Suzuki Bandit 1200 S, Suzuki Bandit 1250 S (VT: alt gegen neu) (Archivversion)

Die Amerikaner haben sich mächtig ins Zeug gelegt,
ihren 2007er-Modellen mit inneren Werten neuen Glanz zu verpassen. Rein äußerlich ist alles beim Alten
geblieben. Beispiel Night Train.

Wenn Harley-Davidson »neue« Modelle vorstellt, haut das den gemeinen Motorradfahrer meist nicht vom Hocker. Breitere Zierstreifen, etwas mehr Chrom auf dem Luftfilterdeckel, linksrum gesteppte Nähte an den Satteltaschen et cetera. Dazu der muntere Mix der Komponenten. Mal schauen, was sich noch so kombinieren lässt. Echte Harley-Fans indes wissen den Verzicht auf hektische Modellwechsel zu schätzen. Harleys sind mittlerweile
nicht nur zuverlässig, sondern sie genießen auch einen hohen Qualitätsstandard und sprichwörtliche Wertbeständigkeit.
Für das Modelljahr 2007 krempelten die Amerikaner ihren Antrieb allerdings kräftig um. Was auch nötig war. Denn die Euro-3-Norm lässt es nicht mehr zu, Motoren einfach nur zuzustopfen. Jetzt ist ein neuer Twin Cam 96 da, der den betagten Twin Cam 88 in allen Modellen der Bau-
reihen Dyna, Softail und Touring ablöst.
Die Night Train gehört zur Spezies
Softail. Und weil der V2 starr mit dem Rahmen verschraubt ist, kommt bei ihr die 96B-Variante ins Spiel. B steht für Balancershaft, also zwei Ausgleichswellen, um Massenkräfte erster Ordnung unverzüglich in die Flucht zu schlagen. Was nichts daran ändert, dass auch diese Harley vibriert, nur wohltuend angenehm und in der richtigen Frequenz. Twin Cam 96, das heißt
vor allen Dingen mehr Hubraum. 96 Cubic-
Inches bedeuten 1584 Kubikzentimeter
Hubraum, 135 mehr als bislang, und sie verhelfen zu viel mehr Drehmoment sowie einiges mehr an Leistung. Exakt sieben PS. So die Angaben von Harley.
MOTORRAD spannte alte und neue Night Train auf den Prüfstand: Beide liegen in der Spitze leicht über ihren Werks-
angaben, weit spannender ist jedoch der Verlauf der Leistungs- und Drehmomentkurve (siehe Diagramm nächste Seite). Das spricht Bände über den Unterschied der Motoren. Zwischen 2500 und 5000/min
produziert der 96er im Schnitt immer um die zehn PS mehr, und das Drehmoment
liegt zwischen 2000 und 4000/min durchschnittlich um 20 bis 25 Nm höher als bei der hubraumschwächeren Variante.
Das schafft natürlich nicht allein der Hubraum. Leichtere Kolben, Pleuel und Kolbenbolzen sorgen ebenfalls für gesteigerte Leistung und geringere oszillierende Massen, damit der Twin Cam 96B spürbar kultivierter läuft als sein Vorgänger. Harley-Davidsons neues Ansaug- und Auspuffsystem trägt außerdem sein Scherflein zur Leistungssteigerung bei. Nach Vorgaben des Getriebes und des elektronischen
Motormanagements öffnet und schließt
ein Magnetschalter Ventile im Ansaug- und eine Klappe im Auspufftrakt, um zusätz-
liches Volumen in beiden Bereichen zuschalten oder abkoppeln zu können.
Ein hübscher Trick, der auch noch schön auf die Ohren geht. Im Stadtverkehr etwa gleitet die Night Train 96 mit nur
einem aktiven Schalldämpfer flüsternd vor sich hin, um am Ende des Ortschilds, wenn der Gashahn endlich aufgezogen wird, aus dem zweiten, offenen Rohr loszuballern. Nicht unverschämt laut und auf alle Fälle legal, aber geprägt von sattem, tieffrequentem Sound. Deshalb spielt man gern mit dem Gasgriff, um die 96er-Big-Twin-Sinfonie noch mal von vorn zu hören.
Die Night Train 96 ist erfüllt mit Leben. Ab der ersten Kurbelwellenumdrehung geht es Schlag um Schlag, bassig swingend, groovend vorwärts. Gute Unterhaltung in Reinkultur, während sich die Vorgängerin mit einem blechern klingenden Auspuff
begnügen muss. Der alte Motor wirkt im Vergleich abgewürgt und langweilig.
