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KraftRad Klassiker-Ausstellung

Szene: Klassiker-Motorradausstellung KraftRad Echte Klassiker mit Liebe behandelt

Die Schau "KraftRad" im "Audi museum mobile" in Ingolstadt zeigt 67 exklusive Motorräder 47 verschiedener Marken, darunter absolute Einzelstücke. Die Ausstellung läuft nur noch bis zum 31. Januar 2012.

Wer ins Audi museum mobile nach Ingolstadt pilgert, der erwartet nur eines: Autos. Mit vier Ringen auf dem Kühler, von Audi, Horch, DKW und Wanderer, den vier Marken der Auto Union ab 1932. Doch das erste, was der 23 Meter hohe, verglaste Rundbau seinen Besuchern auf der Straßenseite zeigt, sind – Motorräder. Als Ausdruck ruhmreicher Zweirad-Historie von Audis Vorgängermarken. Wanderer begann mit der Produktion von Fahrrädern und später Motorrädern. DKW war 1928 und 1937, NSU 1955 größter Zweiradhersteller der Welt.
Und der Legende nach inspirierte eine Hildebrandt & Wolfmüller August Horch, motorisierte Fahrzeuge zu bauen: Der geniale Ingenieur und Tüftler soll Ende des 19. Jahrhunderts bei einer Vorführung des ersten Serienmotorrad der Welt so begeistert gewesen sein, dass er später großartige Autos baute; erst Horch und später, 1909, Audi gründete. Aus all diesen Gründen würdigt die Traditionsmarke in ihrer Dauerausstellung auf vier Ebenen samt zugehörigem Katalog auch viele Motorräder bis 1956.
Nun aber präsentiert das im Jahr 2000 gegründete Audi museum mobile zum ersten Mal eine reine Sonderausstellung zu Thema „Motorrad“. Sie tut das mit Hingabe, viel Sachverstand und einem tollen Konzept: 67 Maschinen von 47 Marken und 33 Leihgebern beleuchten das Thema „KraftRad“, so der Titel der Ausstellung, in (fast) all seinen Facetten. Bis auf vier Gespanne, stehen sämtliche Motorräder auf Trägern an der Wand, alles ohne Absperrungen. In der Mitte der Schau ragt der Nachbau eines Steilwandkessels auf, der eine DKW RT 250 und NSU OSL 251 Steilwandmaschine integriert – als die Jahrmarktsattraktionen der 1950er und 60er Jahre, bis heute nicht wegzudenken auf dem Münchener Oktoberfest.

Der Clou der Schau ist ihre Einteilung nach griffigen Kapiteln. Sie bringen Struktur, einen roten Faden, in diese unerschöpfliche Materie. Was ist ein Chopper, was ein Scrambler, was eine Enduro? Wie sind Maschinen für Speedway, Trial oder Motocross charakterisiert? Was kennzeichnet einen Café Racer, was Tuning-Maschinen und Typen für Geschwindigkeitsrekorde? Einfache Fragen. Doch die Auswahl der Exponate und hervorragende Begleittexte geben meist schlüssige Antworten. Fredl Schranz, einer der Kuratoren, sagt: „Audi sieht sich nicht mehr als Zweiradhersteller. Aber diese Ausstellung lag in unserem eigenen Interesse.“ Das merkt man. Für Schranz sind Spaß an der Bewegung auf zwei Rädern, das Spiel mit Schräglage und Beschleunigung keine Floskeln. Er restauriert selbst, hat 20 eigene Maschinen in seiner Privatsammlung. Der Ingolstädter fährt selber Rennen, Trial, Enduro und Straße. Die dabei geknüpften Kontakte waren hilfreich, Türen zu öffnen, etwa bei HPN, Krauser und EML oder diversen Museen. „Wir spinnen die Geschichte einfach weiter, erinnern an die Evolution der Fortbewegung auf zwei Rädern, vom Fahren müssen zum Fahren wollen“, ergänzt Stefan Felber, der andere Kurator.

