Suzuki Intruder M 1800 R und Honda Shadow 750 (Archivversion) Sanftmut oder Feuer?

Was braucht ein Cruiser? Klar, V2-Motor, lange Gabel und eingebaute Lässigkeit. Aber bei allen Gemeinsamkeiten liegen Welten zwischen den extremsten Vertretern dieser Motorrad-Gattung. Richtig gutmütig und gemütlich oder doch eher extrem fett und feurig – beides ist möglich.

Einmal nach Las Vegas, endlose Weiten erleben, die Sonne putzen. Nur ein Traum? Nun, auch in der deutschen Verkehrswirklichkeit mit Stau aus dem Nichts und verstopften Straßen gibt es einen Weg zur inneren Ruhe. Auf Nebenstrecken. Dort, wo Entfernungen relativ und Geschwindigkeit nebensächlich sind. Hier ist die Honda Shadow 750 in ihrem Element. In ihrer verchromten (Plastik-) Lampe krümmt sich die Landschaft ringsum, der Fahrer entdeckt die freundliche Seite der Langsamkeit, genießt intensiv Bäume, Vögel, Blumen. Großes Kino.

Trotz oder gerade wegen mauer Leistung vermittelt die zierliche Honda viel Freude am Fahren. Bescheidene 44 PS schickt der V2 via Kardanwelle ans Hinterrad. Nicht viel, um 267 Kilogramm in Schwung zu versetzen. Na und? Diese total lässige 750er, die sich beim Rollen viel leichter anfühlt, verkörpert Sanftmut auf zwei Rädern. Butterweich ist ihre Kupplung, lastwechselarm ihr Antrieb, neutral und recht komfortabel das Fahrwerk. Klar kommt die weiche, schwach gedämpfte Abstimmung auf Akne-Asphalt rasch an ihre Grenzen. Ist das schlimm? Dann war man eben einfach zu forsch unterwegs. Ein Ohrenschmaus: der blubbernde Sound. Da ist die 1800er-Intruder aus einem anderen Holz geschnitzt. Schon ihr martialischer Auftritt macht klar, wer hier der Chef im Ring ist. Fließende, dynamische Linien unterstreichen sportiven Anspruch. 1,8 statt 0,75 Liter Hubraum, fette 160 statt lediglich 64 Newtonmeter Drehmoment.

Satte 125 PS wuchten die dicksten Serienmotorradkolben (112 Millimeter Bohrung!) aller Zeiten auf die Kurbelwelle. Ein drehfreudiger, kurzhubiger (Power-) Cruiser, eigentlich ein Widerspruch in sich. Doch genau darin liegt der Reiz des agilen Sieben-Zentner-Trumms.Aber Obacht, es existiert eine dunkle Seite. Wer die tollen Fahrleistungen auskostet, wandelt auf schmalem Grat. Der sportlichen Attitude lässt die Sumo-Suzi keine adäquaten Taten folgen. Ihr Fahrwerk reagiert übersensibel auf Spurrinnen, ja selbst auf kleinste Spurrillen. Und die 240er-Heckwalze versetzt bei Unebenheiten heftig, man hat alle Hände voll zu tun, die schlingernde Fuhre auf Kurs zu halten, wo die Honda lässig darüber hinwegcruist. Uih, uih, uih, wie schnell die Gerade aufgebraucht ist, die nächste Kurve heranfliegt, durch die es laut schleifend geht. Allzu leicht überbremst das Vorderrad, spätestens bei Nässe bräuchte es dringend ein ABS, um Stürze zu vermeiden. Da hilft es, sich auf wahre Cruiser-Werte zu besinnen: einfach langsamer tun und sich am tiefen Schiffsdiesel-Sound erfreuen. Man könnte ja, wenn man wollte.

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