Szene Bikerinitiativen (Archivversion)

Statt der Engel

Engel gibt es nicht. Vielleicht. Aber Motorradfahrer. Die sind zwar keine Heiligen, aber auffällig viele von ihnen engagieren sich sozial. Sie machen sich für Schwächere stark, für Kinder vor allem. Warum sie das tun? Weil es in ihrer Natur liegt, sagen Experten.

Nick überlebt nach vier Tagen Kampf, aber er lacht nicht mehr. Der Preis, den er zahlt, ist hoch: Er ist fortan schwerstbehindert. Ein eigenständiges Leben wird er nie führen können. Auch die kleinen Fortschritte, die er langsam und mit viel Mühe macht, gelingen nur mit Hilfe aufwendiger Reha-Maßnahmen und teuren Therapien. Nicht immer übernimmt die allerdings die Krankenkasse. Doch für Nick gibt es einen Hoffnungsschimmer, denn er hat starke Freunde: Michael, Rainer, Uwe, Elke und Dagmar zum Beispiel. Sie alle fahren Motorrad, und sie alle unterstützen Nick und seine Familie mit der Initiative Kelly, wo sie nur können (siehe Kasten Seite 100).

Wie Michael, Rainer, Uwe, Elke und Dagmar engagieren sich viele Motorradfahrer sozial. Gegen Kindesmissbrauch, für die Kinderkrebshilfe, gegen Atomkraft, gegen Rechtsextremismus. Die Bandbreite ist riesig, und die hier vorgestellten fünf Initiativen stehen exemplarisch für das vielschichtige Engagement von Bikern.

Ein komplexes Phänomen, für das es ein Mosaik an Gründen gibt. Es fängt damit an, dass Motorradfahrer ein Zusammengehörigkeitsgefühl empfinden, sich als Minderheit und Solidargemeinschaft begreifen. „Motorradfahrer fühlen sich als randständig“, sagt Kultursoziologe Clemens Albrecht von der Universität Koblenz-Landau. In der Fachsprache nennt er das Outcasts. Sie hätten als Gruppe ein Anerkennungsproblem, weil sie kaum einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft leistete. „Anders als Autofahrer, sind sie meist nur zum Spaß unterwegs und gelten – sicher noch ein Relikt aus alten Rockerzeiten – als latent gefährlich“, meint der Soziologe. Um dieses Negativimage zu durchbrechen, griffen sie eben auf soziales Engagement zurück. Albrecht bezeichnet das auch als „kompensatorische Sozialarbeit“, mit der sich Motorradfahrer die „Sekundärlegitimation der Gesellschaft“ erwerben. Anders ausgedrückt: „Wir machen das, um einen besseren Ruf zu bekommen“, erklärt Sven Lorenz von Biker mit Herz Carlsberg.

Darüber hinaus gelingt es als Motorradfahrer am besten, mit diesem Engagement zu überraschen, es gelingt pointiert, zeigt es doch: Wir sind anders, als ihr meint. Albrecht: „Das ist sozusagen das Sankt-Martins-Prinzip: Wer reitet daher, ein römischer Legionär, der stark ist, und genau der teilt den Mantel.“ Nebenbei bringt soziales Engagement auch der Gruppe selbst eine ganze Menge: Es stärkt die Gemeinschaft, den Verein, die Gruppe nach innen. „Weil man ein Ziel hat, für das man gemeinsam kämpfen kann“, erklärt Elke Zmarslik von der Initiative Kelly, die sich – noch ein Antrieb für soziale Aktivität – zusammengefunden hat, weil ein Mitinitiator über seine kranke Tochter persönlich betroffen war.

Ein weiterer Grund, sich zu engagieren, läge in der eigenen Gefährdungslage, sagt Erich Fähling, Pastor beim Motorrad-Gottesdienst Hamburg. Biker klemmten sich einen Motor zwischen die Beine und würden ihn bestenfalls, aber eben auch mit nicht mehr als einer dünnen Lederhaut und Helm bekleidet reiten. „Ihnen ist bewusst, dass ihnen jederzeit etwas zustoßen kann und sie dann auf fremde Hilfe angewiesen sind. Sie wissen, was es heißt, der Schwächere zu sein.“ Das fördere ihre soziale Ansprechbarkeit. Meint der Theologe. Ob das Sozialgespür auch daher kommt, weil sie auf dem Motorrad weniger abgeschottet sind als Autofahrer, stattdessen äußere Einflüsse viel intensiver wahrnehmen, wollen die Experten so nicht hergeleitet wissen. Dass Motorradfahrer allerdings eine stärkere Wahrnehmungsorientierung haben, steht für sie außer Frage.

Ein Grundstock an Verantwortungsgefühl, da sind sich die Fachleute ebenfalls einig, ist für jegliches Engagement unerlässlich. Um wirklich aktiv zu werden, fehlt aber immer noch ein Auslöser. Der könnte unter Motorradfahrern im Freiheitsbegriff liegen. Die Befreiung von allen Zwängen eines bürgerlichen Standardlebens ist schließlich das zentrale Versprechen, von dem die Zweiradszene lebt. Wenn nun eine Krankheit oder Behinderung verhindert, dass ein Mensch diese Freiheit genießen kann, die man als Motorradfahrer so schätzt, führt das zum Handeln. „Das erklärt zum Beispiel, warum Biker Behinderte mit auf eine Tour nehmen“, weiß Pastor Fähling.

