Szene: Harley- und MZ-Treffen Harley-Fete und MZ-Emmenrausch

Die einen feiern ihren 105. die anderen ihren vielleicht letzten Geburtstag. Harley-Davidson und MZ, zwei Traditionsmarken, die das gleiche Schicksal eint: Sie kommen von ihrem Image nicht los. Doch während die einen reich damit werden, droht den anderen der Ruin.

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Geschäftig beflaggen Jeanie und Ray Jordan ihre blitzblanke Road King Classic. 102, 103, 104 – exakt 105 US-amerikanische Fahnen. Für jedes Jahr, das Harley-Davidson überlebt hat, eine. So gerüstet erobern die beiden einen Platz in vorderster Front der 7500 Maschinen starken Anniversary-Parade durch Milwaukee. Zwischen Polizeistaffel, Bürgermeister und Harley-Prominenz, wie Willy G. Davidson "and his lovely wife Nancy", platzen die Jordans fast vor Stolz. "Proud to be Americans, proud to be here."

Milwaukee bebt. Milwaukee dröhnt. Milwaukee feiert den 105. der "company", wie der weltweit älteste Motorradhersteller in seiner Heimat am Michigan-See genannt wird. "Welcome home riders", an Brücken, Fassaden, Schaufenstern prangt dieser ungekünstelte Satz – und heimgekommen sind mehr als eine Viertelmillion. Auch Fans aus Brasilien, Mexiko, Australien, Europa. Sie pflastern die Straßen mit Schwermetall, verwandeln die Stadt in eine wummernde Party-Zone. Bis zu 100 Dezibel liegen an der Wisconsin Avenue in der Luft. Hohndorf hat keine Avenues. Es hat die Alte Marienberger Straße, und da liegt auf erzgebirgischer Höhe das Werk von MZ. Hohndorf bebt nicht, Hohndorf dröhnt nicht. Hohndorf knattert, denn es ist "Emmenrausch, das offizielle MZ-Motorradtreffen", und dieses wiederum ist in der Hauptsache ein Treffen von Zweitaktern. Es kam keiner aus Brasilien, aber ein paar Finnen sind da, und zwar auf Achse. Nicht um sich an großem Wahn zu berauschen. Zum Rausch kommt man, um als Fan, nein, als Freund der Marke andere Freunde zu treffen, so an die 1500 vielleicht. Bei MZ gibt es auch keinen Willy. Es gibt einen Steve Yap, den vom malaysischen Investor Hong Leong Berhad eingesetzten Geschäftsführer, der sich beim Emmenrausch, logisch, nicht blicken lässt. Wenn alles so läuft, wie es derzeit aussieht, wickelt Yap Ende des Jahres den Fall MZ ab. Findet sich kein Investor, der fünf Millionen hinstreckt, dann war‘s das nach fast 90 Jahren Motorradbau in Sachsen. Milwaukee lebt Harley, atmet Harley, ist Harley – und Harley ist dieser Tage Amerika, wobei Amerika hier nichts anderes meint als die USA. Irgendwie hat es die Marke mit dem Adler im Logo geschafft, zur nationalen Angelegenheit aufzusteigen. Vietnamveteranen, Homosexuelle, Hausfrauen, Rocker, Politiker, Gutmenschen, kurz die gesamte Gesellschaft, beansprucht "the all American bike" als Vehikel, sich selbst oder etwas noch Größeres zu verwirklichen. Harley verbindet. Der Marktanteil an Motorrädern über 651 Kubik liegt bei stabilen 48 Prozent. Und außer den 105 "Stars and Stripes" der Jordans wehen bei der Party noch 100000 – oder sind‘s 200000? – weitere.
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Von Freiheit und Geschichte

Staatsangelegenheit war auch MZ, und 48 Prozent Marktanteil wären eine Schlappe gewesen. Bis 1989. Seitdem fährt man MZ aus genau dem Grund nicht mehr, aus dem man Harley-Davidson fährt: wegen der Freiheit. 1990 noch verkaufte das Ex-DDR-Unternehmen 70000 Motorräder, ein Jahr später nur mehr 15000. Neben seiner auf Hochglanz polierten TS 250/1 stehend, erzählt Thomas, "man fuhr MZ, weil man musste". Als man fahren konnte, was man wollte, war mit Emme erst mal Schluss. Irgendwann wollten einige wieder, doch habe das mit persönlicher, nicht mit politischer Biographie zu tun: Im Zweitaktnebel wabern Erinnerungen an die Jugend, so einfach ist das. Neue MZ indes hängen im luftleeren Raum, zielen an der Jugend vorbei. Die kommt zwar zahlreich zum Emmenrausch, aber eben meist zweitaktend.

Junge Gesichter sucht man beim Harley-Fest länger, Geschäftig beflaggen Jeanie und Ray Jordan ihre blitzblanke Road King Classic. 102, 103, 104 – exakt 105 US-amerikanische Fahnen. Für jedes Jahr, das Harley-Davidson überlebt hat, eine. So gerüstet erobern die beiden einen Platz in vorderster Front der 7500 Maschinen starken Anniversary-Parade durch Milwaukee. Zwischen Polizeistaffel, Bürgermeister und Harley-Prominenz, wie Willy G. Davidson "and his lovely wife Nancy", platzen die Jordans fast vor Stolz. "Proud to be Americans, proud to be here." Junge Gesichter sucht man beim Harley-Fest länger, kein Wunder, bei den aufgerufenen Preisen. 60 Dollar kostet das Event-Ticket. Dafür gibt‘s Live-Musik, Stuntshows, Ausstellungen vom Feinsten und überhaupt alles, was man von Biker-Treffen so kennt. Nur in gigantischerem Umfang. Außer barbusigen Damen, versteht sich. Schließlich sind wir in Puritanien. Sogar der "sexy bikewash" und die frei organisierten "street parties" gehen gesittet ab. Scheint aber keinem was auszumachen. "I need no tits", sagt Ben. Er sei hier, um diese großartige Gemeinschaft und das Konzert Hunderttausender "big twins" zu genießen.