Die mageren Durchzugs- und Beschleunigungswerte untermauern die Lustlosigkeit der 88er-Night-Train. Auf die 96er verliert sie im Sprint auf 140 km/h gut drei Sekunden, im Durchzug von 60 bis 140 km/h knapp vier Sekunden.
Passend für den Twin-Cam-96-Motor wurde das Sechsgang-Cruise-Drive-Getriebe entwickelt und der Anlasser direkt mit dem Primärtrieb verschraubt, so dass die Zwischenwelle entfallen kann. Ob deshalb wohl der Anlasser hammerschlagartig die Kurbelwelle in Rotation versetzt? Es klingt jedenfalls erbärmlich. Verglichen mit dem Fünfganggetriebe in der 88er-Night-Train fallen die ersten drei Gänge etwas länger, der Vierte und Fünfte indes etwas kürzer aus. Der sechste Gang wurde als Overdrive draufgepackt und erlaubt, mit der großen Night Train ab etwa 70 km/h knapp über Standgas daherzutuckern. Lediglich mit dem Beschleunigen tut sie sich ab dieser Geschwindigkeit noch schwer.
Rein äußerlich machen beide Night Train ordentlich was her. Der tiefe Badlander-Sitz, der flache Drag-Bar-Lenker und die vorverlegten Fußrasten bedingen eine radikale Sitzposition mit weit vorgestreckten Armen und Beinen, die längst nicht so unbequem ist, wie sie ausschaut. Um eine Starrrahmenoptik vorzutäuschen, verstecken sich die beiden Federbeine perfekt hinter dem Öltank. Manchmal wird man aber das Gefühl nicht los, als wäre der Rahmen hinten wirklich ungefedert. So wenig Komfort bieten die beiden Feder-beine, die sich gegen die Dreieckschwinge aus Stahlrohr abstützen.
Überraschend stabil führt dagegen die mit schlanken Holmen bestückte Telegabel das 21-Zoll-Drahtspeichen-Vorderrad. Auf holprigen Passagen oder bei etwas flotterem Fahrstil wirkt sie jedoch unterdämpft und neigt zum Stuckern. Angesichts des langen Radstands und der gestreckten Sitzposition geraten enge Kurvenradien zu einer staksigen Angelegenheit. Auch wenn die Schräglagenfreiheit für Harley-Verhältnisse groß erscheint, die Bremsen vorn wie
hinten ganz ordentlich funktionieren, kurvenreiche Landstraßen sind nicht gerade ihr Ding. Weit gesteckte, sanftere Kurven und lange Geraden sind eher das Terrain der Night Train. Schon Dennis Hopper
und Peter Fonda haben es uns mit ihren Choppern vorgemacht.
Doch nicht nur Filmstars, auch Harley-Fahrer werden älter und bequemer. Da kommt das sogenannte Smart Security System, das Harley bei allen 2007er-
Modellen eingeführt hat, sehr gelegen: eine elektronische Wegfahrsperre mit integrierter, ohrenbetäubender Alarmanlage und schlüsselloser Fernbedienung. Man führt lediglich eine Art Transponder mit sich.
Auf die kleinen knubbeligen Schlüssel fürs Lenkschloss und den Zünddrehschalter kann man getrost verzichten, obwohl
sich die Night Train weiterhin klassisch
abschließen lässt. Sobald man sich nur wenige Meter vom Motorrad entfernt, schärft sich die Alarmanlage selbsttätig. Und dank Transponder kann man jederzeit losfahren, ohne einen Schlüssel in die Hand nehmen zu müssen. Eine bequeme Sache – wenn man das Teil dabei hat. Wenn nicht, wird’s stressig. Allein der Versuch, die 314 Kilogramm schwere 96er-Night-Train sachte vom Seitenständer zu hieven, genügt, um die schrille Alarmanlage auszulösen und den Zündstrom zu unterbrechen.
Das reißt nicht nur Nachbars Oma aus dem Tiefschlaf, auch die lieben Kinder
laufen jedes Mal kreischend durch den Garten, wenn der Papa den Schlüsselbund auf dem Sideboard liegen gelassen hat. Aber schließlich kostet so eine Night Train 96 ja auch viel Geld, nämlich 17995 Euro, und da sollte das gute Stück nicht so einfach seinen Besitzer wechseln können.

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