Szene: Formula Student Konstruktionswettbewerb (Archivversion) Die Verwandlung

Was Studenten der Berufsakademie Stuttgart vorhaben, erinnert ein bisschen an den Klassiker von Franz Kafka: Sie wollen ein Motorrad in ein Formelauto verwandeln. Dafür muss eine fast neue Honda CBR 600 RR dran glauben.

Die Honda, die es für rund 7000 Euro bei mobile.de gab, ist wie geschaffen für das Vorhaben der Studis: die Teilnahme an der Formula Student, einem internationalen Konstruktionswettbewerb, für den sie ein Formelauto bauen müssen. Das 600-Kubik-Aggregat der CBR inklusive Einspritzanlage und Sechsganggetriebe sollen das Herzstück des Sleek genannten Boliden der Stuttgarter BA-Studenten werden. Und da wollen sie jetzt ran.

Einzig Adrian Kussmann tut sich sichtlich schwer. Der Elektrotechnik-Student fährt selber Motorrad und geleitete die Honda auf ihrem letzten Weg zum Ausschlachten. Er hat extra noch eine Runde durch die Stadt gedreht, erzählt er. „Der Tacho zeigt ja erst 9500 Kilometer an. Damit könnte man eigentlich noch prima fahren.“ Eigentlich. Stattdessen macht die Gruppe kurzen Prozess: Verkleidungsteile fliegen auf den Boden, das Cockpit ist zerrupft.

Skizzen und Zeichnungen, die mit Tesa an den Kellerwänden befestigt sind, lassen bereits erkennen, welchen Wandel die CBR vollziehen wird: Gitterrohrchassis, vier Räder, Lenkrad, Schalensitz. An ein Motorrad erinnert nichts mehr. Doch bis es so weit ist, liegt vor den Studenten noch ein weiter Weg, der vor einigen Monaten mit einem Zeitungsartikel über die Formula Student begann.

Teamchef und Maschinenbauer in spe Stefan Fischer hat ihn gelesen und wusste: Das ist es. „Ich bin früher Kart gefahren und wollte schon immer mal so ein Fahrzeug bauen.“ Ganz nebenbei bemerkt macht es sich auch gut als Referenz im Lebenslauf. Auf Stefans Aushang am Schwarzen Brett der Stuttgarter Berufsakademie für Wirtschaft, Technik und Sozialwesen melden sich etwa 30 Mitstreiter – das „BA-Engineering FS Team Stuttgart“ (www.ba-e.de) war gegründet. Aufgeteilt in fünf Arbeitsgruppen – Antrieb, Chassis, Fahrwerk, Elektronik und Sponsoring –, geht es ans Werk. Das Team trifft sich seitdem regelmäßig am Mittwochabend und jedes Wochenende in der Werkstatt, konstruiert und bastelt.

Ein paar Vorgaben müssen sie beim Bau des Renners beachten. Die Räder sollen beispielsweise frei stehen, der Radstand darf nur 1525 Millimeter, der Motor 610 Kubik und die Ansaugöffnung im Luftfilterkasten 20 Millimeter Durchmesser haben. Zudem muss der Fahrer innerhalb von fünf Sekunden das Cockpit verlassen können.

Um überhaupt eine Vorstellung von den Dimensionen ihres Boliden zu bekommen, zimmerte das Team vorab ein Holz-Modell. „Damit könnten wir schon mal ein Seifenkisten-Rennen fahren“, scherzt Maschinenbau-Student Martin Wiesner. Stattdessen haben sie das Modell vermessen, die Daten in den Computer eingelesen und mit CAD-Programmen ihr Auto entworfen – kein Problem für BA-Studenten, die die Hörsaalbänke vierteljährlich mit Bürostühlen bei Firmen wie Edag, Bosch oder Porsche tauschen.

So weit der erste Schritt. Und auch wie es weitergeht, ist in fast allen Punkten klar. Der Sleek soll Doppelquerlenkerachsen mit Einzelradaufhängung erhalten und der Motor, trotz Luftmengenbegrenzer, noch 80 PS entwickeln. Das Getriebe wird sequentiell ausgelegt. Über Lenkrad-Paddle können die Gänge elektro-pneumatisch angesteuert werden. Einzig der Rahmen bereitet dem Team leichtes Kopfzerbrechen. Seine Fertigung mit der benötigten Steifigkeit ist ohne fremde Hilfe unmöglich. „Den werden wir anfertigen lassen“, erklärt der Teamchef. Doch das kostet Geld.

Geld, das die Studenten nicht haben. Noch nicht. Denn um Sponsoren müssen sie sich ebenfalls selbst kümmern – so wollen es die Regeln. Lars-Eric Armstroff ist angehender Wirtschaftsinformatiker und hat mit acht anderen die Finanzen im Blick. Er rechnet mit einem benötigten Budget von 80000 Euro. „Zunächst haben wir mit der BA gesprochen und mit Unternehmen, für die wir arbeiten.“ Auf diese Weise ist ein kleines Startkapital zusammengekommen, mit dem auch die CBR finanziert wurde. „Wir freuen uns aber auch sehr über Sachspenden“, fügt er hinzu. Der Antriebsspezialist AVL unterstützt das Team beispielsweise mit Workshops, Firma Henkel liefert unter anderem Montagekleber und Bosch ein programmierbares Steuergerät namens MS4, das auch DTM-Teams nutzen.

Die Motorsteuerung ist zwar ein relativ kleiner Baustein, sie zeigt aber ganz gut, woran es dem Team am meisten fehlt: Zeit. „Bis wir die MS4 so programmiert haben, dass sie zum Triebwerk passt, vergehen etliche Wochen“, erklärt Vanessa Nieling, Elektrotechnik-Studentin und eine von sechs Frauen im Team. Dabei investieren die Studis schon jetzt 20 Stunden die Woche zusätzlich zu ihrer normalen Arbeit oder dem Studium. Je näher der Wettbewerb im August rückt, desto kürzer werden die Nächte.

„2009 bestes Newcomerteam zu werden, das wär’ cool“, freut sich Holger Hinrich, Maschinenbau-Student, trotzdem auf den Wettbewerb am Hockenheimring. Und ein bisschen Zeit, um vom ersten Auftritt zu träumen, bleibt auch: In der Boxengasse, in der sonst die Formel 1 gastiert, tummeln sich Studenten aus aller Welt, schrauben an ihren Kisten, präsentieren einer Jury ihr Konzept und ihren Businessplan und jagen ihre Formelautos gegen die Uhr durch einen Parcours. Benzingeruch liegt in der Luft, Motoren dröhnen, und die Stuttgarter BA-Studis sind mittendrin. Nur die Honda ist verschwunden. Einfach weg. Doch im Sleek, zwischen Schalensitz und Hinterradachse, lebt sie weiter.

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