„Die Motorräder von DKW sicherten der Auto Union im Jahr 1949 nach dem Wegzug von Sachsen nach Bayern das wirtschaftliche Überleben“, sagt Felber. Eine Schlüsselstellung nimmt daher die firmeneigene DKW RT 125 W als Opener der Schau ein: Die Konstruktion von 1939 gab nach 1945 West- wie Ostdeutschland die Mobilität zurück. „Nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr patentgeschützt“, erläutert Stefan Felber, „wurde die RT 125 zum meistkopierten Motorrad der Welt.“ Viele namhafte Hersteller bauten den Zweitakter nach, in zusammen rund fünf Millionen Exemplaren. Auf 20 eins-zu-eins-Kopien stießen die Audianer bei ihrer Recherche, vier davon stellen sie aus: die britische BSA Bantam 125 und die ab 1948 gebaute Harley-Davidson Hummer. Ferner die sowjetische Minsk/Moskva M1A und die schwedische Nyman NV 11 C Tiger. „Nur Yamaha konnte uns leider keine YA-1 geben“, bedauert Fredl Schranz. „Schade, legte sie doch den Grundstein für die Entwicklung zum zweitgrößten Motorradhersteller der Erde.“ Berührungsängste hat Audi keine, auch nicht mit Firmen, die selber Autos bauen. Maschinen von BMW, Suzuki oder Honda sind vertreten.

Klar, die Sechszylinder-Ikone Honda CBX und eine Münch 4 TTS dürfen bei „Superlativen“ nicht fehlen. Ebenso wenig die Audi bei exklusiven Antrieben: der Prototyp Z02 wurde 1977 ohne Entwicklungsauftrag mit 1100er-Vierzylinder aus dem Audi 50 gebaut. Dem Besucher erhellt diese Vielfalt im Vorübergehen alle wichtigen Motorrad-Gattungen. Mancher vermisst vielleicht Klassiker vom Schlag einer Honda CB 750, Ducati 916 oder Moto Guzzi V7. Umso stärker sind Gelände- und Rallymaschinen sowie absolute Einzelstücke vertreten. Motorrad-Laien lernen hier das Staunen, Zweirad-Cracks viel dazu.


Wer kennt schon Maschinen des englischen Fahrwerksspezialisten Tony Foale? Mit Achsschenkellenkung und einteiligem Kunststoff-Monocoque? Die gezeigte QL 2 treibt ein 1000er-BMW-Boxer an. Ein verflucht seltener Exot. Wann sah man zuletzt eine Hercules Wankel GS live? Oder eine Maico 760 GS, mit Dreiviertelliter-Zweitakt-Single? Oder eine Urs als Solo-Maschine? Ihr 80 PS starker 500er-Vierzylinder war Ende der 60er-Jahre eine Sensation. Hier und heute ist sie mit 450000 Euro Versicherungswert das teuerste Motorrad der Exposition.

Das Mofa Kreidler Flory 3-Gang (Kapitel Tuning – von 1,5 auf bis zu zwölf PS) und die Hercules K50 Ultra II LC (Kapitel Kleinkrafträder) repräsentieren das andere Ende des Spektrums, stehen für viele Jugend-Erinnerungen. Vielleicht ist dies der größte Verdienst dieser Ausstellung: Dass man gar keine besondere Affinität zum Motorrad haben muss, um sie hier toll zu finden. Menschen, die einfach nur ihren neuen Audi abholen wollten. Das Gästebuch verzeichnet Besucher aus der ganzen Welt. Der Katalog zur „KraftRad“-Ausstellung wird satte 300 Seiten umfassen, jedes gezeigte Motorrad von allen Seiten, sogar von oben ablichten. Als i-Tüpfelchen einer mit Liebe gestalteten, sehenswerten Schau.

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MUSEUMS-INFOS
Die Sonderausstellung "KraftRad" im Audi museum mobile in Ingolstadt (Ettinger Straße) läuft bis 31. Januar 2012, täglich von 9 bis 18 Uhr. Sie ergänzt die Dauerausstellung, die neben Autos auch Motorräder der Audi-Vorgängermarken Wanderer, DKW und NSU zeigt. Eintritt: zwei Euro, mit einstündiger Führung vier Euro, ermäßigt jeweils die Hälfte. Den 300 Seiten starken Ausstellungskatalog gibt's für 19,90 Euro unter museumsladen@audi.de. Und mehr Informationen per Telefon 08002834444 und www.audi.de.

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