Über seine Sturm-und-Drang-Zeit ist der amerikanische Harley-Kunde hinaus. Kutte hin, Piratentuch her, stellt er sich artig in die 25-Meter-Schlange fürs Miller Beer, steckt bestens gelaunt sechs Dollar dafür ab und zahlt gerne zehn fürs Parken in direkter Reichweite zum Festgelände. Von ein paar versprengten Hardcores abgesehen, hat die Zunft mit dem zur Schau getragenen Bild vom Einprozenter nichts mehr gemein. Hollister, Easy Rider, Captain America – alles verdammt weit weg. Unheimlich anständige Leute sind das, die Kohle für gute Zwecke sammeln, sich gegenseitig beim Rangieren helfen und das "wahre Amerika" längst auf ihrer Veranda oder in 30 Kilo Übergewicht gefunden haben.
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Outlaw-Image und Profi-Spießer

Okay, okay, auch das ist jetzt Klischee. Trotzdem: Es grenzt ans Geniale, wie die Motor Company ihr Outlaw-Image konservieren und vergolden konnte. Wie sie es versteht, Profi-Spießern das Gefühl von Individualität zu verkaufen, ohne bei den echten Freaks in Verruf des opportunen Massenproduzenten zu geraten. Massenproduktion? Kein Thema, beim einst größten Motorradhersteller der Welt. Zwar erzielte MZ im Geschäft mit Motorrädern 2007 eine Zuwachsrate von 11,6 Prozent. Doch in absoluten Zahlen liest sich das ernüchternd: 221 statt 198 Maschinen. Von den 125ern ließen sich nur noch 838 absetzen. Axel und Marc, der eine mit Ba-ghira, der andere mit ES 250/0, beide jung, meinen: "Das liegt nur am Vorurteil." Osten, DDR, drüben, Zweitakt, Fahne. Das Kernproblem von MZ: Nie galten sie als so "all German" wie Harley als "all American" gilt. Es ließ sich das VEB-Motorrad partout nicht so wenden, als dass es Gesamtdeutschland hätte bewegend finden wollen. Aber das muss nicht an MZ, das könnte sehr gut auch an diesem Gesamtdeutschland liegen, was ja in vielem längst nicht so "united" ist wie die "States".

In der Frage MZ zum Beispiel: Missmanagement, falsche Modellpolitik, Schurken, die Millionen an Subventionen abzweigten, und ein Fernostinvestor, dem es gar nicht ums sächsische Motorrad ging, sagen die einen. Die anderen sehen MZ immer noch nicht als defizitären Kleinbetrieb mit rund 30 Beschäftigten. "MZ? Ich kann dir sagen, warum ich diese MZ fahre", meint Erhard aus Berlin und erzählt ganz ohne Ostalgie von 1969 und dem Traum eines 16-Jährigen: Trophy Sport 250, rot. Die Wirklichkeit des Unternehmens, das seit Jahren lang-sam ausblutet und nun mit dem Rücken zur Wand steht, spielt in solchen MZ-Geschichten keine Rolle. So wie in Milwaukee keine Rolle mehr spielt, dass auch Harley-Davidson ohne Hilfe der Regierung die frühen 1980er nicht überlebt hätte.
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Alte US-Öfen gegen japanische Big Bikes

Gegen die starke japanische Konkurrenz waren die technisch veralteten US-Öfen machtlos. Ronald Reagan richtete das, erhob bis zu 45-prozentige Schutzzölle auf Big Bikes aus dem Fernen Osten. Harley reorganisierte sich währenddessen, und die Verkaufszahlen kletterten langsam wieder über 30000. Von da an liest sich die Geschichte wie das Märchen vom Tellerwäscher und – Sie wissen schon. 1995 wurden die 100000 geknackt, 2006 ums Haar die 350000. Zurzeit rutschen die Stückzahlen etwas ab, und schon ist die Rede von Entlassungen, doch der Umsatz lag auch 2007 noch bei knapp sechs Milliarden US-Dollar. Unterm Strich machte das rund eine Milliarde Reingewinn. Da kann man sich zum 105. schon einen Bruce Springsteen samt Foo Fighters, ZZ Top und Kid Rock leisten. Dreieinhalb Stunden singt der BOSS. Seine Show ist brillant – lässt kaum an einen 59-Jährigen glauben. So ist das mit Legenden.

Rock gibt‘s beim Emmenrausch ebenfalls. Nicht Kid, sondern Torf. Aber auch live. Und natürlich gibt‘s einen Sexy Bikewash – mit allem. Es gibt Softeis und Bier, Bratwurst und Plätze, sein Zelt aufzustellen, die schöner nicht sein könnten. Es gibt freundliche Nachbarschaft und entspanntes Miteinander, wundervolle Umbauten, die nicht mit Zubehörkatalog, sondern mit Einfallsreichtum und Liebe zum Detail entstanden sind. Nichts ist "great", aber alles echt. Und dann war da noch die Möglichkeit, sich für 30 Euro übers Wochenende ein persönliches Dixi-Klo zu mieten. Quasi als Statement. "Es ist eine Frage der Ehre. Man kann das Werk zumachen, aber nicht MZ", sagt Christian, "weil das die Leute ja im Herzen tragen." Oder als Aufnäher an zerfledderter Jeansjacke. Auch ein Statement. So ist das mit Legenden.

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