Es ist gar nicht zwingend gesagt, dass sich Motorradfahrer ihre sozialen Taten bewusst machen. Dennoch fällt auf, dass oft Behinderte und Kinder Adressaten ihrer Initiativen sind. „Beim Erwachsenwerden“, so Fähling weiter, „vollzieht sich ein Wandel vom kindlich Rebellischen hin zum Establishment etwa als berufstätige, situierte Familienväter.“ Motorradfahrer indes seien ein stückweit in der Rebellionsphase hängen geblieben. Daher komme die Nähe zu Heranwachsenden. Außerdem schätzt die Gesellschaft Engagement für Kinder besonders hoch, da sie per se als schutzwürdig gelten, zumal wenn sie krank, behindert oder sonst wie benachteiligt sind.

Das Motorrad wirkt dabei als eine Art Gleichmacher. So wie es hilft, Schichten zu überwinden, einen Bankmanager und einen Hilfsarbeiter zusammenzuführen, hilft es auch Berührungsängste zu besiegen. „Wie die Kinder strahlen, wenn sie ein Moped sehen, ist das erste Eis schnell gebrochen“, weiß Achim Thiel vom Projekt 2009 aus eigener Erfahrung. Und Elke Zmarslik pflichtet bei: „Motorradfahrer können ganz normal mit Behinderten feiern.“ Nicht außergewöhnlich – aus soziologischer Sicht. Diejenigen, die am gesellschaftlichen Rand stehen, seien für andere am Rand offener, sagt Clemens Albrecht. Auch Behinderte hätten ein Akzeptanzproblem. Deshalb hilft man sich quasi gegenseitig.

Hilfe von Motorradfahrern ist persönlich. „Sie strahlen direkte Aktion aus“, beschreibt der Kultursoziologe, „und sie greifen nicht einfach zum Portemonnaie oder Scheckbuch.“ Strukturierte Hilfe, wie die von Kirchen, ist so etwas wie der moderne Ablasshandel und Bikern fremd. Ihr Engagement hingegen ist von viel Einsatz geprägt. Baumhäuser bauen, 24-Stunden-Waffelbacken oder eben ein Motorrad restaurieren, um es dann zu versteigern. Als Belohnung reicht ihnen ein Kinderlachen. Fröhlich, unbeschwert, so wie auch Nick, heute sieben Jahre alt, es immer öfter wieder zeigt. Und dafür geben sie alle ihr Bestes.
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Initiative Kelly e.V. (Archivversion)

Es kann beim Niesen passieren oder beim Husten: Etwa 700 bis 800 Menschen erkranken jedes Jahr in Deutschland an einer Meningokokken-Infektion. 40 Prozent aller Patienten sind Kinder unter vier Jahren, mit Abstand am häufigsten trifft es Säuglinge. Für etwa zehn Prozent der Patienten endet die Krankheit tödlich. Die, die überleben, behalten meist geistige Schäden, bleiben ein Leben lang Pflegefälle und können nur mit speziellen Therapien wie Delfin- oder Reittherapien schrittweise zurück ins Leben finden. Nicht immer werden solche Behandlungen jedoch von der Krankenkasse übernommen. Die Initiative Kelly, gegründet von 20 Motorradfahrern, nachdem die Tochter von einem Biker an Meningokokken erkrankt war, unterstützt Familien mit betroffenen Kindern finanziell. Dazu veranstaltet sie jedes Jahr ein mehrtägiges Biker- und Familienfest im Kreis Heinsberg und sammelt Gelder. Der erzielte Spendenerlös eines Jahres – das können bis zu 2500 Euro sein – kommt immer einem Kind zugute. Kelly, Nick und Enrico konnte die Initiative seit ihrem Bestehen 2006 bereits helfen; www.initiative-kelly.eu.

B.A.C.A.A. e.V. (Archivversion)

B.A.C.A.A. ist eine Abkürzung, die übersetzt bedeutet: Motorradfahrer gegen Kinderpornographie und Missbrauch. Der Verein informiert auf Messen. Sein Zeichen ist die in die Luft gereckte Faust.
Jedes zehnte Kind in Deutschland, so grobe Schätzungen, ist körperlich oder seelisch missbraucht worden, wobei die Dunkelziffer sicher höher liegt. Doch immer noch wird das Thema viel zu oft totgeschwiegen, findet B.A.C.A.A. (Bikers against childporn and abuse) und hat sich zwei Punkte im Kampf gegen Kindesmissbrauch auf die Fahnen geschrieben: aufklären und vorbeugen. Auf Messen oder Teilemärkten ist der bundesweit aktive Verein vertreten, verteilt Flyer und steht zum Gespräch bereit, um die Sensibilität der Öffentlichkeit zu erhöhen. Ein großer Teil der Vereinsarbeit ist die Spendenakquise. B.A.C.A.A. versteht sich als Verteilerorganisation. Über den Verkauf von T-Shirts oder über Spendenaktionen einzelner Mitglieder oder Mitgliedsvereine zum Beispiel nimmt die Initiative pro Jahr derzeit rund 10000 Euro ein, die sie an ausgesuchte, regionale Projekte verteilt, die nicht staatlich gefördert sind, die sich aber mit der seelischen Betreuung von Missbrauchsopfern oder der Bewusstseinsschulung von Kindern beschäftigen. B.A.C.A.A. ist 2005 aus der Initiative „Don‘t Touch“ hervorgegangen und zählt zirka 120 Mitglieder; www.bacaa.eu.

