdem
getäuscht. »Eigentlich ist die CBR wirklich sehr schön zu fahren. Fast schon spielerisch, mit einer Bremse vom Feinsten«, so Jürgens erstes Statement. Aber dann kommt, was immer kommt: »Leider ist die Honda viel zu lang übersetzt. Eigentlich müsste ich in den Spitzkehren in den
ersten Gang. Das geht jedoch nicht, weil die Gabel beim Anbremsen ohnehin schon auf Block und das Heck extrem unruhig
ist. Dann in den Ersten – dann steht die Fuhre richtig quer, obwohl die Honda-
Crew das Standgas bereits auf über 3000 Umdrehungen gedreht hat, um Hinterradstempeln zu unterbinden. Dazu noch die harte Gasannahme und die nicht über-
ragende Leistung. So ist nicht viel mehr drin«, ist sich Jürgen sicher. Und behält Recht, denn die von ihm vorgelegten 1.54,786 Minuten werden von keinem anderen Fahrer unterboten.
Von einem anderen Motorrad hingegen relativ spielerisch. Zum Beispiel von der R6, und zwar schon in der ersten fliegenden Runde. In den weiteren erst recht, so dass am Ende 1.54,260 zu Buche stehen. Ein hervorragender Wert, der vor allem dem unglaublichen Handling und den
tollen Bremsen zuzuschreiben ist, während Jürgen – wie übrigens bei vielen anderen Kandidatinnen auch – mit der zu straff
abgestimmten Gabel und dem »Drive-
by-wire-System« der Yamaha hadert. »Man fühlt sich manchmal etwas entkoppelt vom Motor, der gerade im mittleren Drehzahl-bereich mitunter verzögert anspricht. Außerdem ließen die Reifen bereits im zweiten Turn merklich nach. So gesehen ist diese Zeit eine reife Leistung.« Ist sie wirklich – es bleibt bis zum Schluss die schnellste Runde, die auf der R6 gedreht wurde. Und die zweitschnellste in dieser Klasse überhaupt.
Die neue Suzuki GSX-R 600, obwohl ebenfalls absolut pistentauglich konditioniert, kann nicht ganz mithalten. Die drittschnellste durchschnittliche Rundenzeit (1.56,064), eine persönliche Bestzeit, die drittbeste Beurteilung: Das ergibt in der Summe Platz drei mit 35 Punkten. »Der Motor geht schön linear, die Anti-Hopping-Kupplung ist erste Sahne. Doch für meinen Fahrstil war die Gabel zu straff ab-
gestimmt. Das liefert zwar enorme Bremsstabilität, aber beim Umlegen in den schnellen Ecken fehlt es an Gefühl für den Grenzbereich. Und die Bremse war beim Aufmachen in tiefer Schräglage schlecht zu dosieren.« Ein Problem, das der spanische Superbiker Oriol Fernández mit
seinem harten Fahrstil (rabiate Brems-
und Beschleunigungsmanöver) nicht hatte. Mit der GSX-R fuhr er mit 1.54,408 die schnellste Runde.
Die Triumph Daytona scharrt derweil mit den Hufen. Als Jürgen mit dem frisch besohlten Dreizylinder ausrückt, sind die Erwartungen hoch gesteckt. Schnell war
er schon am Vortag beim Warmfahren,
zudem haben sich auch viele andere auf der gelben Britin wohl gefühlt. Und bereits in der dritten fliegenden Runde ist es
soweit: 1.53,848. In diesem Feld, unter diesen Bedingungen ein Fabelwert. Die Triumph-Truppe jubelt, obwohl die absolut schnellste Runde ja eher etwas fürs Prestige ist. Später jedoch bestätigen die Zeiten der anderen Motorräder, dass die Daytona hier in Jerez das Maß der Supersport-Dinge ist. Gleich zehn Fahrer fuhren auf ihr die persönlich schnellste Runde, im Schnitt
lagen ihre Zeiten rund eine halbe Sekunde unter denen der Zweitschnellsten, der R6. Ein mehr als deutlicher Sieg. Und ein mehr als verdienter.
Warum? »Weil die Daytona sehr gut ausbalanciert ist. Weil ich mich auf ihr
mit traumwandlerischer Sicherheit am Rand der Reifenhaftgrenze bewege. Weil die Übersetzung perfekt passt. Weil die Bremse genial ist. Und weil das Drehzahlband ganz erstaunlich breit ist, so dass es in manchen Passagen keine Rolle spielt, ob ich im zweiten oder dritten Gang unterwegs bin. Es passt einfach alles«, bekräftigt Jürgen Fuchs.

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