Projekt 2009 (Archivversion)

Die Begeisterung, die die Kinder bei einem IDM-Lauf 2008 für Motorräder zeigten, war der endgültige Startschuss für das Projekt 2009. Ende April wird eine Kawa GPX 750 R zugunsten der Kinderkrebshilfe versteigert.
Die Idee zum Projekt 2009 entstand aus einer Laune heraus. Man könne doch eine alte Kawasaki GPX 750 R, so die einhellige Meinung von fünf Mitgliedern des gleichnamigen GPX-Internetforums beim Jahrestreffen 2008, bis zum ersten IDM-Lauf Ende April 2009 auf dem Eurospeedway Lausitz komplett restaurieren und sie dann für einen guten Zweck versteigern. Der gute Zweck ist die „Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt e.V.“, ein ausschließlich von Spendengeldern lebender Verein, der krebskranken Kindern und deren Eltern während der Behandlung mit Rat und Tat zur Seite steht. Seit Juli 2008 läuft das „Projekt 2009“ genannte Vorhaben, schrauben die Teilnehmer in einer Motorradwerkstatt in Straubing bei München die Maschine zusammen, überholen den Motor und den Rahmen. Zudem haben einige IDM-Teams, darunter das Kawasaki sP Rennteam von Stefan Prein, ihre fachliche Unterstützung zugesagt; www.gpx-750r-forum.de

Biker mit Herz e.V. (Archivversion)

Nach einem Besuch des Kinderheims im tschechischen Ústí nad Labern, anlässlich einer Kinderheimausfahrt der Biker Union, war einigen Motorradfahrern aus Carlsberg klar: Hier muss etwas geschehen. Kinder, die dort ankommen, wurden von ihren Eltern verstoßen oder ihnen entzogen. Oft bringen sie nicht mehr mit als die Kleider am eigenen Leib. Die Möglichkeiten der Heimleitung sind so begrenzt wie die finanziellen Mittel der Industriestadt. Die „Biker mit Herz“-Initiative aus Carlsberg im Erzgebirge hat sich 2001 zu einem Verein zusammengefunden, der Kinderheime wie das in Ústí unterstützt. Die sechs Mitglieder sammeln alltägliche Dinge, angefangen bei Kleidung über Spielzeug bis hin zu Zahnbürsten, oder Geld für Renovierungsarbeiten und stellen sie Heimen zur Verfügung. Dazu veranstaltet der Verein einmal im Jahr eine dreitägige Biker-Party in Carlsberg. Der Gewinn aus Tombola sowie aus Getränke- und Essensverkauf – in den letzten Jahren je etwa 1000 Euro – geht karitativen Einrichtungen zu. Zu den Begünstigten zählen unter anderem auch Tafeln und die Kinderheime in Pobershau und Bahratal im Erzgebirge. www.biker-mit-herz.de.

Bike for Kids (Archivversion)

Die „Bike for Kids“-Initiative hat sich zwei Projekten verschrieben. Die „Hilfe für Tschernobyl-Kinder im Landkreis Cloppenburg“ lädt seit 1993 jedes Jahr zirka 600 Kinder aus Weißrussland, die unter den Spätfolgen der Atomkatastrophe von Tschernobyl leiden, zu einem Ferienaufenthalt nach Cloppenburg ein. Daneben setzt sich die Initiative für den Förderverein krebs- und herzkranker Kinder an der Uniklinik Münster namens „Kleiner Stern“ ein, der kranken Kindern aus mittellosen Familien eine optimale Betreuung in Bereichen finanziert, für die Mittel der Krankenkassen und öffentlichen Haushalte nicht vorgesehen sind. In regelmäßigen Abständen veranstaltet „Bike for Kids“ dafür Motorrad-Benefiztouren durch den Landkreis Cloppenburg und Niedersachsen, bei denen sie jeden Teilnehmer zu einer Spende bittet, oder Sponsoren sucht, die den Fahrern jeden zurückgelegten Tourkilometer vergüten. Auf diese Weise nahm die Initiative in den letzten Jahren jeweils 6000 Euro ein. „Jeder Motorradfahrer hat etwa 7000 Euro unterm Hintern, da sollte auch mal was für einen sozialen Zweck übrig sein“, erklärt Initiator Gregor Müller-Reemts die Idee zu der Initiative; www.bike-for-kids.de.

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